Kassel - Zu Besuch bei Frau Holle: Auf den Spuren der Brüder Grimm

Zu Besuch bei Frau Holle: Auf den Spuren der Brüder Grimm

Von: Stephanie Saueressig, dpa
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Kassel. Wohlig warm unter die Decke gekuschelt, ist es abends für viele Kinder das Größte, eine Gutenachtgeschichte vorgelesen zu bekommen. Oft sind es dieselben Geschichten, die seit Generationen erzählt werden: die Märchen der Brüder Grimm.

Vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, erschien die Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen. „Es ist das meistgelesene Buch nach der Bibel”, erzählt Helga Kasprowicz, Gästeführerin in Kassel. Anlass genug für eine Spurensuche in Hessen.

Die Reise beginnt in Hanau. Hier kamen Wilhelm und Jacob zur Welt. Ihnen zu Ehren wurde hier das Brüder-Grimm-Nationaldenkmal auf dem Neustädter Marktplatz errichtet. Das Geburtshaus stand am Freiheitsplatz. Zu sehen gibt es davon heute nichts mehr. Im Zweiten Weltkrieg wurde es im Bombenhagel zerstört.

Wer in die Welt der Märchen eintauchen will, geht deshalb am besten auf Schloss Philippsruhe. Hier steigen zwischen Mai und Juli die Brüder Grimm Märchenfestspiele im Amphitheater. Spannend ist vor allem das Zusammentreffen mit Tante Schlemmer. „Ich bin die verwitwete, 16 Jahre ältere Schwester des Vaters, aber eigentlich sowas wie die Oma”, erzählt Margrit Kunze, die als verkleidete Stadtführerin ihre Rolle mit Leib und Seele verkörpert. Sie hat die Kinder durch ihre frühe Jugend begleitet und geprägt.

Während die Tante mit der Besuchergruppe durch die Stadt streift, plaudert sie aus dem Nähkästchen. Sie war es, die den Buben im Alter von vier und fünf Jahren das Lesen beigebracht hat. „Die Zwei wollten immer nur lesen, aber keine Kinderbücher, sondern Naturbücher”, erzählt Kunz. „Dann sind sie raus und haben alles, was sie fanden, seien es Käfer oder Blätter, gesammelt, gepresst und dann nach Größe, Farbe und Form geordnet.”

Das zahlte sich später aus. Denn erfunden haben die Brüder Grimm die weltbekannten Märchen nicht. Sie haben sie gesammelt. Begonnen hat alles 1806 in Kassel. Die Zeit in der Residenzstadt, in der sie von 1798 und 1841 lebten, „war die schönste und wichtigste Zeit für die Grimms”, weiß Gästeführerin Kasprowicz. Sie wollten die alten Geschichten, die bis dato nur mündlich überliefert waren, bewahren. Rund 50 Beiträger halfen ihnen.

Das Haus in der Wildemanngasse 24, das die Brüder bewohnten, lag in der Altstadt, die in einer Bombennacht 1943 nahezu völlig zerstört wurde. Übrig geblieben ist lediglich eine Gedenktafel. Seit 1972 befindet sich zudem im Palais Bellevue das Brüder-Grimm-Museum. Eine neu gestaltete Ausstellung präsentiert Leben, Werk und Wirkung von Jacob und Wilhelm Grimm. Nicht zuletzt finden sich hier die Handausgaben der Kinder- und Hausmärchen.

Heute sind die Märchen weltbekannt. Doch die Erstausgabe wurde zum Ladenhüter. Die Märchen waren zu brutal und voller wissenschaftlicher Anmerkungen. „In den ursprünglichen Fassungen wurde Rapunzel geschwängert, und Rotkäppchen hat sich vom Wolf verführen lassen”, erzählt Kasprowicz.

Jacob, der, wie Kunze alias Tante Schlemmer erzählt, „eher der Denker und Wissenschaftler war”, interessierte das wenig. Für ihn war die Aufgabe mit dem Sammeln erledigt. Es war Wilhelm, „der Träumer und Poet”, der mehrmals alles überarbeitete, und alle Geschichten mit dem für heute typischen Grimmschen Erzählstil versah. 1825 wurde die kleine Ausgabe mit 50 Märchen ein Erfolg. 1857 dann die große, die 200 Märchen umfasste.

Eine weitere beeindruckende Sammlung der Märchen in verschiedensten Sprachen und Ausgaben findet sich im Brüder-Grimm-Haus in Steinau. 1791 zog die Familie von Hanau in das damals bereits 200 Jahre alte Amtshaus, das mit seinem beeindruckenden Fachwerk bis heute erhalten ist und ein Museum beherbergt. Der Besucher bekommt hier einen Eindruck, wie die Grimms gelebt haben und erlebt gleichzeitig in zehn Räumen eine lebendige Ausstellung zum Anfassen, die sich besonders für Kinder eignet.

In Hessen gibt es aber nicht nur historische Grimmstätten zu entdecken. Wer möchte, kann zum Beispiel das Dornröschenschloss besuchen oder sogar darin übernachten. „Märchen sind eigentlich nicht zu verorten”, sagt Günther Koseck, Inhaber der Sababurg, die in der Nähe von Hofgeismar liegt und seit über 100 Jahren als Dornröschenschloss beworben wird. Da die Brüder in Hessen gelebt haben, wurde für sie die unmittelbare Umgebung zur Inspiration ihrer Geschichten.

Das 700 Jahre alte Gemäuer sieht tatsächlich aus wie eine Filmkulisse: Rosen ranken Türme hoch, und im angrenzenden Tierpark liegen Rehkitze. Es gibt sowohl einen Märchenrundgang, Audienzen mit Dornröschen und ihrem Prinz, als auch Theater- und Musikvorführungen in den urigen Gewölben der Anlage.

Den Frau-Holle-Teich findet man etwa 60 Kilometer weiter südlich auf dem Hohen Meißner. Das sagenumwobene Gewässer umgibt eine magische Stimmung. Wer möchte, kann auch die Bettenschüttlerin treffen. Die ehemalige Sozialpädagogin Silvia Schaat-Dormeier führt als Frau Holle die Besucher rund um den Teich.

Info-Kasten: Brüder Grimm in Hessen

Grimm-Jahr: Der Programmschwerpunkt des Grimmjahres liegt im Jahr 2013. Offiziell beginnt das Festival aber schon im Dezember 2012 mit dem 200-jährigen Geburtstag der Kinder- und Hausmärchen.

Informationen: Regionalmanagement Nordhessen, Ständeplatz 13, 34117 Kassel (Tel.: 0561/970 62 00, E-Mail: info@regionnordhessen.de).

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