Klein-Hollywood an der Neiße

Von: Bernd F. Meier, dpa
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Der Grenzpfahl steht schon auf polnischer Seite. Auf dem gegenüberliegenden Ufer der Neiße ragen die Türme der Peterskirche in den Himmel. Foto: dpa

Görlitz. Die Schritte hallen über das Kopfsteinpflaster der Kränzelstraße, nur einen Steinwurf von der Neiße entfernt. Alte Straßenlampen werfen ihr mattes Licht auf mittelalterliche Hausfassaden. Wer durch die Altstadt von Görlitz flaniert, erlebt eine Zeitreise in die Vergangenheit.

Die östlichste Stadt Deutschlands an der Grenze zu Polen ist auch eine der schönsten. In den beiden Weltkriegen unzerstört geblieben, glänzt Görlitz heute mit mehr als 4000 Baudenkmälern aus 500 Jahren europäischer Architekturgeschichte - vom Mittelalter bis zu den inzwischen aufgefrischten Plattenbausiedlungen aus den Jahren der DDR.

Am Schnittpunkt zweier Handelsstraßen erblühte die Stadt im frühen Mittelalter ab dem Jahr 1071: Vom ukrainischen Kiew bis zur Pilgermetropole Santiago de Compostela in Nordwestspanien führte die 3900 Kilometer lange „Via Regia”, von der Stettiner Bucht an der Ostsee bis Böhmen die Salzstraße. „Mehr als 500 Jahre lang war unsere Stadt Zentrum für den Handel mit Tuchen, Pelzen, aber auch Bernstein”, erläutert die Stadtführerin Monika Knechtel bei einem Rundgang durch die Altstadt.

Das Zentrum erstreckte sich damals innerhalb der Befestigungsmauern halbkreisartig um die Peterskirche, die mit ihren Doppeltürmen zu den Wahrzeichen von Görlitz gehört. „Und gleich nebenan steht das älteste Bürgerhaus der Stadt”, erzählt Monika Knechtel. „Hier lagerte der Waid, der kostbare Farbstoff zum Färben der Tuche.”

Beeindruckender als das schlichte Waidhaus mit seiner grauen Fassade sind jedoch die Hallenhäuser zwischen Nikolaistraße, Untermarkt und Brüderstraße. 35 dieser prachtvollen Bauten existieren auch heute noch in der Altstadt: Riesige Durchfahrten für die Pferdefuhrwerke, hallenartige Räumlichkeiten zum Lagern der Tuche und ausladende Treppenaufgänge zeugen noch vom Wohlstand längst vergangener Zeiten.

Barocke Kaufmannshäuser, Renaissancefassaden und mittelalterliche Wehrtürme prägen das Bild im Zentrum der 59 000-Einwohner-Stadt. Eine geheimnisvolle Attraktion für die Besucher ist am Haus Untermarkt 22 der „Flüsterbogen”: Das spätgotische Rundbogenportal leitet selbst leise gesprochene Worte von der einen zur anderen Seite.

Als besonders wertvolle Sehenswürdigkeit gilt die Nachbildung des Jerusalemer Heiligen Grabes und des Gartens am Ölberg, das der wohlhabende Tuchhändler und Bürgermeister Georg Emmerich 1504 nach seiner Rückkehr von einer Reise ins Heilige Land errichten ließ.

Mit der Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert dehnte sich die Stadt aus. Rund um die Landeskronstraße und den Brautwiesenplatz entstand eines der größten Gründerzeitviertel mit imposanten Hausfassaden. Aus den 1920er Jahren stammt das wohl schönste Jugendstil-Kaufhaus am Demianiplatz, das nach der Hertie-Insolvenz nun geschlossen ist und auf eine neue Zukunft wartet.

In den DDR-Jahren nagte der Zahn der Zeit an der Substanz der historischen Baudenkmäler. Doch seit der Wende fließen viele Fördergelder von verschiedenen Stiftungen in die Stadt. Zudem spendet ein anonymer Gönner über eine Londoner Anwaltskanzlei Jahr für Jahr 511 000 Euro, mit denen die vom Verfall bedrohten Patrizierhäuser behutsam restauriert werden können.

Filmemacher aus Hollywood haben Görlitz wegen seines schönen Stadtbildes inzwischen als Kulisse entdeckt: Die aufwendigen Außenaufnahmen des Streifens „Der Vorleser” mit Kate Winslet und David Kross entstanden hier an verschiedenen Schauplätzen, ebenso Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds” und Jackie Chans Action-Komödie „In 80 Tagen um die Welt”.

Während die Filmemacher die Vergangenheit beleuchten, hat Görlitz als Doppelstadt diesseits und jenseits des Neiße-Grenzflusses die schrittweise Annäherung an seinen polnischen Nachbarn im Blick: Ein Drittel der Stadt ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges polnisch und heißt Zgorzelec.

Seit Polen dem Schengener Abkommen beigetreten ist, gibt es keine Grenzkontrollen mehr. Bewohner und Besucher auf beiden Seiten der Neiße können über die 2004 eröffnete moderne Altstadtbrücke zu Fuß ohne Kontrollen ins andere Land wechseln. Schon seit 1998 wird die Annäherung dokumentiert durch den gemeinsamen Namen „Europastadt Görlitz/Zgorzelec”.

Abstecher von Görlitz führen Radtouristen auf dem gut ausgebauten Oder-Neiße-Radweg 20 Kilometer südwärts nach Ostritz in das seit 1234 bestehende Klosterstift Marienthal, die älteste Zisterzienserinnenabtei Deutschlands. 15 Ordensfrauen leben hier. Die barocken Bauten stammen aus dem 17. Jahrhundert und beherbergen heute ein internationales Begegnungszentrum, in dem Menschen aus West- und Osteuropa zusammenkommen.

Auf dem Weg dorthin radeln die Ausflügler an einem der großen Görlitzer Zukunftsprojekte vorüber: Am Stadtrand entsteht aus einem ehemaligen Braunkohlentagebau die Freizeitlandschaft Berzdorfer See. Schon bald sollen auf der riesigen Wasserfläche Segeljollen und Surfer kreuzen. Campingplätze und Badestrände sind ebenso geplant wie ein 18-Loch-Golfplatz.

Bei längerem Aufenthalt eignet sich die Europastadt, nahezu auf halber Strecke zwischen Dresden und dem polnischen Wroclaw (Breslau) gelegen, auch als Ausgangsort für Touren in diese beiden Städte. Im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien lohnen außerdem Ausflüge ins Reich des Berggeistes Rübezahl auf der 1602 Meter hohen Schneekoppe im Riesengebirge.

Informationen: Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH, Obermarkt 32, 02826 Görlitz, Telefon 03581/47570, E-Mail: willkommen@europastadt-goerlitz.de
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