Ungersheim - In der Vergangenheit durchs ganze Jahr

In der Vergangenheit durchs ganze Jahr

Von: Juliane Matthey, ddp
Letzte Aktualisierung:
Ecomusee dAlsace
Mitten im Elsass liegt die Vergangenheit nur einen Katzensprung entfernt: Auf halbem Weg zwischen Mulhouse und Colmar in der Nähe des Städtchens Ungersheim, versteckt sich eine kleine Welt, in der die Zeit seit Jahrzehnten stehengeblieben zu sein scheint. Im Ecomusee dAlsace wurde ein komplettes historisches elsässisches Dorf errichtet, aus mittlerweile über 70 Häusern, die in der gesamten Region gespendet, abgetragen und liebevoll wiederaufgebaut wurden. Foto: ddp

Ungersheim. Mitten im Elsass liegt die Vergangenheit nur einen Katzensprung entfernt: Auf halbem Weg zwischen Mulhouse und Colmar, hinter einem verlassenen Kalisalz-Bergwerk in der Nähe des Städtchens Ungersheim, versteckt sich eine kleine Welt, in der die Zeit seit Jahrzehnten stehengeblieben zu sein scheint.

Im Ecomusée dAlsace wurde ein komplettes historisches elsässisches Dorf errichtet, aus mittlerweile über 70 Häusern, die in der gesamten Region gespendet, abgetragen und liebevoll wiederaufgebaut wurden.

Blaue, gelbe und rosafarbene Fachwerkhäuser, bis zu 560 Jahre alt, wurden hier zu neuem Leben erweckt: In der Schmiede kann man einem Schmied bei der Arbeit zusehen, in der Töpferei einem Töpfer. Frauen in langen Röcken und mit Häubchen auf den Köpfen fertigen traditionelles Gebäck. In den Ställen grunzen Schweine und blöken Schafe, und manchmal hört man einen Storch von den Dächern klappern.

Die Mitarbeiter begleiten den Besucher auf Französisch, Deutsch oder Elsässisch, einem alemannischen Dialekt, durch den dörflichen Alltag, wie er über die Jahrhunderte im Elsass gelebt wurde. Dafür, dass es dabei authentisch zugeht, sorgen Recherchen, das wissenschaftliche Komitee des Trägervereins und nicht zuletzt die persönlichen Erfahrungen der älteren Mitarbeiter. „Wir wollen den Besuchern bewusstmachen, dass das einfache Leben früherer Generationen kein schlechteres war als unseres heute”, sagt der Direktor des Trägervereins, Pascal Schmitt. „Wir zeigen ihnen etwas, von dem sie gar nicht wussten, dass sie es wollen und brauchen.” Historienkitsch wird man im Museumsdorf vergeblich suchen - Spektakuläres allerdings auch.

Begonnen hatte es 1984 als Rettungsaktion für verfallende historische Häuser. Nach und nach wuchs das Dorf, doch vor einigen Jahren brachte ein Vergnügungspark-Großprojekt in der unmittelbaren Nachbarschaft das Ecomusée in finanzielle Bedrängnis. Subventionen wurden gestrichen, schließlich übernahm der Betreiber des Nachbarparks die Mehrheit im Ecomusée. Von den einst über 100 Voll- und Teilzeitkräften blieben nicht einmal 40 übrig.

Doch die Elsässer wollten ihr Museumsdorf nicht aufgeben: Heute arbeiten zahlreiche Ehrenamtliche dort. Über 100 Helfer, vor allem aus den umliegenden Ortschaften, aber auch Schweizer aus Basel und Deutsche aus Freiburg schlüpfen regelmäßig in historische Rollen, kümmern sich um die Tiere oder unterstützen die Museumshandwerker. Viele bringen ihre Kinder oder Enkel mit; jeder vierte Freiwillige, berichtet Pascal Schmitt, ist unter achtzehn. Sie wollen das Leben kennenlernen, das noch ihre Urgroßeltern lebten - ein Leben, das von regionalen Sitten und Gebräuchen, dem Wechsel der Jahreszeiten und dem Ablauf des Kirchenjahres bestimmt wurde.

Wenn das Ecomusée nach einer langen Winterpause Ende März öffnet, wenn der Schnee auf den nahen Vogesen taut und im Dorf die Felder mit Ochsenkraft gepflügt werden, beginnen schon bald die Vorbereitungen auf das Osterfest: „Lamala” (Osterlämmchen) werden gebacken, Eier mit „kerwalakrut” (Kerbelblättern) dekoriert. An Pfingsten ziehen Musiker und sagenhafte Gestalten durch das Dorf. Den Sommer hindurch und bis in den Herbst wird dann hauptsächlich fleißig geerntet, eingelagert und eingeweckt - auch vor Publikum.

Im November schließt das Ecomusée für drei Wochen: Die Zeit, in der ohnehin kaum Besucher kommen würden, wird genutzt, um das ganze Dorf weihnachtlich zu schmücken. Keine andere Region in Frankreich feiert die Weihnachtszeit mit einem ähnlich großen Fundus an Bräuchen wie das Elsass, und bis heute werden sie nicht nur im Ecomusée mit großem Regionalstolz gepflegt. Da werden „Manala” (Hefeteigmännchen) und „Berawecka” (Früchtebrot) gebacken und Geschichten vom Hans Trapp - einer Art elsässischem Knecht Ruprecht -erzählt, um die unartigen Kinder zu erschrecken. So geht es, bis das Dorf Anfang Januar für knapp drei Monate seine Pforten schließt, damit das ganze Spiel Ende März wieder von vorne beginnen kann. „Das ist einfach der Rhythmus des Lebens”, sagt Pascal Schmitt.

Auch wenn dieser Rhythmus einst Jahr für Jahr gleich blieb: Im Museumsdorf soll sich noch einiges verändern. Die Bauernsynagoge aus dem nahen Bollwiller soll hier in den kommenden zwei Jahren wieder aufgebaut werden und ein Museum über das Judentum am Oberrhein beherbergen. Aus dem Ecomusée dAlsace soll langfristig ein internationales Museum des Oberrheins werden - denn die Kultur selbst der kleinsten elsässischen Dörfer war schon immer eine internationale.
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