Te Anau - Sternenhimmel unter Tage: Neuseelands Glühwürmchen-Grotten

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Sternenhimmel unter Tage: Neuseelands Glühwürmchen-Grotten

Von: Jennie Radü, dpa
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gluehwurm
Der Eingang zu einer anderen Welt: In kleinen Gruppen können Besucher die Höhlen von Te Anau in Neuseeland besichtigen.

Te Anau. Es gibt sie nur am anderen Ende der Welt, und auch dort sind sie schwer zu erreichen. Dennoch ist eine besondere Glühwürmchenart in Neuseeland zur Touristenattraktion geworden. Wer die Tierchen sehen will, muss aber ruhig sein - und darf keine Angst im Dunkeln haben.

Ruhig und gleichmäßig gleitet das kleine Boot vorwärts. Ein Wasserfall rauscht in der Nähe, sonst ist nichts zu hören. Eng nebeneinander kauern die zwölf Ausflügler auf den Bänken, nicht einmal ihre Hände können sie in der Dunkelheit erkennen. Einige haben die Köpfe weit in den Nacken gelegt, um die vereinzelt schimmernden Pünktchen über sich zu betrachten.

Andere recken die Hälse und versuchen bereits einen Blick hinter die nächste Biegung zu erhaschen. Dort liegt die größte der touristisch erschlossenen Höhlen von Te Anau auf Neuseelands Südinsel. Abertausende Glühwürmchen strahlen darin von der Decke wie Sterne an einem klaren Nachthimmel.

Es sind kuriose kleine Tiere, die den Ausflug in die Grotten am Ufer des Lake Te Anau unvergesslich machen. Das hat Angus Brown, ein 33-jähriger Neuseeländer, bereits klargemacht, bevor er die Gruppe in die Höhle führte.

„Nein, mit den europäischen Leuchtkäfern sind sie nicht verwandt. Es gibt diese Art nur hier in Neuseeland - und verwandte Arten im Osten Australiens”, beantwortet Angus die Frage eines Niederländers. Im Gegensatz zu den leuchtenden Insekten in Europa sei ihr Licht auch nicht grell-grün, sondern bläulich.

Neun Monate verbringen die Glühwürmchen als Larve. Durch ihr Leuchten versuchen sie Beute anzulocken: Je stärker ihr Hunger, desto heller strahlen sie. Fliegende Insekten sollen sich in den klebrigen Fangfäden verheddern, die die Tierchen von der Decke spinnen. Misslingt das Vorhaben, verspeisen sie auch ihre Artgenossen - Kannibalismus in der Dunkelheit.

Zwar sind die Höhlen von Te Anau bei Urlaubern nicht ganz so beliebt wie der weiter nördlich gelegene Milford Sound - eine faszinierende Fjordlandschaft, die sich kaum ein Besucher entgehen lässt. Doch Tausende Touristen legen jedes Jahr auf ihrem Weg dorthin einen Zwischenstopp in den Kalksteinhöhlen im Te Wahipounamu Nationalpark ein.

Seit 1990 zählen sie zum Weltnaturerbe der Unesco. Auch das macht den Ausflug aus Sicht des Touranbieters Real Journeys einzigartig: „Wo kann man sonst die Unterwelt eines solchen Naturerbes entdecken?”, fragt Firmensprecherin Diana McCurdy. „Viele Besucher sind überrascht, wie viel Leben es unter ihren Füßen gibt.”

In der Hochsaison im Südhalbkugel-Sommer sind die großen Schnellboote voll, die mehrmals täglich von der Kleinstadt Te Anau aus den zweitgrößten See Neuseelands überqueren - bis zum versteckten Eingang des Höhlensystems. Dort geht es in kleinen Gruppen zunächst zu Fuß durch die unterirdischen Gänge, vorbei an einigen Stalaktiten und einem Strom eiskalten Wassers, der donnernd in die Tiefe stürzt.

Schließlich gelangen die Touristen in kleinen Booten weiter in den Berg hinein in die große Glühwürmchen-Höhle. Aus geologischer Sicht ist sie noch jung - gerade 12.000 Jahre alt -, und sie ist nur ein Teil eines ganzen Grottensystems. Auf vier Etagen erstreckt es sich über 6,7 Kilometer unter der Erde.

Zu verdanken haben die Neuseeländer das Spektakel dem Abenteurer Lawson Burrows. Lange Zeit galten die „Höhlen mit strudelndem Wasser” (Te Ana-au) nur als eine Legende der Maori. In alten Zeiten hätten die Ureinwohner Neuseelands hier Gedenkstätten für ihre Ahnen errichtet, hieß es.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Zugänge zur Höhle allerdings in Vergessenheit geraten. Burrows durchsuchte drei Jahre lang das Dickicht auf einer Halbinsel am See, bis er 1948 einen Bach entdeckte, der aus der Felswand in den See schoss.

Burrows ließ sich unter Wasser gleiten, zwängte sich durch den schmalen Spalt zwischen den Felsen und tauchte im Schein tausender Glühwürmchen wieder auf. Später soll er gesagt haben, der Anblick habe ihn an Bilder vom Weltraum erinnert - unheimlich, aber nicht bedrohlich. Schon bald darauf folgten ihm die ersten Touristen.

„Feierlich” und „unglaublich romantisch” sei das Erlebnis für sie gewesen, schwärmt ein junges Pärchen aus Deutschland, wieder zurück im Tageslicht. In der dunklen Grotte zu sprechen, wagt keiner - Angus Brown hat zuvor auch alle ermahnt: „Ihr müsst leise sein, sonst wittern die Glühwürmchen Gefahr und hören auf zu leuchten.” Auch das Fotografieren ist wegen des hellen Blitzlichtes verboten - und ohne hätte es bei der Dunkelheit in den Höhlen keinen Sinn.

Wie die Larven aus der Nähe aussehen, bekommen die Besucher auf Fotos vor der Besichtigung gezeigt. Und die geschlüpften Mücken? Brown macht es spannend: „So schön sie leuchten - die Natur meint es nicht gut mit Ihnen.” Die Mücken können kaum fliegen. Aber damit nicht genug: Sie haben weder einen Mund noch ein Verdauungssystem - und verhungern deshalb nach wenigen Tagen. Immerhin: Einmal können sie sich noch paaren. 20 Tage später lässt eine neue Generation von leuchtenden Larven scheinbar den Himmel unter der Erde erstrahlen.

Glühwürmchen in Neuseeland

VERBREITUNG: Das Neuseeländische Glühwürmchen (Arachnocampa luminosa) ist auf der Süd- und der Nordinsel weit verbreitet. Vor allem in dunklen und feuchten Gebieten fühlt es sich wohl. Außer in den windgeschützten Grotten von Te Anau gibt es auch auf der Nordinsel in Waitomo große Vorkommen. Kleinere Kolonien sind aber auch in anderen Höhlen oder in ruhigen Flussbetten im gesamten Land verteilt, so auch im Botanischen Garten der Hauptstadt Wellington.

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