Wiesbaden - Rheinsteig: Wandern zwischen Wald und Weltkulturerbe

Rheinsteig: Wandern zwischen Wald und Weltkulturerbe

Von: Arved Gintenreiter, dpa
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Die Romantik des Rheintals ist auch heute noch spürbar: zum Beispiel bei Begegnungen wie mit dieser Ziegenherde. Foto: dpa

Wiesbaden. Wo der Rheinsteig verläuft, scheint sich der Fluss etwas mehr Zeit zu lassen. Gemächlich mäandert er, immer wieder von kantigen Felsen in die Enge gezwängt, in weiten Bögen durch die Kulisse: vorbei an sanften Hängen mit dichten Laubbäumen, an Weinbergen und saftigen Obstwiesen.

Auf halber Höhe thronen mächtige Burgen und Schlösser. Im dunklen Wasser spiegeln sich wie Farbtupfer die Fachwerkdörfer vom Ufer. Wie um Zeit zu schinden, um selbst die Aussicht zu genießen, schlägt der Strom Haken oder macht - wie bei Boppard - in einer langgezogenen Schlinge noch einmal kurz kehrt.

Das Rheintal inspirierte schon Romantiker wie den britischen Maler William Turner oder den Dichter Johann Wolfgang von Goethe. Kein Wunder, dass das von der Unesco als Welterbe geschützte Terrain eine Lieblingsregion der Wanderer geworden ist. Ein weiß geschwungenes R auf blauem Grund dient ihnen als unübersehbare Richtschnur: die Markierung des Rheinsteigs.

Einer der eindrucksvollsten Abschnitte auf dem rechtsrheinischen Steig ist das Tal zwischen Rüdesheim und Lahnstein. Das Laub gibt hier an den Aussichtspunkten prächtige Ausblicke frei auf den Rhein und seine Lastenkähne. Schmale Trampelpfade, kaum zwei Fuß breit, sind in den Fels gehauen und führen knapp über den felsigen Abgrund.

Enge Pfade gehen hier in großzügigen Wanderwegen auf, die sich kurvenreich durch lauschige Nebentäler schlängeln, hunderte Meter hinab, über einen plätschernden Bach, um später als steiler Steig Kurs zu nehmen auf den nächsten Gipfel über dem Rhein. Nur beim quälenden abendlichen Abstieg in die verträumten Dörfer am Rheinufer bekommt die Idylle Risse: Gerade hier, am beliebtesten Teil des Steigs, ist die Tour auch eine Gratwanderung zwischen Anmut und Tristesse, zwischen der Naturschönheit und schleichendem Zerfall.

Die oft trostlosen Orte im Oberen Mittelrheintal können kaum verbergen, dass ihre Glanzzeiten Geschichte sind. Nicht zu übersehen sind die vielen „Zu verkaufen”-Schilder an manchmal maroden Häusern. Auch in manchen Hotels und Gaststätten liegen ausgiebige Investitionen offensichtlich Jahre zurück. Kleine Geschäfte, Metzger und Bäcker geben nach und nach auf. Für den Wanderer heißt das: Beim Proviant vorsorgen!

Seit einigen Jahren setzt die Region zunehmend auf Wanderurlauber. Hotels bieten Lunchpakete oder locken mit „Wanderer erwünscht”-Schildern, Gaststätten werben mit Gerichten wie der „Rheinsteigpfanne”. Doch nicht immer hat der lauteste Marktschreier das beste Angebot. Frisch und gepflegt sind Hotels von jungen Betreibern, überraschen kann aber auch manch alteingesessenes Lokal mit regionaler Küche.


Wie viele Wanderer die Höhepunkte des mit dem Deutschen Wandersiegel ausgezeichneten Steigs erkunden, wird nicht erhoben. Das Rheinsteig-Büro schätzt ihre Zahl auf bis zu 250.000 im Jahr. Und dennoch ist man über weite Strecken allein in der Natur. Abgesehen von beliebten Abschnitten wie der „Königsetappe” um den Fels der Loreley zwischen Kaub und St. Goarshausen: 22 Kilometer, 828 Meter hoch und runter - anstrengend, aber unvergessliche Aussichten.

Hier und auf manch anderem Abschnitt zeigt sich der erst vor vier Jahren eröffnete Wanderweg mit fast alpinem Charakter. Das ist für Frank Gallas vom Rheinsteig-Büro ein Grund, warum viele der Wanderer hier unter dem üblichen „50 plus”-Schnitt liegen. „Die meisten machen den Rheinsteig Stück für Stück in Etappen”, erklärt er.

Für die gesamten 320 Kilometer benötigt man bei forschem Schritt knapp zwei Wochen, gemütlich werden es drei und mehr. Viele Kurzurlauber beziehen in einem Ort Quartier, wandern eine Etappe, steigen in eines der Rheinschiffe und lassen die schweißtreibend erlaufene Strecke im kühlen Fahrtwind nochmals vorbeiziehen. Die meisten Abschnitte sind so oder mit der allerdings oft störend laut durch das Tal ratternden Bahn gut erschlossen.

Ob die Deutschen im Krisenjahr 2009 mehr im Inland verreisen und häufiger am Rheinsteig wandern, wagt bislang niemand abzusehen. Zwar berichten Gastronomen am Steig von einer guten Auslastung im Frühjahr, sagt die Geschäftsführerin des Deutschen Wanderverbandes, Ute Dicks. Für den Rest der Saison sind Prognosen noch nicht möglich. Künftig wollen die Tourismusplaner mehr Tagestouren um den Rheinsteig schaffen und andere, bereits ausgebaute Wanderrouten in der Nähe einbinden, wie den Burgenwanderweg oder den Weinwanderweg, erzählt Frank Gallas. Die Urlauber sollen möglichst in der Region bleiben.

Der Rheinsteig lädt jedenfalls zum Weiterwandern ein. Von Wiesbaden aus lässt der Wanderer bald den Kurort Schlangenbad hinter sich, kreuzt das aus dem Film „Im Namen der Rose” bekannte Kloster Eberbach, wandert durch Weinterrassen weltweit geachteter Rieslinge zum Niederwalddenkmal und quert hoch über dem Rhein die Dörscheider Heide. Dann windet sich der Weg hoch zu den Burgen Katz und Maus. Zwischen Kestert und Osterspai steigt er zum kleinen Ort Lykershausen an und schlängelt sich durch dichte Wälder bis zur Marksburg.

Von der Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz geht es weiter den Limeslehrpfad entlang hinein in den Westerwald und flussabwärts auf das Siebengebirge zu, wo der Steig wieder anspruchsvoller wird: hinauf zur Löwenburg, in Serpentinen zurück ins Tal und einige Kilometer weiter nochmals steil hinauf zum Drachenfels. Von hier ist das Ziel, das Zentrum von Bonn, schon in der Ferne zu sehen.

Rheinsteig-Büro, 56346 St. Goarshausen (Tel.: 01805 - 64 83 28 für 14 Cent/Minute).


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