Sarajevo zwischen Kriegserinnerung und Multikulti

Von: Stephan Scheuer, dpa
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Sarajevo
Sarajevo hat viele hübsche Ecken - an manchen Häusern sieht man aber immer noch die Einschusslöcher aus der Zeit des Bosnienkrieges. Foto: dpa

Sarajevo. Eine junge Frau mit buntem Kopftuch beißt in ein vor Fett triefendes Cevapcici. Um sie herum erwacht Sarajevo gerade zum Leben - zum Nachtleben: Menschenmassen schieben sich durch die engen Gassen der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, vorbei an Straßenkünstlern und Händlern. Auf einem Platz spielen ältere Männer Schach, irgendwo singt ein Muezzin. Die Einschusslöcher an den Fassaden vieler Häuser lassen den Krieg nicht vergessen. Dennoch kommen viele Touristen nach Sarajevo.

Immer mehr moderne Hotels, Einkaufzentren und Bürogebäude ragen in den Himmel. Trotz all dem glitzernden Stahl und Glas wirft der Bosnienkrieg bis heute seine Schatten auf die Stadt. Im „Geschichtsmuseum” haben die Einwohner an einer Pappwand Erinnerungen aus den Jahren der Belagerung von 1992 bis 1995 gesammelt. Neben einem blutverschmierten Kinderpullover zeugen Briefe von der Trauer der Überlebenden. Fotos geben den Opferzahlen Gesichter.

Die Spuren der Belagerung sind heute Sehenswürdigkeiten für Touristen. Etliche Reiseführer bieten Touren an, den damaligen Kämpfen nachzuspüren. Eine Hauptstraße wird als „Scharfschützen-Weg” beschrieben. Während der Belagerung haben hier Heckenschützen Jagd auf Menschen gemacht. Einem Tunnel, durch den Lebensmittel in die Stadt geschmuggelt wurden, ist ein eigenes Museum gewidmet.

Nach der Unabhängigkeitserklärung Bosnien-Herzegowinas 1992 hatte sich aus Schießereien der verfeindeten Volksgruppen - Muslime, Serben und Kroaten - ein Krieg mit „ethnischen Säuberungen” entwickelt. In der eingekesselten Hauptstadt starben viele Bewohner im serbischen Granatenbeschuss oder wurden von Heckenschützen getötet.

Auch wenn viele nicht darüber reden möchten, fast jeder in Sarajevo hat seine eigene Geschichte über den Krieg zu erzählen. Eine ältere Muslima sagt, dass sie während der dreijährigen Belagerung den gesicherten Keller ihres Hauses täglich nur kurz verlassen durfte. „Als ich einmal draußen war, hat eine Granate meinen Kopf nur knapp verfehlt. Meine Haare waren danach total verbrannt”, sagt sie. Inzwischen vermietet sie wie viele in Sarajevo ein Zimmer ihrer Wohnung an Touristen, um sich ihre Rente aufzubessern.

Heute versucht die Stadt wieder an ihren Ruf als „Europas Jerusalem” anzuknüpfen. Eine katholische Kirche wird renoviert, ein orthodoxes Gotteshaus ist saniert worden. Die zahlreichen Moscheen in der Stadt erstrahlen wieder in prächtigen Farben. Überall werden Gerichte der bunten Balkanküche angepriesen - und sogar die ersten Öko-Lifestyle-Restaurants haben eröffnet.
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