Mushing - Leise Schlitten und laute Schneemobile: Der Winter an den Großen Seen

Leise Schlitten und laute Schneemobile: Der Winter an den Großen Seen

Von: Claudia Bell, dpa
Letzte Aktualisierung:
Winter / Schneemobil
Mit Vollgas über die Hügel: Das Fahren mit dem Schneemobil ist in der Große-Seen-Region ein Volkssport.

Mushing. Da liegen sie wohlig zusammengerollt in ihren Kuhlen im Schnee und blinzeln verträumt in die kalte Wintersonne: die Huskys „Rosy”, „Kathy”, „Milly”, „Bobby” und noch 30 andere Hunde. Klirrend kalt ist es in der Nähe des Lake Superior im US-Bundesstaat Wisconsin, doch die Luft ist trocken und daher nicht zu unangenehm.

Für die Hunde ist es mit etwa minus 20 Grad Celsius ohnehin genau die richtige Temperatur. Hundebesitzer und Schlittenführer John Thiel, Betreiber eines Ausflugsanbieters in Mushing, freut sich für seine Tiere: „Dies hier ist optimales Wetter für meine Hunde. Bei diesen Temperaturen fühlen sie sich am wohlsten und laufen am schnellsten.”

Die Tiere sind an diesem Nachmittag aufgeregt, wie immer vor einer Schlittenfahrt durch die verschneite Landschaft. In bester körperlicher Verfassung seien seine Hunde, erzählt John - was vor allem an den Schneemassen liegt, die gerade im Februar gerne über die Region nahe des Lake Superior hineinbrechen.

Doch bevor seine Sibirischen Huskys loslegen, dauert es einige Zeit, bis alle angeschirrt und vor die Schlitten gespannt sind. Ein ohrenbetäubendes Gebell und Gewinsel erfüllt die kalte Luft, vor lauter Begeisterung drehen sich die Hunde mit den oft zweifarbigen Augen mehrmals um sich selbst und können kaum an sich halten.

Auf die Frage, wie er all die vermeintlich gleich aussehenden Hunde auseinanderhalten kann, lacht John nur: „Jedes einzelne Tier ist wie ein eigenes Kind für mich, ich kenne jedes Wehwehchen, jede Vorliebe, den genauen Zustand eines jeden Einzelnen”, sagt er. Vor elf Jahren hat er gemeinsam mit seiner Frau Mary die Farm inmitten des Waldes aufgebaut. Über mangelndes Interesse können sich die Thiels nicht beschweren, Gästebuchungen gehen Monate im Voraus ein.

Wer sich auf einen Schlitten hinter acht bis zehn angeschirrte Hunde stellt und sie durch die Landschaft spurten lässt, hört nur das hechelnde Atmen der Huskys und die Laufgeräusche der Pfoten im Schnee. Nur ab und zu dringt auch der Ruf des vorausfahrenden Hundeführers an die durch Mütze und Schal dick vermummten Ohren. Hoch liegt der Schnee in den Wäldern, die Seen sind zugefroren, und über allem liegt eine absolute Ruhe: Das sind die Eindrücke, die man von der Fahrt mitnimmt. Heißer Tee und Handwärmer sind am Ende der Fahrt dann genau das Richtige - allerdings erst, nachdem alle Hunde wieder abgeschirrt und in ihr Gehege entlassen sind.

Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass sich diese Idylle in der Einöde mitten im Wald nur wenige Autostunden von Minneapolis entfernt abspielt, der größten Stadt des Nachbarstaates Minnesota. In der Stadt mit 373.000 Einwohnern spielen ganz andere Dinge eine Rolle, Kunst und Kultur zum Beispiel. Hier kommen die Menschen in Museen wie das Mill City Museum und pilgern in die Kunstsammlungen wie das Walker Art Center, ein Vorzeigeobjekt der Stadt. Viel Geld wurde in „Amerikas wahrscheinlich bestes Museum zeitgenössischer Kunst” - wie das Museum einmal vom Magazin „Newsweek” bezeichnet wurde - gesteckt.

Betrachtet man die Liste der hier ausgestellten Künstler, vermag man dieser Beurteilung Glauben zu schenken: Zu sehen sind Werke etwa von Andy Warhol, Matthew Barney, Yoko Ono, Robert Rauschenberg und Kara Walker. Zusammen mit dem angrenzenden „Sculpture Garden”, der größten Freiluftausstellung moderner Plastiken in den USA, bildet das Museum einen der kulturellen Höhepunkte in Minneapolis.

Die Menschen in den Große-Seen-Staaten leben gerne in Städten wie Minneapolis und seinem „Twin-Cities”-Nachbarn St. Paul, und sie lieben deren Annehmlichkeiten wie das Einkaufen in der riesigen „Mall of America”. Dennoch ist einer ihrer Wesenszüge die Liebe zur Natur und zur endlos erscheinenden Weite der Landschaft: „Die Natur ist ein ganz wichtiger Bestandteil unseres Lebens, wir verbringen unsere Zeit am liebsten draußen”, sagt die Fremdenführerin Cheryl Offerman.

Natur und Kultur, Abgeschiedenheit und Unterhaltung - in Minnesota, Wisconsin und Michigan sind das keine Gegensätze. Im Winter sind es Aktivitäten wie Skilang- und Abfahrtslauf, Schneeschuhwandern, Schneemobil- und Hundeschlittenfahren sowie das Eislaufen, die die Menschen an die frische Luft ziehen. Und vor allem ist es der erklärte Volkssport Nummer Eins: das Eisfischen. Auf manchen Seen stehen bis zu 4000 Ice-Fishing-Hütten, vor denen die Eisfischer stundenlang verharren und auf einen guten Fang warten.

Unheimlich und verlassen sehen die kleinen Hütten bisweilen auf den zugefrorenen Seen aus; recht unwirtlich scheint diese Sportart außerdem zu sein und ganz und gar nichts für kälteempfindliche Gemüter. „Nein, zu kalt wird es den Eisfischern sicher nicht, sie wissen sich durchaus zu helfen”, lacht Cheryl Offerman und erzählt von den Heizöfen in den Hütten und vor allem von gemütlichen Abenden bei eiskaltem Bier.

Bereits Kinder interessieren sich fürs Eisfischen und für die Fahrten im Hundeschlitten. Dagegen ist ist das Brausen auf den laut knatternden Schneemobilen noch nichts für sie. Das „Snowmobiling” ist eine der Lieblings-Wintersportarten der Einwohner im Norden der USA. Von den 2007 weltweit verkauften etwa 160 000 Snowmobilen ging knapp die Hälfte in den USA. Insgesamt sind in den Vereinigten Staaten rund 1,6 Millionen Snowmobiles registriert, und rund 4000 Dollar (2960 Euro) gibt der Snowmobiler im Schnitt pro Jahr für sein Hobby aus.

Wie beim Hundeschlittenfahren gilt jedoch: Bevor man überhaupt loslegt, ist jede Menge an Vorarbeit erforderlich. Dick eingepackt in Schneeanzüge und spezielle Stiefel, geschützt durch Gesichtsmasken, Knieschoner und Motorradhelme und versehen mit entsprechenden Sicherheitshinweisen, besteigen Touristen schließlich das Snowmobil - zum Beispiel in Munising am Lake Superior im Bundesstaat Michigan.

Anders als bei den Hunden geht es hier aber nicht um Stille in der Landschaft. Laut ist es während der Tour über gespurte Routen, auch der leichte Benzingeruch mag den einen oder anderen Urlauber während der rasanten Fahrt durch die Wälder stören und Zweifel daran nähren, ob das nun tatsächlich ein wahres Naturerlebnis sein soll, als das es verkauft wird. Doch Bill Manson versucht die Bedenken zu zerstreuen: „Für mich ist das Snowmobiling Entspannung pur, hier kann ich richtig abschalten und mich vom Alltag erholen.” Regelmäßig trifft sich Bill mit seinem Freund Bob, um durch die Winterlandschaft zu fegen.

Tausende von Meilen ziehen sich die Schneemobil-Routen durch die Region, nur vereinzelt stehen kleine Straßenschilder am Wegesrand und weisen die Richtung. Man muss sich schon gut auskennen, um sich nicht zu verfahren - und vor allem muss man vorsichtig sein, denn ungefährlich ist dieser Sport nicht. „Ja, es gab schon den einen oder anderen schlimmen Unfall. Aber das lag meistens daran, dass die Fahrer viel zu unvorsichtig waren und ihre eigenen Fähigkeiten überschätzt haben”, räumt Edward Klim ein, der Präsident der Internationalen Snowmobil-Vereinigung. Und bei allen Bedenken und Zweifeln: Ein hohes Maß an Faszination bietet auch dieser Sport, und er sorgt für eines: einen entspannten Tag an der frischen Winterluft.


Die Großen Seen Nordamerikas

REISEZIEL: Lake Superior, Lake Huron, Lake Michigan, Lake Erie und Lake Ontario sind die fünf Großen Seen Nordamerikas. Sie werden von eingerahmt von Kanada und den US-Bundesstaaten Minnesota, Wisconsin, Michigan, Illinois, Indiana, Ohio, Pennsylvania und New York.

ANREISE UND FORMALITÄTEN: Internationale Flughäfen gibt es unter anderem in Chicago, Minneapolis/St. Paul, Detroit und Philadelphia. Nonstopflüge führen von Deutschland aus zum Beispiel nach Chicago (Lufthansa und United), Detroit (Lufthansa) oder mit Umsteigen in Amsterdam nach Minneapolis/St. Paul (KLM/Northwest). Für Deutsche besteht keine Visumspflicht, sofern sie maximal 90 Tage in den USA bleiben. Erforderlich ist ein maschinenlesbarer Reisepass. Seit dem 12. Januar 2009 müssen sich Urlauber und Geschäftsreisende unter http://esta.cbp.dhs.gov rechtzeitig vor ihrem Abflug online anmelden.

KLIMA UND REISEZEIT: Kontinentales Klima. Im Winter kann es mit Werten um minus 20 Grad häufig sehr kalt werden. Als besonders schneesicher gilt die Zeit von Weihnachten bis Ende Februar. Der Sommer ist trocken und warm, die Temperaturen erreichen oft 30 Grad.

GELD: Ein Euro sind etwa 1,35 US-Dollar (Stand: Januar 2009).

INFORMATIONEN: Great Lakes of North America, Schwarzbachstraße 32, 40822 Mettmann (Tel.: 02104/79 74 51).

INTERNET: http://www.greatlakes.de, http://www.exploreminnesota.com, http://www.travelwisconsin.com, http://www.michigan.org, http://www.enjoyillinois.com, http://www.visitindiana.com, http://www.discoverohio.com, http://www.visitpa.com.

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