Montreal - Montreal präsentiert sich als harmonische Metropole

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Montreal präsentiert sich als harmonische Metropole

Von: Ralf Johnen, dapd
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Montreal präsentiert sich als harmonische Metropole

Montreal. Montreal soll eine Stadt der Gegensätze sein? „Ach was”, sagt Annique Dufour. „Wir haben hier höchstens den Boulevard St. Laurent als eine Art Demarkationslinie.” Westlich davon wird mehr Englisch gesprochen. Und im Osten halt Französisch.

Gut, räumt die zweisprachig aufgewachsene Enddreißigerin ein, die Wolkenkratzer der Innenstadt unterschieden sich mit ihrer strikt amerikanischen Architektur dramatisch von der europäisch wirkenden Altstadt. Und streng genommen existiere unter der sichtbaren Stadt auch noch ein zweites Montreal. Damit meint die Reiseführerin ein verzweigtes System von Gängen und rund 1.500 Geschäften, das große Teile der Innenstadt verbindet.

Wer nicht will, muss das Tageslicht hier kaum je erblicken. Warum? „Naja”, sagt Dufour. „Im Sommer macht es Spaß, hier durch die Straßen zu laufen.” Im Winter hingegen sei das anders. Dann bläst ein eisiger Wind und es kann wochenlang minus 20 Grad kalt sein.

Das Tunnelsystem basiert auf einer Idee des chinesisch-amerikanischen Architekten I.M. Pei, der Anfang der 60er in Montreal einen 47 Stockwerke hohen Wolkenkratzer bauen sollte. Beim Entwurf des Royal Bank Tower begnügte er sich nicht damit, die ästhetischen Grundsätze der Klassischen Moderne zu beachten. Weil Funktionalität oberstes Gebot des Zeitgeists war, ließ er seinen Erfindergeist walten: Er dehnte die Nutzfläche auf das Reich unter der Erde aus. So ist die Keimzelle einer zweiten Stadt entstanden. „Dank Pei”, sagt Dufour, „können wir jetzt auch im Winter ein Leben führen.”



3,6 Millionen Einwohner wohnen im Großraum Montreal. Zu großen Teilen auf einer Insel im mächtigen St. Lorenz gelegen, kann die Stadt durch ihre Gründung im Jahr 1642 auch im internationalen Maßstab von sich behaupten, einigermaßen alt zu sein. Das macht Montreal und die restaurierte Altstadt nicht nur zum Stolz der riesigen, französischsprachigen Provinz Quebec, sondern beschert ihr rund ums Jahr staunende Besucher aus den nur 50 Kilometer entfernten USA. „Die kommen, weil hier alles so historisch ist.”



Sylvain Lacoursiere sind die Besonderheiten seiner Stadt deutlich bewusst. Der melancholische Lehrer genießt es, mit dem Rad durch Montreal zu fahren. Abgetrennte Wege entlang der wichtigen Straßen ermöglichen das zumindest von April bis November risikolos. Gästen zeigt der 39-Jährige zuerst die Kirche Notre Dame de Bon Secours aus 1771, die vom Ostende des Boulevard St. Laurent gut zu sehen ist. Der Sakralbau erhebt sich am Übergang von der Altstadt zum Hafen. Auf seinem Kuppeldach thront eine kulturhistorisch bedeutsame Statue: Das da sei jene „Lady of the harbour”, die der aus Montreal stammende Poet und Songwriter Leonard Cohen in seinem Song „Suzanne” beschwört.

Heute blickt die ehrwürdige Dame auf Tretbötchen und immer häufiger auch auf Kreuzfahrtschiffe hinab. Wie in so vielen Städten ist die Uferpromenade in Montreal mittlerweile gut ausgebaut und fest in Händen der Touristen. Bis weit hinein ins 20. Jahrhundert jedoch haben Matrosen dort hart gearbeitet. Viele waren Einwanderer, die sich entlang des Boulevard St. Laurent niederließen.

Immer noch zeugt ein Spaziergang in Ost-West-Richtung von der Reihenfolge, in der „The Main” - wie der Boulevard im Volksmund heißt - von den Immigranten vereinnahmt wurde: Erst kamen die Chinesen, deren Viertel direkt an die Altstadt anschließt, eröffneten Apotheken mit landestypischer Medizin und Supermärkte mit asiatischen Waren. Es folgten die osteuropäischen Juden mit ihren Delis, dann führten die Italiener die Trattoria ein, schließlich kamen die Portugiesen, die Griechen und zuletzt die Einwanderer aus der Karibik.


Sylvain Lacoursiere schätzt Montreal nicht nur wegen der Lebensfreude und der funktionierenden multikulturellen Gesellschaft: „Die Kriminalitätsrate ist verschwindend gering. Und die Immobilienpreise sind niedrig.” Eine Dreizimmerwohnung ist in anständiger Lage schon ab 150.000 kanadischen Dollar zu haben. Entsprechend günstig sind die Mieten. „Weil Toronto und Vancouver viel teurer sind, zieht es vor allem die jungen Leute in unsere Stadt.” An den vier Universitäten - zwei sind französischsprachig, an den anderen wird auf Englisch gelehrt - sind fast 250.000 Studenten eingeschrieben. Sie sind Garanten für einen Nachschub an frischen Ideen und zugleich die Kundschaft für die Bars und Restaurants in der Rue St. Denis und im „Quartier Latin”.

Die kulinarische Bandbreite entspricht einer europäischen Metropole: Es gibt alles in jeder Preisklasse. Wenn die Montrealer Fastfood essen, dann vorzugsweise Poutine, Pommes Frites, die mit Käse und dunkler Sauce gereicht werden.

Zurück ins jüdische Viertel am Boulevard St. Laurent, wo eine Menschenmenge geduldig eine Schlange bildet. Es ist zwölf Uhr mittags und alle Wartenden wollen einen Platz bei „Schwartzs Delikatessen” ergattern. Ihr Ziel: ein Rauchfleisch-Sandwich, das mit Pommes Frites und Kirsch-Cola gereicht wird. So etwas geht hier als Folklore durch. Dazu wird hektisch gebrabbelt, in allen erdenklichen Sprachen. Ein junger Mann ruft quer über den Tisch, dass er sich schon jetzt darauf freut, wenn die Tage wieder kürzer werden.

Nicht, weil er dann endlich wieder in die unterirdische Parallelwelt abtauchen kann, sondern weil im Oktober die Eishockey-Saison beginnt. Dann sind die Montreal Canadians in Aktion. Ein Team, auf das sich - trotz aller Gegensätze - alle Montrealer einigen können. Die Spiele von „Les Habitants” (die Einheimischen) machen die Wartezeit auf den nächsten Sommer erträglich.
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