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Mit der Yacht die Treppe rauf: Segeln auf dem Göta Kanal

Von: Felix Rehwald, dpa
Letzte Aktualisierung:
Göta-Kanal
Der Göta-Kanal in Schweden: Ein „Päckchen” in der Kammer - je nach Andrang werden bei Berg gleich mehrere Schiffe auf einmal durchgeschleust. Foto: dpa

Mem. Die Mannschaftsbesprechung auf der „Nivius” verläuft etwas anders, als vor einem Segeltörn üblich. Während sich Chartercrews sonst vor dem Auslaufen vor allem über das Fahrtgebiet, die Häfen, Wind und Wetter austauschen, steht hier eine Umlenkrolle im Mittelpunkt.

Skipper Matthias hält sie in der Hand und erklärt, was er damit vorhat: Die Rolle soll dabei helfen, die vordere Festmacherleine bei Schleusenmanövern in Position zu halten - und davon stehen der Crew etliche bevor. Es geht 190 Kilometer weit auf dem Göta Kanal durch Schweden: von Mem an der Ostsee über den Roxen- und Vättersee bis nach Sjötorp am Vänersee. Dabei muss die „Nivius” 91,8 Meter Höhenunterschied überwinden und 58 Schleusen passieren.

Das ist nicht gerade die typische Route für eine schnelle Yacht. Die elf Knoten Fahrt, mit der das Schiff vom Typ Sun Fast 37 am Nachmittag durch die Wellen der Ostsee gepflügt ist, dürften vorerst nicht mehr drin sein. Im Göta Kanal ist langsames „Motoren” angesagt - also Fahrt mit Maschinenkraft, was Segler eigentlich gar nicht schätzen.

Daher musste sich die Crew schon einige Sprüche anhören: „Göta Kanal? Was wollt ihr da denn?”, fragten Freunde irritiert. „Im Kanal kann man doch nicht segeln!” Allerdings gelten die schwedischen Seen als Revier-Geheimtipp. Und die Schleusenmanöver sind auch nicht zu unterschätzen. Wann haben Hochseesegler dazu schon Gelegenheit?

Dem Skipper ist deshalb vor der Einfahrt in den Kanal die Instruktion der Crew so wichtig. Beim Aufwärtsschleusen wirkten durch das einströmende Wasser gewaltige Kräfte, erklärt er den Mitseglern: „Es ist daher ganz wichtig, dass die Yacht immer gut festgemacht ist. Die Strömung drückt sie sonst mit Wucht gegen das Schleusentor.”

Damit das nicht passiert, werden die Vor- und die Achterleine an Ringen an der Schleusenkante befestigt. Hier kommt nun die Umlenkrolle ins Spiel, erklärt Matthias: Mit ihrer Hilfe und einer Winsch wird die Vorleine straff gehalten. Dadurch bleibt die Yacht dicht an der Schleusenwand und kann nicht unkontrolliert wegtreiben.

Nachdem die Mannschaft dieses Prozedere im Vorhafen von Mem einige Male geübt hat, steuert Matthias die „Nivius” vorsichtig in die erste Schleuse. Mitsegler Alexander springt an Land, um die Leinen festzumachen. Dann öffnet der Schleusenwärter die Klappen - sofort wird es laut: Tausende Liter Wasser tosen durch das obere Tor und bilden im Becken große Strudel. Die Strömung zerrt an der Yacht und drückt den Bug hin und her, während der Wasserspiegel Zentimeter um Zentimeter steigt. Doch die „Nivius” liegt sicher an der Mauer - nur die Fender, die zum Schutz der Bordwand an der Steuerbord-Reling hängen, quietschen leicht, während das Schiff langsam höher kommt.

Als sich die Wasserstände ausgeglichen haben, wird es wieder ruhig. Das obere Tor öffnet sich, die Mannschaft der „Nivius” wirft die Leinen los und tuckert weiter. Eine von 58 Schleusen ist geschafft, rund drei Meter sind gegenüber dem Meeresspiegel gutgemacht - jetzt sind es nur noch 88,8 Meter bis zum „Gipfel” der Kanaltour.

Ursprünglich war der Göta Kanal von seinem Erbauer Baltzar von Platen als Transportroute gedacht gewesen. Baubeginn für das „Blaue Band”, wie er auch genannt wird, war 1810. Für die Bauzeit waren zehn Jahre veranschlagt, doch fertiggestellt war der Kanal erst 1832. Mit dem Aufkommen von Eisenbahn und Lastwagen verlor der Wasserweg im 20. Jahrhundert an Bedeutung - bevor er in den 1950er Jahren von Freizeitkapitänen entdeckt wurde und eine Renaissance erlebte.

Heute ist der Kanal eine der beliebtesten Touristenattraktionen in Schweden. An einigen Orten ist daher entsprechend viel los - auf dem Wasser wie am Ufer. Viele Fahrradurlauber nutzen die Wege entlang des Kanals für Touren. Sie winken den vorbeifahrenden Schiffen zu - oder bleiben stehen und machen Fotos, denn es ist schon ein skurriler Anblick, wenn sich inmitten der grünen Landschaft im engen Fahrwasser zwei große Hochseeyachten mit ihren meterhohen Masten begegnen.

Besonders knifflig wird es für die Steuerleute, wenn ihnen nach einer Biegung plötzlich ein Passagierschiff wie die „Juno” entgegenkommt. Dann gilt es, die Yacht äußerst rechts zu halten, um dem Kreuzfahrtdampfer die Vorbeifahrt zu ermöglichen - was bei einer Kielyacht mit 2,07 Metern Tiefgang und schräg ansteigenden Uferböschungen jedoch nicht ganz einfach ist.

Und immer wieder unterbrechen Schleusen die Weiterfahrt, mal mit einer Kammer, mal mit zweien hintereinander. Eine prima Gelegenheit, um das An- und Ablegen sowie das Manövrieren unter Motor zu üben - mitunter auch vor Publikum: An der Schleuse von Söderköping stehen Dutzende neugieriger Urlauber und schauen der „Nivius”-Crew zu.

Einige Kilometer weiter ist die Fahrt für diesen Tag vor einer Brücke dann jäh zu Ende: Es ist 18.00 Uhr, die Wärter haben Feierabend - keiner mehr da, um die Klappbrücke zu bedienen. Mitten im schwedischen Hinterland, an einem Steg vor einer Kuhweide, muss die „Nivius” bis zum Morgen festmachen. Nur gut, dass die Mannschaft ausreichend Proviant gebunkert hat. Es dauert nicht lange, und auf dem Gasherd der Kombüse köchelt ein leckeres Abendessen.

Am Morgen darauf geht es früh weiter. Nach einigen Kilometern Fahrt ist der Roxensee erreicht - endlich Gelegenheit, mal wieder die Segel zu setzen. Es herrscht eine mäßige bis frische Brise, und die „Nivius” gleitet flott durch die Wellen. Der Roxensee erweist sich größer als gedacht: Weit und breit ist kein anderes Schiff zu sehen, die Segler fühlen sich fast wieder wie auf der Ostsee. Gegen den Wind kreuzend nimmt die Crew nun Kurs auf Berg am Westufer des Roxen.

Ein anspruchsvoller Kurs, wie sich zeigt. Denn es gibt im Roxen wie in den übrigen schwedischen Seen unzählige Untiefen und Felsen. Präzise Navigation ist gefragt, damit die „Nivius” nicht auf Grund läuft. Während der Skipper mit Hilfe der Seekarte einen sicheren Kurs austüftelt und die Richtungsangaben dem Steuermann zuruft, hat dieser ständig ein Auge auf den Tiefenmesser. Die übrigen Segler halten derweil Ausguck nach Seezeichen, die vor Gefahrenstellen warnen.

Nach einigen Stunden ist Berg am Horizont auszumachen: Neben ein paar Häusern zieht sich im Wald eine breite Schneise den Hang hinauf. Aus der Ferne sind Mauern und mächtige Tore zu erkennen - die Schleusentreppe von Berg. Sieben Schleusenkammern reihen sich hier aneinander, um einen Höhenunterschied von 18,8 Metern auszugleichen. Diese Treppe muss die „Nivius”-Crew erklimmen - mit der Yacht.

Sie erreicht den unteren Schleusenhafen gerade rechtzeitig. Eine letzte Fuhre wollen die Wärter vor Feierabend noch durchschleusen. Sie dirigieren die Schiffe daher diesmal im „Päckchen” in die Kammer: Neben der „Nivius” sollen eine weitere Segel- und eine Motoryacht mit nach oben. Beim Schleusen geht es nur mühsam voran: Ist eine Kammer geschafft, geht es gleich in die nächste. Doch irgendwann erscheint der Roxensee beim Blick zurück ziemlich tief unten. Das letzte Tor öffnet sich, die Treppe ist erklommen und der Skipper zufrieden: „Beim Schleusen macht uns jetzt keiner mehr was vor.”

In den Tagen darauf ist auf dem Boren- und dem Vättersee wieder Segel-Action angesagt. Auf dem Vättersee bläst der Wind sogar mit Stärke fünf, so dass die Segler sicherheitshalber ihre Rettungswesten anlegen. Bei Forsvik passieren sie schließlich den höchsten Punkt der Reise. Das „Bergfest” begießen sie abends mit einer Flasche Sekt, als sie im Vikensee in einer einsamen Bucht vor Anker gegangen sind.

Danach geht es auf dem Göta Kanal bis Sjötorp nur noch abwärts, was das Schleusen nun einfacher macht. Die Vor- und Achterleinen müssen mit dem sinkenden Wasserpegel nur „gefiert”, also nachgeführt werden. Ansonsten würde sich die Yacht in der Schleuse aufhängen.

Kurz vor Ende der Reise ist der „Nivius”-Mannschaft dann noch ein besonderer Höhepunkt vergönnt. Der Wind weht schwach von achtern, auf dem Kanal ist gerade kein Verkehr. Skipper und Co-Skipper schauen sich kurz an. „Los, lass uns die Genua setzen”, sagt Matthias. Mit ein paar Handgriffen ist das Vorsegel hochgezogen, der Motor abgestellt - und lautlos gleitet die Yacht nun nur von der Windkraft gezogen über den Göta Kanal. Der Skipper grinst triumphierend in die Runde: „Na, wer hat gesagt, im Kanal kann man nicht segeln?”


Der Göta Kanal in Schweden

REISEZIEL: Der Göta Kanal verläuft über 190 Kilometer durch Südschweden von Mem an der Ostsee bis Sjötorp am Vänersee.

ANREISE UND FORMALITÄTEN: Die nächstgelegenen Flughafen gibt es bei Stockholm. Mehrere Fluggesellschaften fliegen sie täglich von Deutschland aus an, darunter Lufthansa und SAS, aber auch Ryanair und Germanwings. Touristen aus Deutschland, aus der übrigen EU und der Schweiz benötigen für Reisen nach Schweden einen Personalausweis oder Reisepass, wenn der Aufenthalt bis zu drei Monate dauert.

KLIMA UND REISEZEIT: Am schönsten sind die Monate Juni bis August. Die Temperaturen betragen dann um die 20 Grad, die Tage sind lang und trocken. Der Göta Kanal ist 2009 vom 1. Mai bis 27. September offen.

SPRACHE: Schwedisch. Mit Englisch kommen Urlauber ebenfalls gut durchs Land, teilweise wird auch Deutsch gesprochen.

WÄHRUNG: Für einen Euro bekommen Urlauber etwa 10,8 schwedische Kronen (Stand: April 2009).

INFORMATIONEN: Visit Sweden, Stortorget 2-4, SE-83130 Östersund, Schweden (Fax aus Deutschland: 0046 63 128137; für Informationen in Deutschland Tel.: 069 22223496, E-Mail: germany@visitsweden.com).

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