Schmilka/Rathen - Paddeln durchs Elbsandsteingebirge

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Paddeln durchs Elbsandsteingebirge

Von: Stefan Robert Weißenborn, ddp
Letzte Aktualisierung:
Sandsteinbrücke
Wanderer laufen zwischen dem Basteiplateau und dem Neurathener Felsentor im Nationalpark Sächsische Schweiz über eine Sandsteinbrücke. Foto: ddp

Schmilka/Rathen. „Im Prinzip habt ihr die Elbe für euch gemietet”, schindet Matthias Eindruck. Der 52-Jährige ist gerade mit dem Kleinbus am Fähranleger in dem Grenzörtchen Schmilka vorgefahren, hat das Paddelboot vom Anhänger gewuchtet und gibt letzte Anweisungen.

„Rote Boje, rechts vorbei, grüne Boje, links vorbei. So kommt ihr der Berufsschifffahrt nicht in die Quere.” Die angehenden Paddler zwängen sich in die Schwimmwesten. In drei Stunden will Matthias uns in Rathen wieder abholen, 19 Stromkilometer flussabwärts. Als Mitarbeiter eines Kanu-Verleihs hat er zwar viel mit Booten zu tun, aufs Wasser kommt er aber selten. Das haben wir ihm jetzt voraus.

Wer ins Elbsandsteingebirge reist, kommt meist weniger wegen des Wassersports als wegen der pittoresken Tafelberge und Tausenden von Felsnadeln. Wandern ist die Beschäftigung Nummer eins in der Sächsischen Schweiz und so tauschen nur wenige ihre Wanderstöcke gegen Paddel ein. 1200 Kilometer Wanderwege führen durch die bizarre Felslandschaft, 34 Flusskilometer sind es zwischen der tschechischen Grenze und Pirna am westlichen Rand der Nationalparkregion immerhin.

Auf dem Wasser stellt sich eine erste Erkenntnis ein, so banal sie ist: Wir sind Teil des Stromes. Für unerfahrene Tümpelpaddler ist das schon was. Denn unabdingbar, wenn auch gemächlich gleiten wir dahin im grau-grünen Wasser der Elbe. Vier Stundenkilometern ist die Fließgeschwindigkeit, hieß es. Führte der Strom mehr Wasser, wäre er schneller. Wir machen eine Rechnung auf: 19 Kilometer müssen wir schaffen, drei Stunden haben wir. Bis nach Rathen treiben lassen können wir uns also nicht. Das würden wir aber gern, denn die von Wäldern umsäumte Felsenwelt zieht in ihren Bann. Vor 95 Millionen Jahren war die Gegend Teil des riesigen Kreidemeeres. Was heute noch übrig ist, sind die versteinerten Reste riesiger Unterwasserdünen, die für Menschen kaum wahrnehmbar erodieren.

Paddelstich für Paddelstich kommen wir dem Tafelberg Lilienstein, einem dieser vielen Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz, näher. Rechtselbisch schiebt sich das Schrammsteinmassiv in den Blick. Gut zu sehen sind die alten Postelwitzer Steinbrüche aus dem 16. Jahrhundert. Hier wurde der Sandstein unter anderem für die Frauenkirche und den Zwinger in Dresden abgebaut. Längst stehen die Felsen unter Naturschutz. Erste Schutzgebiete entlang der Elbe wurden 1912 ausgewiesen.

Stromschnellen und Inseln hat die Elbe nicht in der Sächsischen Schweiz, dafür aber den Berufsverkehr. Uns entgegen kommen die Motorfähre „Zirkelstein” auf ihrem Weg von Bad Schandau nach Hrensko hinter der Grenze und ein Lastkahn. Mit flauem Gefühl sehen wir dem Schiffsriesen aus unserer Nussschale entgegen, doch die Bugwellen fallen weniger hoch aus als befürchtet. Bei Bad Schandau, dem alten Badeort auf Elbkilometerhöhe 10, der in den zwanziger Jahren in seiner Blüte stand, schiebt sich das einzige Fünf-Sterne-Hotel der Gegend durchs Bild.

Quentin Tarantino checkte hier jüngst in der vor zwei Jahren eröffneten „Elbresidenz” ein, als er für seinen neuen Streifen „Inglorious Bastards” am Lilienstein drehte und von der Geschäftsleitung als „gewöhnungsbedürftiger Gast” eingestuft wurde, weil er sich barfuß im Schneidersitz vor die Hotelbar gesetzt habe. Kate Winslet, die für Dreharbeiten zum Film „Der Vorleser” zu Gast war, wurde hingegen als „angenehm” wahrgenommen. Ein bisschen geht die Rechnung auf, dass mit der Edelherberge ein wenig Glanz und Glamour nach Bad Schandau zurückgeholt werden könne. Doch letztlich ist es die Schönheit der Landschaft, die anzieht.

Anstelle einzuchecken, tauchen wir die Paddel wieder in das trübe Wasser, das keinen Fisch erblicken lässt. Nach ein paar Enten im Tiefflug ist ein Schaufelraddampfer der Sächsischen Dampfschifffahrt unser nächster Gegenverkehr. Sie besitzt nach eigenen Angaben die älteste und größte Flotte an Radddampfern. Das Exemplar, das sich an uns vorbeischaufelt, ist demnach zwischen 80 und 130 Jahre alt. Die Passagiere der ungleichen Flussfahrzeuge beäugen sich neugierig. Mit dem Sitzfleisch auf Höhe der Wasseroberfläche ist so ungefähr die niedrigste Position eingenommen, die man im Elbsandsteingebirge haben kann. Die Froschperspektive schärft die Sinne für die Höhe. Bei Elbkilometer 15,5 türmt sich die Festung Königstein auf. Die mittelalterliche Burg wurde im 13. Jahrhundert erstmalig urkundlich erwähnt, war zwischenzeitlich Kriegsgefangenenlager und ist heute Museum und Veranstaltungs-Location. Gemeinsam mit der Elbe umspülen wir den majestätischen Lilienstein, den einzigen rechtselbischen Tafelberg, der bei Sportkletterern und den wieder angesiedelten Wanderfalken gleichermaßen beliebt ist.

Gänzlich unbemerkt haben wir die eigentlich so imposante Elbschleife durchpaddelt. Vorbei an Wiesen, auf denen kleine Lämmer durchs Gras hüpfen und alte Böcke blöken. Berufsverkehr hat Vorfahrt, steht auf dem Zettel, den wir beim Start in die Hand bekamen. Der Seilfähre in Rathen gewähren wir diese. Als sie anlegt, entlässt sie eine Horde Radwanderer auf den Elberadweg, der den Fluss säumt. Der eigentliche Blickfang dann aber ist der Felsen Bastei, der sich 200 Meter über unseren Köpfen erhebt. Wir lassen das Kajak sanft aufs sandige Ufer gleiten. Matthias wartet schon. Die 19 Kilometer vergingen wie - ja wie - im Fluss.

„Anderthalb Stunden lauft ihr von hier bis zur Bastei”, sagt Matthias, als er das Kajak zurück in den Van hebelt. Auf dem Massiv angekommen, zeigt sich der Strom in seiner ganzen Dimension, ja er schlängelt sich sogar und zeigt, was eine Elbschleife ist. Dann fällt auf: Die Bastei ist, obwohl wir auf ihr stehen, auf eine Art unsichtbar geworden.
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