Partystimmung an der Elbe: Stade wird wieder Hansestadt

Von: Andreas Heimann, dpa
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Der Alte Hafen von Stade wirkt wie aus dem Bilderbuch - neben dem Hafenbecken reihen sich etliche ansehnliche Häuser aneinander. Foto: dpa

Stade. Zugegeben, auch in Stade ist die Zeit nicht stehengeblieben. Die 45.000 Einwohner zählende Kreisstadt an der Unterelbe ist kein Freilichtmuseum mit Inventar aus der Zeit Klaus Störtebekers.

Aber es gibt viele Ecken, die an vergangene Jahrhunderte erinnern: Die schmale Bungenstraße windet sich noch immer an Fachwerkfassaden und barocken Giebeln vorbei. Barock ist auch der Turm der Kirche St. Cosmae. Und der Alte Hafen wirkt wie aus dem Bilderbuch: Der Schwedenspeicher ist ein Backsteingigant, das Bürgermeister-Hintze-Haus punktet mit einer Renaissancefassade, die in Norddeutschland ihresgleichen sucht. Stadt lohnt einen Abstecher - 2009 noch mehr als sonst.

Stade ist ziemlich alt, wie alt genau weiß keiner. Aber eine Siedlung mit Hafen gab es wohl schon im 8. Jahrhundert. Das erste Mal erwähnt wurde sie 994 aus eher traurigem Anlass: Der Geschichtsschreiber Thietmar von Merseburg berichtete, wie Wikinger den Ort überfallen und geplündert haben. Das Stadtrecht bekam Stade 1209 von Kaiser Otto IV. Das ist 800 Jahre her und der erste Grund, warum Stade in diesem Jahr einiges zu feiern hat. Grund Nummer zwei ist das Stapelrecht, das Stade vor 750 Jahren verliehen bekam. Vor allem beim Hansefest vom 18. bis 20. September soll dieses Jubiläum im Mittelpunkt stehen.

Was sich genau hinter dem Stapelrecht verbirgt, dürfte den meisten unbekannt sein, aber im Mittelalter war es so wichtig wie das Recht, Münzen zu prägen oder Zoll zu erheben: Es verpflichtete Kaufleute, deren Handelsschiffe aus Richtung Nordsee kommend nach Hamburg wollten, seit 1259 im Stader Hafen festzumachen. Dort mussten sie ihre Waren eineinhalb Tage lang anbieten - die Stader hatten also Vorkaufsrecht. Den Hamburgern hat das nicht gefallen. Und so ließen sie eine Urkunde fälschen, die angeblich von Kaiser Friedrich Barbarossa stammte und das Stader Stapelrecht aushebelte.

Stader und Hamburger sind seitdem nicht gut aufeinander zu sprechen: Beide Städte leben in Fehde, im ganz offiziellen Dauerstreit also. Der hat nun genauso offiziell ein Ende: Denn die Stader haben den Hamburger Bürgermeister zu sich eingeladen. Und so wird Ole von Beust beim Hansefest vom 18. bis 20. September genau wie sein Stader Amtskollege Andreas Rieckhof auf einer Kogge in den Hafen einlaufen. Beide Bürgermeister wollen sich dann die Hand reichen und Frieden schließen.

Mit dem Stadtrecht ging es so richtig bergauf: 1261 wurde die Stadt Mitglied der Hanse und blieb es bis Anfang des 17. Jahrhunderts. Von 1645 bis 1712 war Stade dann allerdings unter schwedischer Herrschaft. Dennoch haben die Stader lange darum gekämpft, sich wieder Hansestadt nennen zu dürfen, im Stadtsiegel zum Beispiel. Das ist inzwischen beschlossene Sache, nachdem das niedersächsische Innenministerium grünes Licht gegeben hat.

Die Urkunde, die Stade wieder zur Hansestadt macht, wird am 2. Mai von Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff verliehen - auch das ist ein Grund zum Feiern. Die Fortsetzung folgt beim Tag der Hanse am 16. Mai mit dem Stader Hansemahl: An den Tischen rund um das Hafenbecken wird dann von den Stader Brüderschaften Labskaus serviert, das Traditionsgericht der Seefahrer.

Stade ist zwar kein Freilichtmuseum, hat aber eines. Es liegt auf einer Insel, die zur Schwedenzeit als Festungsvorwerk diente. Viel später, 1912, haben geschichtsbewusste Stader ein Altländer Haus hierher gebracht, das ursprünglich 1733 in dem Dörfchen Huthfleth gebaut worden war. Seine eindrucksvolle Fachwerkfassade ist schon von weitem zu sehen, noch bevor Besucher die Insel über eine schmale Holzbrücke betreten haben.

Das Bauernhaus, typisch für das Alte Land, die Region rund um Stade, kann von innen besichtigt werden. Zu sehen sind dort zum Beispiel die Werkzeugkammer mit landwirtschaftlichen Geräten von der Sense bis zur Heugabel, der Flett genannte Raum, in dem sich der Herd befand und Familie und Gesinde gegessen haben oder die Dönz, wie das Wohnzimmer der Altländer Bauern hieß.

Zum Freilichtmuseum gehören auch eine Remise mit Ackerwagen, ein Steinbackofen, eine Bockwindmühle aus dem 17. Jahrhundert und der Nachbau eines Bauernhauses, das heute als Restaurant dient. Nicht weit davon steht eine Bronzestatue des Schriftstellers und Wissenschaftlers Georg Christoph Lichtenberg, der sich an einen hohen Stapel Bücher lehnt: Der kluge Kopf arbeitete 1773 ein halbes Jahr auf der Insel, um für das Königshaus in Hannover Land zu vermessen.

Wie geschichtsbewusst die Stader sind, zeigt sich nur wenige hundert Meter weiter: Dort hat bereits 1904 das Stader Heimatmuseum eröffnet, gegründet auf Initiative eines Geschichtsvereins, der selbst auf das Jahr 1856 zurückgeht. Das Museum zeigt unter anderem Trachten des Alten Landes, Originalstücke aus längst vergangenen Zeiten, als auf dem Dorf und in der Stadt noch klar geregelt war, was zur Taufe und zur Hochzeit, zum Kirchgang, zur Beerdigung oder im Alltag getragen wurde.

Ein anderer bemerkenswerter Teil des Museums ist eine ehemalige Kneipe, die 1994 nach vielen Jahrzehnten schließen musste. Das schlichte Thekenzimmer ist dort heute noch zu sehen. Ihren Schnaps hatten die Brümmers, denen das Gasthaus gehörte, über lange Zeit selbst gebrannt: Klaren, Kümmel und Rum-Verschnitt. Geöffnet war die Kneipe täglich für fast zwölf Stunden - und in den besten Zeiten standen abends die Gäste in vier Reihen am Tresen. „Fulle Hiev” wurde dann bestellt: zwei Schnäpse und ein Viertelliter Bier - 90 Pfennig kostete der Spaß Anfang der 60er Jahre. Anschreiben war erlaubt - gezahlt wurde dann am Freitag, wenn es die Lohntüten gab. Auch das ist längst Geschichte, aber nicht ganz so lange her.

Informationen: Stade Tourismus, Tourist-Info am Hafen, Hansestraße 16, 21682 Stade (Tel.: 04141 - 40 91 70)
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