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Natur und Kolonialgeschichte im indischen Kerala

Von: Juliane Matthey, ddp
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Die Backwaters sind ein System von Seen, Flüssen und Kanälen, die weit ins Landesinnere hinein und die Küste entlang zu finden sind, bis zum etwa fünfzig Kilometer nördlich gelegenen Kochi. Foto: Kerala Tourism/ ddp

Kerala. Es ist heiß, es ist schwül, unfassbar schwül. Der Ventilator kann die ganze Nacht durch laufen - im Hotelzimmer bleibt es stickig.

Da ist man tatsächlich froh, morgens kalt duschen zu müssen, wie in vielen einfacheren Unterkünften in Indien. Doch kaum sitzen wir am Frühstückstisch, im tiefgrünen Gras, unter tiefgrünen Bäumen, in denen Vögel leise krächzen, sammeln sich schon wieder die ersten Schweißperlen auf der Stirn.

Alappuzha heißt dieses tropische Küstenstädtchen im südindischen Bundesstaat Kerala, vielleicht das beste Beispiel dafür, wie weit sich der Tourismus Keralas in den vergangenen Jahren entwickelt hat.

Alappuzha ist das Tor zu den Backwaters, einem System von Seen, Flüssen und Kanälen, die weit ins Landesinnere hinein und die Küste entlang mäandern, bis zum etwa fünfzig Kilometer nördlich gelegenen Kochi.

An den Anlegern überschlagen sich die Vermieter förmlich dabei, uns für eine Fahrt in ihren Kanus oder überdachten Ausflugsbooten zu begeistern. Die Ableger der öffentlichen Wassertaxis, Luft und Wasser verpestenden, laut knatternden Rostkähnen, mit denen die Bewohner der Backwaters für wenige Rupien zur Arbeit fahren, muss man hingegen fast suchen.

Am umkämpftesten aber ist der Markt in der Königsklasse der Backwaters-Boote: Für 24 Stunden können Touristen ein privates Hausboot mieten, inklusive Kapitän, Koch und drei warmen Mahlzeiten nach regionalen Rezepten, für den Preis einer Nacht in einer einfachen deutschen Pension. Laut der Backpacker-Bibel „Lonely Planet” ist eine Hausboot-Tour in den Backwaters eins der zehn Dinge auf der Welt, die man unbedingt erleben sollte.

Warum, ahnen wir erst, als wir uns von den Anlegern entfernen, an denen Dutzende von Hausbooten einander den Weg versperren. Einen Tag lang fahren wir mit leise tuckerndem Motor über das unbewegte Wasser der Backwaters, begleiten die Uferbewohner durch ihren Alltag, ohne uns wie Voyeure zu fühlen: Männer fischen, Frauen waschen Wäsche, Familien gehen in die Kirche, Kinder kommen aus der Schule.

Schließlich verschwindet die Sonne hinter den tiefgrünen Bäumen, weicht einem überwältigenden Sternenhimmel. Und als der Kapitän für die Nacht anlegt, hören wir nur noch das Krakeelen von vielen tausend Wasservögeln - bevor am nächsten Tag alles wieder von vorne beginnt.

Einen Tag lang erleben wir ein Stück Indien, das rein gar nichts gemein hat mit dem Lärm, dem Dreck und der Armut, den man an unzähligen Orten des Landes finden kann. So gleicht es fast einem Kulturschock, als wir wieder in den Trubel Alappuzhas eintauchen, um einen überfüllten Bus in Richtung unserer nächsten Station Kochi zu nehmen. Aber wenigstens sind die Straßen in Kerala in besserem Zustand als in den meisten anderen Regionen Indiens.

Kerala ist in vielen Belangen anders: 1957 kam hier die erste demokratisch gewählte kommunistische Regierung der Welt an die Macht, die aus Kerala einen prosperierenden Bundesstaat machte.

In religiöser Hinsicht gehört der Staat zu den am meisten durchmischten Indiens: Nur gut die Hälfte der Einwohner sind Hindus, ein Viertel sind Moslems, ein Fünftel Christen. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass Kerala seit der Antike ein Tor zu Welt war, als Umschlagplatz für den weltweiten Gewürzhandel: Schon Römer und Phönizier legten hier an, später kamen frühchristliche und jüdische Siedler, Chinesen, ab der Neuzeit dann Portugiesen und Holländer, Franzosen und Engländer.

Kochi ist die zweitgrößte Stadt Keralas, deren wechselvolle Vergangenheit allgegenwärtig ist: Schon eine kurze Stadtrundfahrt in einer Autorikscha führt vorbei an holländisch anmutenden Gebäuden, der von Portugiesen erbauten, ältesten europäischen Kirche Indiens, den traditionellen, bis heute genutzten chinesischen Fischernetzen im Hafen.

Der junge Rikschafahrer Salu, ein Schumacher-Fan, der sein dreirädriges Gefährt Ferrari getauft hat, entführt uns aber auch an weniger bekannte Winkel der Altstadt, zu seinen „geheimen Orten”: Aus lauter Enthusiasmus für seinen Job und ohne ein Trinkgeld zu verlangen, braust er von der Großwäscherei bis zu den jahrhundertealten Gewürzlagern der Holländer.

Hier werden bis heute Säcke voller Chilis und Nelken, Pfefferkörner und seltsamer getrockneter Pflanzen gelagert, deren europäische Namen hier niemand kennt. Auch hier ist es ist heiß, ist es schwül, ist die Luft so gesättigt vom Chiligeruch, dass es in der Nase brennt. Es ist wunderbar.
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