So gerade eben Ausland: Einkaufsstadt Venlo

Von: Christoph Driessen, dpa
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Anziehungspunkt für viele Touristen: Auf den Venloer Markt locken unter anderem mehrere Cafés. Foto: dpa

Venlo. Das Ruhrgebiet hätte in die Veranstaltungen zum Kulturhauptstadtjahr glatt eine Stadt einbeziehen können, die gar nicht im Revier liegt - und noch nicht einmal in Deutschland. Venlo in den Niederlanden ist seit Generationen als Einkaufsstadt gleich hinter der Grenze ein bevorzugtes Ausflugsziel an Wochenenden und Feiertagen.

Von Duisburg dauert die Autofahrt nur 20 Minuten. Und doch ist es eine andere Welt: keine Schimanski-Fassaden mehr, keine Mietskasernen und Autobahnringe, sondern schmucke, hutzelige Häuser mit großen Fenstern. Ein bisschen Ausland, aber nicht zu viel davon.

Alle Hindernisse, die ängstliche Naturen normalerweise von einem Auslandsbesuch abhalten, entfallen: Es gibt keine Kontrollen, keine komplizierte Anfahrt und vor allem keine Sprachbarriere. Alles ist auch auf Deutsch ausgeschildert und ausgezeichnet, teilweise sogar nur auf Deutsch! Insofern ist Venlo besser als Mallorca.

Weil der größte innerstädtische Platz, der Nolensplein, schon zu ausländisch klingt, heißt er in allen deutschsprachigen Hinweisen und Anzeigen seit Jahrzehnten einfach „Am Marktplatz”. Auf der Hauptzufahrtsstraße von der Autobahn sind sogar die Verkehrsregeln den deutschen Verhältnissen angepasst worden: Der Kreisverkehr hat Vorfahrt.

Viele Geschäfte haben sich auf die Deutschen spezialisiert. Bekanntestes Beispiel sind „Die 2 Brüder von Venlo”, ein riesiger Supermarkt mit 220 Mitarbeitern. Auf seinen Plastiktüten wirbt er mit dem richtigen Holland-Gefühl. Um das noch zu steigern, hängen über den Regalen und Verkaufstheken nachgemalte Ölschinken von Rembrandt.

An vielen Tagen, besonders an deutschen Feiertagen wie Christi Himmelfahrt oder dem Tag der Deutschen Einheit, wirkt Venlo wie eine von Deutschen bewohnte holländische Stadt. Diese Erfahrung machte auch der Rechtspopulist Geert Wilders, der in seiner Heimatstadt Venlo für sein islamfeindliches Wahlprogramm werben wollte: Er fand einfach keinen Niederländer - nur verdutzte Deutsche, die ihn nicht kannten und „Wie bitte?” oder „Ich kaufe nichts” sagten.

„Ich kaufe nichts” wirkt in Venlo allerdings nicht glaubwürdig - denn nach Venlo kommt man zum Kaufen. In ausbeulenden Plastiktüten und überladenen Handkarren schleppen die Deutschen ihre Beute ins nächste Parkhaus. Warum das so ist, ist eines der letzten ungelösten Rätsel der Verbraucherpsychologie. Früher, in den 60er oder 70er Jahren, konnte man in Venlo noch alle möglichen Sachen deutlich billiger bekommen, aber mittlerweile hat sich das Preisniveau weitgehend angeglichen. Vieles ist jetzt in Holland sogar teurer. Aber die Einkaufstouristen aus Deutschland kommen immer noch.

„In der Tat ist dies ein interessantes Phänomen”, sagt Lothar Peters vom Niederländischen Büro für Tourismus in Köln. „Für mich liegt die Erklärung in einer Mischung aus Gewohnheit/Tradition einerseits und andererseits dem Wunsch, den Einkauf mehr als Ausflugserlebnis zu erfahren.” Wirklich lohnt es sich noch bei Kaffee und vor allem bei Blumen und Pflanzen, die auf dem Venloer Markt - also dem Nolensplein - oft halb so viel kosten wie in Deutschland.

Venlo hat für die Deutschen aber auch eine kulinarische Seite. Pommes-Freunde wissen die meist bessere Qualität der holländischen Frietjes zu schätzen. Und schon für einen Euro gibts in Venlo die berühmte Frikandel - Kult bei deutschen Touristen. Sie ist nicht zu verwechseln mit der deutschen Frikadelle, die ihre holländische Entsprechung im Gehakt-Bal findet.

Von der äußeren Erscheinung her erinnert die Frikandel an eine lange faltige Zigarre. Was ihr Inneres betrifft, so kursieren seit jeher wilde Gerüchte über Kuheuter und Schlachtabfälle. Die Produzenten weisen dies jedoch zurück: Demnach ist die Frikandel aus gutem Hühner-, Schweine- und Pferdefleisch zubereitet. Was man objektiv feststellen kann, ist: Sie schmeckt besser, als sie aussieht.

Weitere kulinarische Höhepunkte in Venlo sind die holländischen Nussgeschäfte, die wirklich nichts anderes verkaufen als Nüsse in all ihren Variationen, Erdnussbutter, Hagelslag (Schokostreusel), scharfe indonesische Gewürze und natürlich Käse und Fisch. Der schmeckt am Venloer Marktstand noch genauso gut wie am Meer in Scheveningen.

Jede Woche kommen eine Viertelmillion Besucher nach Venlo. Damit das so bleibt, ist die 100 000-Einwohner-Stadt derzeit dabei, ihre Einkaufsfläche noch einmal um ein Drittel auf 90.000 Quadratmeter auszubauen. „Maasboulevard” heißt das Projekt, das derzeit am Ufer der Maas entsteht.

„Wir investieren, um die Leute noch länger hier zu halten”, sagt Stadtsprecher Remco Hoogstraten. Außer Geschäften sind auch viele Cafés und Restaurants geplant. Mal eben nach Venlo für ein Pfund Koffie - dafür soll die Stadt bald viel zu attraktiv sein.
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