Neues Leben in alten Fabriken: Lódz macht auf Kulturstadt

Von: Andreas Heimann, dpa
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Lodz
Alte Backsteinarchitektur auf dem Gelände der Manufaktura - ein neues Einkaufszentrum gibt es dort ebenso wie das erste Vier-Sterne-Hotel der Stadt, Restaurants und Diskotheken. Foto: dpa

Lódz. Eine Schönheit ist Lódz nicht, mit Danzig oder Krakau kann die Stadt nicht mithalten. Vieles sieht hier noch grau aus. Doch auch die Veränderungen der vergangenen Jahre sind nicht zu übersehen: Die Hauptstraße Piotrkowska ist inzwischen ausgesprochen lebendig.

Restaurants und Bars reihen sich hier aneinander. Die alten Fabrikbauten werden nun als Lofts, Galerien oder Museen genutzt. Und im Jahr 2016 will Lódz sogar Europäische Kulturhauptstadt werden.

Lodsch heißt die Stadt auf Deutsch, Lódz schreibt sie sich auf Polnisch. Viele Touristen müssen zweimal hinhören, wie das klingt, wenn es richtig ausgesprochen wird: „Wutsch”.

Lange war Lódz Polens zweitgrößte Stadt. Mit dem Zusammenbruch der Textilindustrie aber verschwanden Tausende von Arbeitsplätzen. Die Stadt hat dadurch rund 200.000 Einwohner verloren und ist auf Platz drei hinter Warschau und Krakau gelandet.

Und ähnlich wie in Manchester, mit dem Lódz oft verglichen wird, gibt es nach dem Ende der Industrien aus dem 19. Jahrhundert neues Leben in den alten Fabriken: Sie werden - ebenso wie die Paläste ihrer Besitzer - nun zu Touristenattraktionen.

Karl Wilhelm Scheibler war einer der berühmtesten Fabrikanten in Lódz. Einst gehörte ihm ein Siebtel der Stadtfläche, sein altes Fabrikgelände im Stadtteil Pfaffendorf wirkt noch heute riesig. Rund 7500 Beschäftigte arbeiteten hier einst. Es gab eine eigene Schule, eine Apotheke und ein Krankenhaus.

„Scheibler hat gut geheiratet”, erzählt Anna Józwiak bei einer Führung über das Gelände. „Seine Frau Anna Werner hatte eine ordentliche Mitgift. Als der „polnische Baumwollkönig” 1881 starb, soll sein Vermögen 12 Millionen Rubel betragen haben. Ein Arbeiter verdiente damals 5 Rubel pro Woche.

„Die Fabrikanten wohnten in Palästen”, erklärt Anna. „Sie bauten im Neo-Renaissance-Stil oder neo-gotisch, Hauptsache neo.” Das gilt auch für den Palast, den Scheibler seiner ältesten Tochter Mathilda zur Hochzeit schenkte. Heute kann er besichtigt werden. „Palac Herbsta” heißt er nach Eduard Herbst, dem Schwiegersohn. Meterhohe Wände im Ballsaal, ein Flügel, ein Esstisch mit acht Stühlen: Es sieht aus, als erwartete das Ehepaar Herbst am Abend noch Gäste.

Scheiblers größter Konkurrent war Israel Poznanski. An seinem „Palast”, dem größten aller Fabrikanten in Lódz, wurde 20 Jahre lang gebaut. Als der Auftraggeber gefragt wurde, welchen Stil er wolle, soll er geantwortet haben: „Ich kann mir alle Stile leisten”. Außen ist es Neobarock geworden. Innen gibt es ebenfalls einen Ballsaal mit hohen Wänden und fast genauso hohen Spiegeln. Heute ist in einem Teil des Poznanski-Palastes das Museum für Stadtgeschichte untergebracht, das auch an einen anderen berühmten Sohn von Lódz erinnert: an Artur Rubinstein, den genialen Pianisten.

Gleich um die Ecke des Poznanski-Palastes liegt die Manufaktura. Zwischen den Fabrikgebäuden ist eine Piazza entstanden, auf der Familien zwischen Springbrunnen auf Bänken sitzen. Die Gäste des Cafés ein paar Schritte weiter haben es sich unter Sonnenschirmen bequem gemacht, und man stutzt bei so viel italienischem Flair schon ein bisschen und fragt sich „Ist das hier Polen?”. Ein Imax-Kino gibt es, zwei Museen, ein Beachvolleyball-Feld und ein Einkaufszentrum.

Poznanskis Geschichte vom Aufstieg aus Armut zu unglaublichem Reichtum klingt märchenhaft. Seine Fabrik baute er 1872, später waren dort 7000 Arbeiter beschäftigt. Es gab eine Spinnerei, eine Färberei und eine Druckerei. Das moderne Fabrikmuseum dokumentiert aber auch, dass sein Reichtum mit dem Schweiß der Arbeiter bezahlt wurde: In der Spinnerei ratterten 200 Webstühle und machten einen höllischen Lärm. Für Touristen wird eine Maschine zu Demonstrationszwecken für wenige Minuten angeschaltet. Dann ist fast kein Wort zu verstehen. Arbeiter, die mehrere Jahre am Webstuhl standen, wurden fast zwangsläufig taub. Die Schichten dauerten 16 Stunden, Kinderarbeit war üblich.

Lódz hat aber auch ganz andere Seiten. Cineasten kennen sie als polnische Filmmetropole - „Hollylódz” genannt. Die Filmhochschule, 1948 gegründet, ist die älteste Europas. Studiert hat hier unter anderem Roman Polanski. Heute hat die staatliche Hochschule rund 350 Studierende. Für die Absolventen sieht es nicht rosig aus: Die Konkurrenz der Filmindustrie von den USA bis Indien ist hart. „Heute können wir alles sagen, was wir wollen, aber wir müssen sehen, wer es finanziert”, sagt Vize-Direktor Andrzej Bednarek. „Früher mussten wir vorsichtig sein, was wir sagen, aber die Zensur machte kreativ.”

Michal Piernikowski vom Lódz Art Center blickt dagegen erwartungsvoll in die Zukunft: Für 2016 ist angepeilt, Europäische Kulturhauptstadt zu werden. Welche Stadt in Polen es dann wird, steht noch nicht fest - auch Warschau, Breslau (Wroclaw) und Thorn (Torun) haben sich beworben. Piernikowski glaubt an Lódz: „Wir sind schon jetzt eine der wichtigsten Kulturstädte in Polen. Wir haben das größte Fotografie-Festival, wir haben die Fashion-Week und die größte Sammlung an zeitgenössicher Kunst. Avantgarde ist bei uns Tradition.”

Informationen:

Polnisches Fremdenverkehrsamt, Kurfürstendamm 71, 10709 Berlin (Tel.: 030/210 09 20).
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