Madison/Athens - Wo der Wind nicht alles verweht hat: Der Antebellum Trail in Georgia

Wo der Wind nicht alles verweht hat: Der Antebellum Trail in Georgia

Von: Christian Röwekamp, dpa
Letzte Aktualisierung:
Antebellum Trail in Georgia
Alte Soldatengräber mit der Flagge der Konföderierten: Entlang des Antebellum Trail sind - wie hier in Madison - zahlreiche Opfer des US-Bürgerkrieges beerdigt worden.

Madison/Athens. Seit dem US-Bürgerkrieg sind mehr als 140 Jahre vergangen. Dennoch ist der blutige Konflikt zwischen Unionstruppen und Konföderierten von 1861 bis 1865 im Bewusstsein vieler Amerikaner immer noch sehr präsent. Dazu beigetragen haben nicht nur der Roman- und Filmklassiker „Vom Winde verweht” sowie die „Reenactments”, bei denen Laiendarsteller mit viel Kanonendonner die wichtigsten Schlachten noch einmal schlagen.

Ihren Beitrag leisten auch Attraktionen wie der Antebellum Trail in Georgia. Wer dieser Touristenroute folgt, entdeckt rasch, dass der Wind in den Südstaaten nicht alles verweht hat, was vor dem Sezessionskrieg dort an Prachtbauten entstanden war. 2009 wird der Trail 25 Jahre alt.

Die Fensterscheiben der Heritage Hall in Madison haben eine Reihe kleiner Kratzer. Das wirkt auf den ersten Blick störend, doch es erzählt auch eine kleine Geschichte: „Auf diese Art haben die Töchter des Hauses einst herauszufinden versucht, ob die Diamanten in ihren Verlobungsringen echt waren”, erzählt Betty Maxey, die in der 1811 gebauten Prunkvilla als Gästeführerin arbeitet. Wie die Kratzer beweisen, hatten die Herren Verlobten in den Jahren von 1830 bis 1870 nicht nur ernste Absichten, sondern wohl auch Geld in der Tasche: „Nur echter Diamant schneidet Glas”, klärt Betty ihre Besucher auf.

Die Heritage Hall in Madison ist eines von vielen Schmuckstücken entlang des rund 150 Kilometer langen Antebellum Trails. 1977 wurde das Gebäude, das schon durch die Hände von zehn Eigentümern gegangen war, zu einem Museum umgestaltet. Diese Aufgabe ist der Historischen Gesellschaft von Morgan County exzellent gelungen: Im Wohnzimmer brauchen die Gäste nicht viel Vorstellungskraft, um vor ihrem geistigen Auge die Honoratioren der Sklavenhaltergesellschaft an dem mit feinem Porzellan dekorierten Esstisch sitzen zu sehen. Und wenn gleich eine junge Frau im Rüschenkleid wie Scarlett OHara in „Vom Winde verweht” zur Tür hereinkäme, wäre das kaum verwunderlich.

Auf dem Immobilienmarkt würde die Heritage Hall wohl zwei bis drei Millionen Dollar (1,4 bis 2,1 Millionen Euro) bringen - wenn sie denn zum Verkauf stünde. „Es gibt hier auch alte Häuser, die das Doppelte kosten würden”, sagt Andy Williams von der örtlichen Handelskammer.

Das 3500-Einwohner-Städtchen Madison liegt etwa in der Mitte des Antebellum Trails und bietet Besuchern eine enorme Verdichtung von Bausubstanz aus der Zeit „vor dem Krieg”, wie sich das lateinische Wort Antebellum übersetzen lässt. Allein an der Main Street und der Academy Street reihen sich fast 40 Gebäude aus dem 19. Jahrhundert aneinander. Touristen bekommen einen Stadtplan in die Hand gedrückt, ziehen von Haus zu Haus und staunen immer wieder.

Dass Madison so viel Architekturgeschichte auf so wenig Fläche bietet, hat der Ort dem Umstand zu verdanken, dass der Unions-General William T. Sherman ihn nicht wie andere niederbrennen ließ, als seine Soldaten 1864 auf dem Marsch von Atlanta zum Atlantik waren. Um die Tatsache, dass Sherman damals Madison schonte, ranken sich einige Geschichten - zum Beispiel, dass er den Ort so schön fand oder dass seine Geliebte hier wohnte. „Alles Unfug”, sagt Andy Williams. „Aus Madison kam damals der Senator Joshua Hill, der gegen die Trennung Georgias von der Union gewesen war” - und dem habe Sherman einen Gefallen getan. Auch Gräber aus jener Zeit gibt es noch zu sehen: Auf dem Friedhof sind zum Beispiel 52 Soldaten der Konföderierten bestattet worden, die in Hospitälern im Umland gestorben waren.

Wer nur einen Tag Zeit hat, um den Antebellum Trail zu erkunden - zum Beispiel weil er selbst auf dem Weg von Atlanta zum Ozean ist -, der ist in Madison gut aufgehoben. Frei von Makeln ist der Ort zwar nicht, wie der ebenso starke wie störende Lkw-Verkehr beweist, der mitten durchs Zentrum rauscht. Aber Madison vermittelt einen guten Eindruck davon, wie es zu Zeiten von Scarlett OHara und Abraham Lincoln hier ausgesehen haben könnte. „Dass alte Häuser einfach abgebrochen wurden, hat es hier nicht gegeben”, versichert Williams.

Das ist weiter nördlich in Athens, einem der beiden Startpunkte des Antebellum Trails, nicht immer so gewesen. Auch hier gibt es noch mindestens zwei Dutzend Häuser aus der Zeit vor 1861. „Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war nur alles Neue gut. Das Alte wurde weggemacht”, erinnert sich die Stadtführerin Janet McNair-Clark. „In den 60er Jahren begannen die Leute dann zu bemerken, was sie da verlieren.” Der Abriss ganzer Stadtviertel ging dennoch weiter - und setzt sich immer noch fort. „Viele Leute hier in Athens denken bis heute, dass die meisten Besucher in der American-Football-Saison im Herbst in die Stadt kommen”, sagt Amy Clark vom Tourismusamt. „Tatsächlich aber kommen die meisten wegen des Erbes an Geschichte und Architektur.”

Athens ist eine Universitätsstadt mit vielen jungen Leuten: Etwa 34.000 Studenten gibt es hier bei insgesamt 110.000 Bewohnern. Am Abend sind die Clubs und Kneipen voll, die Musikszene der Stadt hat unter anderem R.E.M. und die B-52s hervorgebracht. Der Plattenladen „Wuxtry” an der Ecke von Clayton und College Street ist für Fans von R.E.M. ein Pilgerziel geworden, weil sich hier zwei Bandmitglieder das erste Mal getroffen haben, erzählt Amy Clark. Aber auch uralte Traditionen werden hochgehalten: Am Nordeingang zum Uni-Campus zum Beispiel steht ein Torbogen mit drei Säulen, die Weisheit, Freiheit und Mäßigung symbolisieren sollen. „Nur wer schon graduiert ist, darf unter den Bogen durchlaufen”, erklärt Amy Clark. „Alle anderen müssen drumherum.” Außen sind die Treppenstufen schon ziemlich ausgetreten.

Die Uni ist die älteste Georgias und zugleich die Keimzelle der Stadt. Die ersten Studenten wurden hier 1801 unterrichtet, und der Stadtname Athens wurde nach dem Zentrum der Philosophie in der griechischen Antike bewusst gewählt. „Der Nachbarort Watkinsville wollte schon seinen Namen ändern, um den Campus zu bekommen”, erzählt Stadtführerin McNair-Clark. „Doch die Gründer lehnten Watkinsville ab, weil es da eine Kneipe gab” - wie sich die Zeiten geändert haben.

Heute wirkt die Hochschule wie eine Stadt in der Stadt, und zwischen den schmucken Ziegelsteinbauten unter den hohen Laubbäumen wünscht man sich als Tourist schnell, noch einmal Student sein zu dürfen, um in einem Austauschjahr das Leben in Athens zu genießen.

Zum historischen Erbe der Stadt gehört unter anderem eine doppelläufige Kanone aus Bürgerkriegszeiten, die vor der City Hall noch immer in Richtung Norden zeigt. „Nur zur Sicherheit”, heißt es scherzhaft in Athens - als könnte der Bürgerkrieg erneut aufflammen.

Zu den Häusern aus dem 19. Jahrhundert, die besichtigt werden können, gehören unter anderem das Church-Waddel-Brumby-House von 1820 und das T.R.R.-Cobb-House. Es hat eine im Wortsinne sehr bewegte Geschichte hinter sich, denn es wurde 1985 komplett nach Atlanta versetzt und kehrte 2005 auf einem Schwertransporter wieder zurück. Das ursprünglich 1834 gebaute Haus zeigt mit seiner Einrichtung den Zustand der Jahre 1852 bis 1862, als die Cobb-Familie in Georgia politisch sehr einflussreich war. In der Bibliothek zum Beispiel hängt eine in Deutschland gedruckte USA-Landkarte jener Zeit, auf der noch zwischen den „Unions”- und „Sklaven-Staaten” unterschieden wird.

Entstanden ist der Antebellum Trail 1984 durch die Projektarbeit einer Studentin an der Universität von Georgia. Wer sich entlang der Route etwas Zeit nimmt, um Geschichte und Architektur aus den Jahrzehnten vor dem US-Bürgerkrieg zu erkunden, sollte drei bis vier Tage dafür einplanen. Denn neben Madison, Athens, Watkinsville und Macon präsentieren auch Eatonton, Old Clinton bei Gray und Georgias alte Hauptstadt Milledgeville eine ganze Reihe von Attraktionen.

Auch Milledgeville ist Universitätsstadt, unter anderem hat hier Georgias letztes Militärcollege seinen Sitz. Die rund 1500 Kadetten werden zum Teil im alten Staats-Kapitol unterrichtet, das bis 1868 der Parlamentssitz des Staates war. Eine Ausstellung zur Geschichte Georgias im Gebäude ist jedoch für jedermann zugänglich. Touren gibt es auch im „Old Government Mansion”, dem Dienstsitz von nacheinander acht Gouverneuren. Auch hier wirkt noch vieles so, als sei der Bürgerkrieg nie ausgebrochen - vom Schlafgemach des obersten Sklaven im Keller bis zum Kinderzimmer im zweiten Stock, wo die Puppen und Schaukelpferde den Anschein erwecken, als seien sie gerade erst von den Töchtern des Gouverneurs aus der Hand gelegt worden. Kratzer in der Fensterscheibe sucht der Antebellum-Tourist hier aber vergeblich.

REISEZIEL: Der Antebellum Trail verläuft östlich bis südöstlich von Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. Die Start- und Zielorte Athens und Macon sind dabei 110 bis 130 Kilometer von Atlanta entfernt.

ANREISE UND FORMALITÄTEN: Nach Atlanta fliegen täglich Delta Air Lines (von Düsseldorf, Frankfurt/Main, München und Stuttgart aus) sowie die Lufthansa (von Frankfurt aus). Für Deutsche besteht keine Visumspflicht, wenn sie als Urlauber oder Geschäftsreisende maximal 90 Tage in den USA bleiben. Erforderlich ist ein maschinenlesbarer Reisepass. Vom 12. Januar an müssen sich deutsche USA-Touristen unter http://esta.cbp.dhs.gov rechtzeitig vor ihrem Abflug online anmelden.

KLIMA UND REISEZEIT: Im Sommer ist es in der Region oft schwül und mit gut 35 Grad auch heiß. Im Winter gibt es bisweilen Frosttage. Als beste Reisezeiten gelten der Oktober sowie die Monate März bis Juni.

GELD: Für einen Euro gibt es etwa 1,40 US-Dollar (Stand: Dezember 2008). Die gängigen Kreditkarten werden fast überall akzeptiert.

UNTERKUNFT: Viele historische Gebäude entlang des Antebellum Trails sind in Frühstückspensionen (Bed & Breakfast) umgewandelt worden. Die größte Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten bieten Athens (rund 2050 Hotelzimmer) und Macon (etwa 4500 Hotelzimmer).

Georgia Tourism, Horstheider Weg 106a, 33613 Bielefeld (Tel.: 0521/986 04 25, E-Mail: buero@georgia.org)
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