Dortmund - Mittelalterliche Überraschungen an der Ruhr

Mittelalterliche Überraschungen an der Ruhr

Von: Cornelia Höhling, dapd
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Dortmund. „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser als man glaubt.” Als Herbert Grönemeyer mit diesem Liebeslied an seine Heimatstadt Bochum auftrat, glaubten nur wenige an die kulturelle und touristische Attraktivität des Ruhrgebiets. <br />

Die Vorurteile gegen Schornsteine, Fördertürme und Kohlenstaub waren nicht nur weit verbreitet, sondern auch haltbar. Zweifellos haben über 150 Jahre Industriegeschichte die Landschaft geprägt. Aber der Ruhrpott ist viel grüner als sein Image.

Wer Spaß hat am Entdecken und sich dazu aufs Rad schwingt, wird nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Viel Sehenswertes und Interessantes lässt sich in der 2010 mit dem Label „Kulturhauptstadt Europas” geehrten „Metropole Ruhr” finden. Er versteht dann auch, warum diese nicht eine Stadt im herkömmlichen Sinne ist, sondern aus 53 Städten zwischen Duisburg im Westen und Dortmund im Osten besteht.

Aber der Besucher des „Potts” hat ohnehin den Eindruck, durch eine einzige, riesige Stadt zu fahren. In Erstaunen versetzen ihn meist nur die zahlreichen Waldgebiete und das unvermutete Grünland.
Zechen und Schachtanlagen sind heute Kulturstätten

Für abwechslungsreiche Landschaft und Kulturerlebnisse sorgt auf mehr als 230 Kilometer der Ruhrtalradweg von der Ruhr-Quelle bei Winterberg bis zur Mündung in den Rhein bei Duisburg. Auf der „Route der Industriekultur” können rund 700 Kilometer Radwege kreuz und quer durch den „Pott” bezwungen werden. Die Zeche Zollern bei Dortmund, 1904 die weltweit modernste Anlage ihrer Art, wurde nach ihrer Stilllegung Ende der 1960er Jahre das erste Industriedenkmal von inzwischen über 1000.

Auch Welterbe-Zeche Zollverein (Essen) und die Schachtanlage von Zeche Nordstern (Gelsenkirchen) sind Zentren von Landschaftsparks, Kunst- und Kulturstätten, seit die Förderanlagen ruhen. Ein Blick in die legendäre Villa Hügel in Essen lohnt nicht nur im 200. Jubiläumsjahr der Krupp-Werksgründung.

Einmal in der Region unterwegs, erschließt sich allmählich die Seele des Ruhrpottlers. Längst nicht jeder gibt unumwunden zu, „ich komm aus Dir, ich häng an Dir”, wie Grönemeyer in seinem Bochum-Song. Wenn die Leute von hier früher im Urlaub gefragt worden seien, wo sie zu Hause seien, hätten sie meistens ausweichend geantwortet : „in der Nähe von Düsseldorf oder Köln”, erzählt Reisebegleiter Thomas Sell. Sein Großvater war noch ein echter Kumpel. Das Kulturhauptstadtjahr 2010 steigerte das Selbstwertgefühl und stiftete Identität.

Europas modernstes archäologisches Museum

Manchmal hilft ein Blick zurück, um das Phänomen Ruhrpott zu verstehen. Helfen kann dabei ein Besuch in Herne, südlich der Emscher und des Rhein-Herne-Kanals gelegen. Die einstige Zechenstadt besitzt Europas modernstes archäologisches Museum. Dort ist zwischen Faustkeilen aus Mammutknochen und einer der ältesten Zahnbürsten aus dem 17. Jahrhundert zu erfahren, dass das Ruhrgebiet mit 400 Burgen im Mittelalter eine der burgenreichsten Regionen Europas war.

Allerdings stehe nur noch rund ein Drittel, manchmal bloß als Ruine wie die Hattinger Isenburg, sagt Museumsführerin Birgit Michels. Als Burgen habe man alle festen Adelssitze bezeichnet, auch wenn sie nur wie ein Bauernhof oder größeres Steinhaus aussahen. Die im Mittelalter weit verbreiteten hölzernen Turmhügelburgen, so genannte Motten, seien völlig aus dem Landschaftsbild verschwunden, bedauert sie.

Was von „Ruhr.2010” bleibt

Auch Schloss Horst in Gelsenkirchen, der bedeutendste Renaissancebau Westfalens, wurde auf den Grundmauern einer mittelalterlichen Burg errichtet, in der die Herren von der Horst seit dem 11. Jahrhundert residierten. Pläne für ein Museum in dem einstigen Wasser-Schloss an der Emscher gab es schon lange.

Aber erst „Ruhr.2010” machte es möglich. „Früher wurde jeder Hosenknopf zum Artefakt, nur weil er plötzlich beleuchtet war”, sagt Bau- und Kunsthistoriker Elmer Alshut. Dem stellt er stolz den „Erfahrungs-, Lern- und Erlebnisort für Normalverbraucher” gegenüber, wie er Schloss Horst nennt. Im Schloss sind auch Standesamt, Konzerthalle, Bibliothek, Gastronomie und Büros untergebracht.

Mordgeschichten von der Isenburg

Die Isenburg knapp 100 Meter hoch über einer malerischen Ruhrschleife bei Hattingen gehörte im frühen 13. Jahrhundert zu den größten Burganlagen des damaligen Reiches. Der Hauptturm muss 40 bis 50 Meter hoch gewesen sein - ein „Leuchtturm des Mittelalters”, sagt Denkmalschützer Jürgen Uphues bewundernd. Zwischen 1969 und 1989 wurden hier 15.000 Fundstücke ausgegraben. Uphues war schon als Schüler dabei und kennt sich aus. Da darf er auch ein bisschen flunkern, wenn er etwa die Redewendung „Ohne Moos nichts los” auf das Klopapier des Mittelalters zurückführt.

Aber schon 25 Jahre nach Fertigstellung wurde die Burg zerstört, weil der Erbauersohn Friedrich von Isenberg unter Mordverdacht geriet. Territoriale Streitigkeiten, Intrigen und tödliche Überfälle waren in dieser Zeit an der Tagesordnung. Doch am Kölner Erzbischof durfte sich keiner ungestraft vergreifen. Schließlich war dieser Engelbert I. (1185-1225) in Personalunion auch Herzog von Westfalen und neben dem Kaiser der mächtigste Mann im Reich.

Heute führt die Hauptwanderroute des Ruhrhöhenweges an der Ruine der Isenburg vorbei. Ein Zwischenstopp lohnt sich: In ein paar Ausstellungsräumen im Haus Custodis werden Besucher mit Informationen versorgt und bei gutem Wetter reicht die Sicht mehr als 30 Kilometer weit. Dann kann man bis Dortmund sehen, versichert Uphues stolz. (Die Autorin war auf Einladung von Ruhr.2010 unterwegs.)
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