Whiskey-Leichen und Serienmörder: Geisterstädte in Kalifornien

Von: Christiane Raatz, dpa
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Gewollter Verfall: In Bodie rosten unter anderem Autos und alte Badewannen vor sich hin. Foto: dpa

Ballarat. Ein paar Bretterbuden, verfallene Lehmhäuser und ein Krämerladen: Ballarat, am östlichsten Zipfel Kaliforniens gelegen, ist der Inbegriff einer Geisterstadt.

In der flirrenden Hitze der Mittagssonne verschwimmt der Wüstenboden mit den Schemen des Panamint-Gebirges. Rock Novak hat Schutz im Schatten der Veranda seines Krämerladens, des General Store, gesucht. Er sitzt auf einem abgewetzten Sessel. Vor ihm sprudelt eine kalte Cola.

Rock Novak wartet - wie jeden Nachmittag. Auf ein paar verschwitzte Touristen, die eher zufällig auf dem Weg ins Death Valley vorbeikommen und sich aus ihren klimatisierten Autos mühen. Denen er neugierige Fragen beantworten und Geschichten erzählen kann. Von der Zeit, in der Goldgräber die Gegend unsicher machten und in den Saloons noch Leben war. Rock Novak ist Caretaker, der Aufpasser von Ballarat. Und er kennt die Geschichte des Ortes wie kein zweiter.

Die Stadt entstand Ende des 19. Jahrhunderts, als im Panamint Valley, einem Nachbartal des Death Valleys, Gold entdeckt wurde. Ballarat florierte bald als Versorgunsstation für jene Männer, die in den Bergen Gold schürften. Während ihrer Blütezeit zählte die Stadt zwar nur 500 Einwohner, hatte aber sieben Saloons, drei Hotels und vier Bordelle, erzählt Rock Novak.

Denn am Payday, dem Zahltag, gaben die Goldgräber in Ballarat einen Großteil ihres Lohnes aus, überwiegend für Frauen und Whiskey - wie Shorty Harris. Novak zeigt auf ein vergilbtes Zeitungsbild, das im General Store hängt. Von Harris Trinkgelagen erzählt man sich im Death Valley bis heute.

„Einmal schlief er seinen Rausch in einer Ecke des Saloons in Ballarat aus”, erzählt Novak. Ein paar Saufbrüder wollten ihm eine Lektion erteilen, zimmerten aus ein paar Brettern einen Sarg und legten ihn hinein. Als Harris nach ein paar Stunden anfing, sich zu regen, entzündeten seine Kumpane Kerzen und trugen den Sarg zum Friedhof. Harris flüchtete schreiend vor seiner vermeintlichen Beerdigung und ward die nächsten Monate nicht mehr in Ballarat gesehen.

Wahrscheinlich verbrachte der Goldgräber diese Zeit in Rhyolithe im Nachbarstaat Nevada, auf der anderen Seite des Death Valleys. Damals war der Weg dorthin ein beschwerlicher Marsch, heute erreicht man dem Ort in zwei Autostunden. Harris war es, der in Rhyolithe 1904 auf Gold stieß und damit einen wahren Rausch auslöste.

Nur wenige Jahre später lebten schon 10 000 Menschen in der Stadt, die meisten von ihnen Arbeiter, die für einen Tagelohn von drei Dollar in den Minen schufteten. Reich machte Harris das Gold allerdings nicht. Sein Geld verjubelte er in den Saloons.

Dass die Goldgräber trinkfest waren, davon zeugt heute das bunt glitzernde Flaschenhaus in Rhyolithe. Es wurde 1906 aus mehr als 30 000 Bierflaschen und Lehm gebaut - und ist heute das einzige erhaltene. Von Bank, Hotel, Schule und Bahnhof stehen in der einstigen Boomtown nur doch die steinernen Reste. Denn das Goldfieber in Rhyolithe währte nicht lange. 1910 drehten die Kreditgeber den Geldhahn fürs Schürfen zu, die Arbeiter zogen weiter.

Das gleiche Schicksal ereilte auch das östlich von San Francisco gelegene Bodie, eine der bekanntesten Geisterstädte in Kalifornien. Die Fensterscheiben des Saloons sind fast blind. Flaschen stehen auf dem von einer dicken Schicht Staub bedeckten Tresen. Wenn der Wind in das schiefe Holzhaus fährt, knackt und knarzt es im Gebälk.

Viele der windschiefen Häuschen samt Kirche und Mine haben dem rauen Klima wegen der geringen Luftfeuchtigkeit in den Bergen der Sierra Nevada getrotzt und schmiegen sich an die mit dichtem Gras bewachsenen Hügel. In den Scheunen stehen noch Kutschen, Autowracks und Badewannen rosten vor sich hin. Seit 50 Jahren wird Bodie quasi konserviert und heute als State Park betrieben.

In Ballarat hat es sich Rock Novak nach einem Rundgang wieder auf der Veranda bequem gemacht und schaut in die Wüste hinaus. Die Gegend ist so abgelegen, dass dort einer der berüchtigtsten Serienmörder der USA Zuflucht suchte. Hippie-Sektenführer Charles Manson versteckte sich in den 60er Jahren mit seinen Anhängern in den Bergen oberhalb von Ballarat. Sein Pickup steht heute noch zwischen den verfallenen Holzhäusern. 1969 wurde Manson hier festgenommen. Der inzwischen 75-Jährige sitzt bis heute in einem kalifornischen Gefängnis.

Sonne und Wüstenwind haben tiefe Furchen in Rock Novaks Gesicht gegraben. Er könnte 50, vielleicht auch 60 Jahre alt sein. Verraten will der Aufpasser sein Alter nicht, er sagt nur so viel: „Ich habe mein ganzes Leben in der Wüste verbracht. Aber du kannst 50 Jahre hier verbringen und wirst nie alle Geheimnisse der Wüste kennen.”

Informationen: Death Valley National Park, P.O. Box 579, Death Valley, California 92328, Telefon von Deutschland: 001/760/786 32 00,
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