Vulkanwandern in Indonesien: Durch Regenwald und Schwefelwolken

Von: Ulrich Meyer, ddp
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Es ist schon eine befremdliche Idee, mitten in den Tropen einen aktiven Vulkan zu besteigen - aber es ist auch ein Abenteuer. Foto: ddp

Banyuwangi. Es ist schon eine befremdliche Idee, mitten in den Tropen einen aktiven Vulkan zu besteigen - aber es ist auch ein Abenteuer. Da steht man nun, auf 2380 Metern Seehöhe, mitten in der indonesischen Wildnis.

Immer wieder kommen einem Gedanken in den Sinn, wie: „könnte ich schnell genug laufen, um einem Ausbruch zu entkommen?” oder „merke ich es, bevor ich in einer Gaswolke ersticke?”. Überlegungen, wie viele Stunden es bis zum nächsten vernünftigen Krankenhaus wären, verdrängt man lieber gleich ganz.

Aber was für ein Ausblick! Der Regenwald ringsherum, einer der letzten auf Java, und in der Ferne sieht man die Nachbarinsel Bali, deren fast schon mystischer Name Träume von sanfter Exotik und exquisiten Palmenstränden hervorruft. Doch in der Mondlandschaft oben auf dem Ijen scheint das alles unwirklich weit weg. Immer wieder ziehen vom Kraterinneren dicke Schwefelwolken zum Rand und lösen bei den Wanderern Hustenreiz aus. Manche halten sich bunte Batiktücher vor den Mund. Das hilft zwar nicht gegen das Gas, aber es beruhigt ein wenig. Geologe Marc Szeglat kennt das. „Man kann Atemprobleme kriegen. Schlimmstenfalls kann es zu Vergiftungserscheinungen kommen.”

Doch solange die erfahrenen einheimischen Arbeiter noch unterwegs sind, wird schon alles passen, hofft man. Ihre Tätigkeit erinnert an Bilder aus der vorindustriellen Zeit. Mehrmals täglich nehmen die Männer den steilen Fußweg vom Basiscamp zum Vulkan. Über 600 Höhenmeter legen sie jedes Mal zurück. Und das nur, um den im Vulkan an die Oberfläche tretenden Schwefel abzubauen. Sie steigen hinab in den Krater, zu einer Stelle ein wenig oberhalb des türkisfarbenen, stark ätzenden Kratersees. Gelber Rauch strömt zwischen den Felsen hervor. Das ist die Schwefelquelle. Dort zertrümmern sie die Brocken auf transportable Größen.

In zwei geflochtenen Bambuskörben, die mit einer Tragestange verbunden sind, schleppen die klein gewachsenen Männer pro Abstieg 60 bis 80 Kilo ins Tal. 600 Rupiahs bekommen sie für jedes Kilo des intensiv gelb leuchtenden Gesteins - das sind umgerechnet rund fünf Euro-Cent. Kein schlechter Tagesverdienst für indonesische Verhältnisse. Auf halber Höhe am Vulkan gibt es eine Kontrollstation.

Dort machen die Träger kurz Pause, hängen ihre Lasten an ein
Wiegegestell und bekommen kleine Zettel mit dem Ergebnis in die Hand gedrückt. 20 Tonnen Schwefel werden so pro Tag dem Schlund des Vulkans entrissen. Zehn Prozent der landesweiten Produktion in Indonesien, wie ein Führer berichtet. Eine Materialseilbahn gibt es nicht. Das Metall würde die aggressiven Vulkandämpfe nicht lange aushalten. Die Arbeiter müssen es. Sehr alt werden sie nicht, heißt es.

Nahe des Basiscamps auf rund 1700 Metern Höhe wird der Schwefel in einer Verarbeitungshütte weiter zerkleinert und eingeschmolzen. Dann wird das Material zur Verwendung in der Kosmetikindustrie oder für Medikamente mit kleinen geländegängigen Lastwagen abtransportiert. Gut 40 Grad herrschen hier im Mai. Dazu die feuchte Luft, die Regenzeit geht gerade erst zuende. Immer wieder gibt es kleine Schauer.

Manche der Träger haben Gummistiefel an, andere machen sich in offenen Zehensandalen auf den Weg. Immer wieder überholen sie dabei Gruppen von meist einheimischen Touristen, die sich nach oben quälen. Einige junge Indonesier sind mit Gitarre die zwei schweißtreibenden Stunden gewandert. Nun sitzen sie am Kraterrand und geben mit Klampfenbegleitung einige Lieder zum Besten. Es hat etwas völlig Surreales. Ausländer trifft man am Ijen relativ wenige. Die Gegend ist zu abgelegen, noch zu wenig touristisch erschlossen.

Schon die Anreise ist eine Herausforderung. Vom Flughafen der Küstenstadt Surabaya aus geht es per Minibus nach Banyuwangi, in die östlichste Provinz der Kaffeeinsel Java. Die chaotische Autofahrt mit Linksverkehr lässt einem immer wieder den Atem stocken. Ständig rennen Menschen, Hunde, Wasserbüffel über den stark befahrenen Hauptverkehrsweg. Riskante Überholmanöver gehören zum Selbstverständnis der einheimischen Fahrer. Die vielen Straßenbaustellen werden nach Einbruch der Dunkelheit durch Freiwillige mit Fackeln abgesichert, denen dafür im besten Fall von den vorbeirasenden Autos aus ein paar Rupiahs zugeworfen werden.

Rund 350 Kilometer sind es laut Karte. Fünf Stunden, sechs vielleicht, schätzt der verwöhnte Reisende. Als nach über elf Stunden Geruckel das Hotel am Fuß des Vulkans endlich erreicht ist, ist die Stimmung bei vielen bereits gegen null gesunken - trotz aller Exotik. Schließlich haben die Reisenden bereits den gut zwölf Stunden langen Flug aus Deutschland nach Singapur und danach noch einmal eineinhalb Stunden Shuttleflug weiter nach Java in den Knochen. Doch als am nächsten Morgen der Nebel über den Reisterrassen und Palmen aufsteigt und im Hintergrund der Ijen-Vulkan aus dem Dunst erscheint, ist das alles schon nicht mehr so schlimm. Kleine Geckos an den Zimmerdecken haben zudem dafür gesorgt, dass die erschöpften Touristen nachts nicht von stechendem Dschungelgetier belästigt wurden.

Mit zwei Geländewagen geht es nach dem Frühstück durch Kaffeeplantagen und Haine mit intensiv duftenden Nelkenbäumen in Richtung des beeindruckenden Kegelbergs. In den Dörfern an der Strecke herrscht fast beständig ein Geruch, wie von Kartoffelfeuern. Das komme von der Abfallverbrennung, sagt einer der Fremdenführer. Die ärmlich anmutenden Siedlungen mit ihren windschiefen Hütten, die Wände aus geflochtenem Holz, sind sehr sauber. Immer wieder sieht man Bewohner in gebückter Haltung, mit viel zu kurzen Reisigbesen vor ihren Häusern kehren. Bei ungeteerten Straßen eine müßige Tätigkeit, möchte man meinen. Doch liegen nirgendwo leere Plastikverpackungen oder Papierschnipsel herum.

Irgendwann endet das besiedelte und landwirtschaftlich genutzte Gebiet und rundherum ist nur noch der Dschungel mit seinen unendlich vielen Schattierungen von Grün. Hin und wieder sind in den Bäumen Gruppen von Makaken zu sehen. Die Piste holprig zu nennen, wäre eine unangemessene Untertreibung. Einer der Guides erklärt, die Straßen würden absichtlich in so schlechtem Zustand belassen, damit nicht Busladungen von Touristen einfallen - man weiß nicht, ob man ihm glauben darf.

Das indonesische Tourismusministerium ist jedenfalls an mehr Besuchern interessiert. Das weitgehend muslimische Land hat es nicht leicht. Ein verheerender Terroranschlag im Jahr 2002 auf der Insel Bali mit über 200 Toten hat dem Fremdenverkehr sehr geschadet. Auch in den folgenden Jahren gab es immer wieder islamistische Attacken. Erst im Juli 2009 kamen neun Menschen bei zwei Anschlägen auf Luxushotels in der Hauptstadt Jakarta ums Leben. Doch das ist Luftlinie über 800 Kilometer weit entfernt vom Ijen. Und die Freundlichkeit der Menschen lässt einen ohnehin nicht an solche Gefahren glauben.
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