Hamburg - Joggender Stadtführer bringt Hamburg-Touristen auf Trab

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Joggender Stadtführer bringt Hamburg-Touristen auf Trab

Von: Jan Dube, dpa
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Hamburg. Gösta Dreise läuft los: „Jetzt entdecken wir Hamburg im Galopp.” Seine Reisegruppe folgt joggend, im Nieselregen, morgens um neun über die Reeperbahn.

Die Reisegruppe - das sind zwei Touristen in Laufkluft: Anne Schöning (27) und Thorsten Güttler (29). Sie haben eine Stadtführung im Laufschritt gebucht.

Seit acht Jahren erklärt Dreise - groß, drahtig, gut gelaunt - sportlichen Touristen seine Heimatstadt. „Die Idee hatte ich als erster in Deutschland”, behauptet der 40-Jährige. „Reich werde ich damit trotzdem nicht.” Nebenher jobbt er deshalb als Fahrradkurier und Altenpfleger. Als er Thorsten und Anne an ihrem Hotel abholt, hat er gerade eine Nachtschicht im Pflegeheim hinter sich.

Der Lauf startet im sündigen St. Pauli, das am Morgen recht verkatert wirkt, und führt dann hinunter zur Elbe. Das Tempo ist gemütlich - Trab statt Galopp. „Jetzt stehen wir am alten Elbtunnel”, erklärt Dreise bei Kilometer 2. „Der wurde 1911 als Verbindung zum Freihafen gebaut, weil man Angst vor einem Streik der Barkassenführer hatte, die zehntausende Arbeiter täglich zu den Werften am anderen Ufer brachten.”

Für einen kurzen Abstecher hinunter reicht die Zeit: „Hier kann man im Winter prima joggen, wenn es draußen eisig ist.” Jedes Jahr im Januar gibt es einen Marathon durch die zwei Tunnelröhren. „48 Mal rum, dann hat man die 42,2 Kilometer voll.”

Flott geht es weiter über die Landungsbrücken, vorbei an Museumsschiffen, Hafenbarkassen und Touristenbussen. Der Regen hat aufgehört, aber Dreise macht keine Erzählpause. Er berichtet von Windjammern und Bananendampfern, von den Häuserkämpfen an der Hafenstraße und vom neuen Stadtteil Hafencity. „Hier haben wir Hamburgs Geldgrab”, sagt der Tourführer, als das Trio die Baustelle der neuen Elbphilharmonie passiert. „Der Bau verschlingt immer neue Millionen.”

Ungefähr bei Kilometer 7, nach einem Schlenker durch Hafencity und Speicherstadt, erzählt Dreise vom Bier - passenderweise am Hopfenmarkt. „Um 1375 gab es in Hamburg 425 Brauereien. München hatte damals nur 20. Das Getränk war im Mittelalter ein Exportschlager, auch Kinder tranken davon, aber es hatte nur wenig Alkohol. Das Brauwasser wurde aus dem Fleet geholt, immer donnerstags, da durfte niemand seine Fäkalien in den Kanal kippen.”

Thorsten meint nüchtern: „Gut, dass es heute das Reinheitsgebot gibt.” Er hat auch zur Halbzeit noch genug Puste. Der Elektriker und Schalke-04-Fan, der im Trikot seines Vereins durch die Elbmetropole joggt, geht daheim in der Ruhrpott-Stadt Marl zweimal wöchentlich laufen und ab und an ins Fitness-Studio. Von der Tour ist er begeistert: „Laufend erlebt man die Stadt aus einer ganz anderen Perspektive.” Seine Freundin ergänzt: „Und ziemlich individuell.”

Dreise hält sich nicht nur durch die Läufe mit seinen Kunden fit. An zehn Tagen pro Monat flitzt er als Kurier auf dem Rennrad durch die Stadt, er organisiert Crossläufe und ist als Triathlet aktiv. Munter redet er weiter von Feuersbrünsten, Pest und Cholera, zeigt architektonische Perlen und städtebauliche Sünden. Die Tour führt durch die Einkaufsmeilen der Innenstadt, zur Alster, zum Rathaus, dann in die Szene-Stadtteile Karolinen- und Schanzenviertel. Bei Kilometer 12 wirkt Thorsten ein wenig müde. An jeder zweiten Ampel dehnt er Oberschenkel und Waden. „Wir hatten kein Frühstück”, sagt er entschuldigend.

Zum Abschluss zeigt St.-Pauli-Anhänger Dreise den beiden Fußball- Fans noch das Stadion des Kiezclubs - dann, nach gut zwei Stunden, ist das Ziel erreicht. Am Hotel schaut Anne auf ihre Uhr, die über einen Chip am Schuh auch die Entfernung misst: „Das waren 14,5 Kilometer.” Für die Tour zahlen die beiden 55 Euro. Nach dem Frühstück darf Thorsten auf eine Profi-Massage hoffen, denn Anne ist Physiotherapeutin. „Und ich habe jetzt Feierabend und gehe schlafen”, sagt Dreise, der auf sein Rennrad steigt und davonbraust.
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