Lienz - Schwindelfrei beim Hasensprung: Familienklettern in den Dolomiten

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Schwindelfrei beim Hasensprung: Familienklettern in den Dolomiten

Von: Deike Uhtenwoldt, dpa
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Schwindelfrei beim Hasensprung: Familienklettern in den Dolomiten
Kinder sind angstfreier - und lernen deshalb das Klettern oft schneller als Erwachsene. Foto. dpa

Lienz. Klettern ist groß in Mode, doch vor der alpinen Tour müssen Knoten und Abseilen gelernt, Kraft und Schwindelfreiheit trainiert werden. In den Lienzer Dolomiten können Anfänger auf 14 Klettersteigen, in 6 Klettergärten und auf 73 alpinen Klettertouren üben.<br />

Die Hände fest am Stahlseil, die Füße auf riesigen Eisennägeln, vor dem Bauch zwei Karabinerhaken, die ans Seil fesseln: Wären die Ausblicke nicht so grandios, die Klettersteigtour hätte etwas von einem Strafgefangenenzug, auf dem niemand ausbrechen oder überholen kann. Der erste Bergsteiger gibt den Takt an, die anderen folgen, immer am kargen Fels entlang und quer über wild schäumende Fluten hinweg.

Nur Erhard Seiwald tanzt aus der Reihe. Gerade war er noch hinter mir, bestand darauf, dass ich die Karabinerhaken immer versetzt einhänge, einmal mit der Öffnung zu mir, einmal mit der Öffnung zum Berg: „Ist sicherer so.” Jetzt ist er schon wieder ganz vorne, wartet auf einer schmalen Haltebucht, jenseits des Eisenweges: „Schaut mal, eine Türkenbundlilie”, sagt der Bergsportführer und deutet auf eine purpurfarbene Blüte in Pluderhosenform. „Steht unter Naturschutz, Pflücken strengstens verboten.”

Als wollten wir in sechs Metern Höhe über der Pirknerklamm einen Blumenstrauß binden. Es ist unser erster Klettersteig, auch Via Ferrata genannt, im Familienprogramm für Anfänger. Die ersten Gehversuche haben mehr mit Klammern als mit Klettern zu tun, und es ist gut, wenn einer einem die Augen öffnet für die Schönheiten der Natur.

Erhard Seiwald kennt sie gut. Als er vor 70 Jahren am Fuße der Lienzer Dolomiten aufwuchs, gab es noch keine erschlossenen Klettersteige mit massiven Stahlseilen und Sturzbremsen, die am anderen Ende der Karabinerhaken am Bauchgurt eingebaut sind. Der Junge musste auf seine Trittfestigkeit vertrauen und sich mit einem Seil absichern, wenn er heil über den Berg kommen wollte.

Wie das funktioniert, erfahren wir an unserem ersten Klettertag in Osttirol. Martin Berner von der Alpinschule Bergstatt fährt uns hinauf zum Sportklettergarten am Kreithof. Auf 1040 Metern Höhe tragen hier die Kalkfelsen römische Ziffern und komische Namen wie „Hasensprung„, „Merlin” oder „Kinderspiel”. Es sind kurze Kletterrouten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, die nicht immer zu den Namen passen: „Merlin” steht für einen einfachen zweiten Grad, „Kinderspiel” für einen mittelschweren fünften.

Wir versuchen es zunächst mit Bouldern, dem Klettern ohne Seil und Gurt in Absprunghöhe. Gegen den Steinschlag tragen wir Helme, ansonsten nutzen wir Hände, Füße, gelegentlich auch die Knie: „Füße schön breit auseinander und wohl überlegt setzen”, ruft Martin. Das gilt auch für den zweiten Schritt, das Klettern in einer Seilschaft. Die bilde ich mit meiner Tochter Nele, die mit ihren 13 Jahren nur unwesentlich kleiner ist als ich. „Ihr müsst gut miteinander kommunizieren, um euch richtig abzusichern”, mahnt der Bergführer.

Wir schlüpfen in die Hüftgurte. Während Nele für die Absicherung den Achterknoten bindet, ziehe ich Kletterschuhe an. Das sind ganz dünne Lederschuhe, die sich wie eine zweite Haut um den Fuß legen - viel flexibler als die schweren Wanderschuhe, die wir uns im Lienzer Tourismusbüro ausgeliehen hatten. „Damit könnt Ihr gut einen schneebedeckten Gipfelweg beschreiten, aber nicht wirklich klettern, die Sohle ist zu steif”, erklärt Martin.

Am ersten Tag steht auf dem Programm, sich mit der Ausrüstung und der neuen Umgebung vertraut zu machen. „Das soll nicht zu anstrengend sein”, erklärt Alpinschulleiterin Elisabeth Steurer, die alle nur Lisi nennen. Die vier Stunden Einführung vergehen wie im Flug, ich schaffe schon einen leichten vierten Grad und genieße es, mich fast senkrecht zum Berg abzuseilen. Aber danach spüre ich jeden Knochen, Muskeln, die ich nicht kannte - und Schwielen an den Händen.

Mit Sportklettern und Klettersteigen haben wir die Grundlagen für das Klettern im Tal gelernt. Jetzt gilt es, die Techniken zu verfeinern und den Umgang mit dem Material zu üben, falls wir wirklich mal auf alpine Tour gehen wollen. „Wer noch keinerlei Klettererfahrung hat, sollte erst einmal in Talnähe anfangen”, empfiehlt Bergführerin Lisi. In der Höhe sei die Abhängigkeit von der Natur, dem Wetter und der Gruppe weit größer.

Am nächsten Tag liegen die schroffen Gipfel im Süden von Lienz in dichten Wolken. Wir üben im neu eröffneten Kletterpark Lienz: Balance halten, Kraft trainieren, Höhenangst überwinden. Während Nele ganz locker den schwarzen Parcours nimmt, steige ich nach dem blauen aus. Kinder sind einfach beweglicher und angstfreier. „Aber für eine alpine Klettertour sollten die Kinder schon 12 Jahre alt sein”, warnt Kletterparkgründerin Martina Mellitzer. „Sie schaffen die Akklimatisierung in der Höhe sonst nicht.”

Zum Abschluss der Kletterwoche spielt das Wetter wieder mit. Der Anblick der schroffen Kalkwände, die den strahlendblauen Himmel zerschneiden und früher „Unholde” genannt wurden, flößt Ehrfurcht ein. Wir fahren auf 1600 Meter Höhe bis zur Dolomitenhütte, die wie ein Adlerhorst auf einem Felsvorsprung liegt. Darunter befindet sich ein Klettergarten - ich kann nicht einmal schwindelfrei hinabschauen.

Wir nehmen den „Rudl-Eller-Weg”, einen gesicherten Aufstieg zur Karlsbader Hütte mit herrlichen Aussichten und einfachen Kletteranteilen, benannt nach einem Lienzer Bergpionier. Unter der mächtig aufstrebenden Laserzwand sind Gedenktafeln angebracht. Sie erinnern an Kletterer, die hier tödlich verunglückten. Ich schaudere und muss an Erhard denken. Am Ende des Eisenweges haben wir uns in sein Gästebuch eingetragen, neben einem 80-Jährigen und einer Behindertengruppe aus Nikolsdorf. „Jeder kann das Klettern lernen”, sagte er, „wenn er es wirklich will.” Doch manchmal reicht der Wille nicht aus.

Informationen:

Die Alpinplattform Lienz vereint alle alpinen Organisationen der Region von den Hüttenwirten bis zum Tourismusverband, koordiniert den Klettersport in Lienz und eröffnet im August auch einen Kinder-Klettersteig beim Galitzen-Klamm (Tel.: +43 50/212 212, http://www.bergsportarena.at). Alpinschule Bergstatt-Lienz (Tel +43 664/516 58 35, http://www.bergstatt.at). Alpinschule Osttirol (Tel.: +43 664/460 65 35, http://www.osttirol-alpin.at). Bergschule Alpin Aktiv Hochpustertal (Tel: +43 4842/60 85, http://www.bergschule-aah.at). Kletterpark Lienz (+43 664/12 12 899, http://www.kletterpark-lienz.at). Ferienregion Lienzer Dolomiten (Tel.: +43 50/21 24 00, http://www.lienzerdolomiten.info).
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