Kostenlos übernachten unter deutschen Dächern

Von: Janet Binder, dapd
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Wolfgang Reiche
Wolfgang Reiche bringt ein Adressbuch von und für Radler in Ost und West heraus.

Bremen. Wolfgang Reiche ist begeisterter Radfahrer. Sogar eine Weltreise hat er schon mit dem Rad unternommen. Wenn er durch Deutschland fährt, braucht er für die Übernachtungen kein Geld einzuplanen.

Er schläft bei anderen Radlern zu Hause - auf der Isomatte im Wohnzimmer, im komfortablen Gästebett oder im Zelt im Garten. Reiche hat ein Büchlein mit knapp 3000 Adressen von Radlern zusammengestellt, die Gleichgesinnten auf ihren Touren kostenlos Quartier für eine Nacht geben.

1987 brachte er das erste Verzeichnis für den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) heraus. Seit 1990 gibt es jährlich ein gesamtdeutsche Aufstellung. „Das Prinzip beruht auf Gegenseitigkeit”, sagt Reiche. Angefangen hat er mit gut 200 Adressen in Westdeutschland. Nach der Wende bekam er massenhaft Zuschriften von Interessierten aus der ehemaligen DDR. „1990 hatten wir 6000 Adressen, davon allein 5000 aus dem Osten”, sagt der 63-Jährige. Die anfängliche Euphorie habe inzwischen etwas nachgelassen. Die Ost-West-Begegnungen seien aber auch 20 Jahre nach der deutschen Einheit immer noch spannend.

Das Fahrrad verbindet

„Es ist die ideale Methode, Vorurteile abzubauen”, sagt der heutige Bremer, der als 17-jähriger aus der DDR in den Westen flüchtete. Meist sitzen Gastgeber und Besucher vor dem Schlafengehen noch beim Bier oder Abendbrot zusammen. Manche Freundschaften seien dabei entstanden. „Das Fahrrad verbindet”, sagt Reiche. Man tauscht Erfahrungen aus, gibt sich gegenseitig Tipps. Aber es könne natürlich auch passieren, dass man überhaupt nicht miteinander klarkomme. „Dann kürzt man den Abend eben ab”, sagt Reiche.

Beschwerden habe er in den über 20 Jahren nur selten bekommen. Manche Gastgeber seien sogar zu vertrauensvoll. „Einer wollte, dass ich hinter seine Adresse schreibe: Schlüssel liegt unter der Matte”, sagt Reiche. Denn das Übernachtungsverzeichnis gibt es nicht im Buchhandel. Nur wer auch selbst Gastgeber ist, bekommt eins zugeschickt. Somit wird Missbrauch weitgehend ausgeschlossen.

Fahrrad aus Trabi geholt

Nur kurze Zeit nach der Wende gab es unerwünschte Erfahrungen mit dem nichtkommerziellen Projekt. „Mancher DDR-Bürger wollte seine 100 Mark Begrüßungsgeld im Westen nicht verschlafen”, sagt Reiche. Vor allem Gastgeber im Grenzbereich wurden von Anfragen überhäuft. „Es gab nicht wenige, die hatten ihr Fahrrad im Trabi dabei und radelten nur die letzten Meter bis zur Privatunterkunft”, erinnert sich Reiche. „Das kam natürlich raus.” Inzwischen seien nur noch die echten Radfahrer im Verzeichnis geblieben.

Meist reiche es, einige Stunden vor der geplanten Ankunft beim potenziellen Gastgeber anzurufen. Viele seien flexibel, vor allem Familien mit kleinen Kindern. Jeder Gastgeber könne eine Anfrage auch ablehnen. Wer eine Übernachtungsmöglichkeit bereit halte, müsse nur eine Dusche und Platz für die Isomatte haben. „Es gibt Studenten, die einen Schlafplatz in ihrer Sieben-Quadratmeter-Bude anbieten”, sagt Reiche.

Idee kam auf der Weltreise

Leistungen darüber hinaus seien freiwillig. „Dem Gastgeber soll so wenig Arbeit wie möglich entstehen”, sagt Reiche. Wer an einer beliebten Radroute wohne, bekomme naturgemäß häufiger Anfragen als einer, der abseits der Fahrradwege lebt. Manche nehmen sieben Mal im Jahr jemanden auf, zu anderen kommt ein Jahr lang auch mal keiner. „Einer hatte geschrieben: Mit Pony, Esel und Reiten für Kinder - und hat sich über die vielen Anfragen gewundert”, sagt Reiche.

Die Idee für den „ADFC-Dachgeber” kam Reiche auf seiner vierjährigen Radreise Anfang der 1980er Jahre rund um den Globus. Er war beeindruckt von der Gastfreundschaft in vielen Ländern. In Chile wurden seine Radpartnerin und er auf dem Dorfplatz von einem Mann angesprochen, der ihnen Kost und Logis anbot. „Er wollte keine Gegenleistung, sondern sagte: Macht es bei euch zu Hause auch so”, erinnert sich Reiche. „Das hat mich berührt und beschäftigt.” Und in Australien gab es sogar bereits eine Adressenliste von Radlern, die sich gegenseitig kostenloses Quartier gaben.

Zurück in Deutschland veröffentlichte er im Eigenverlag sein Übernachtungsverzeichnis. Inzwischen gibt es darin auch einige Adressen aus dem übrigen Europa, aus Kanada, Australien und den USA. Aus dem gesamtdeutschen Projekt ist ein globales geworden.
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