Hamburg - High Speed auf den Schienen: ICE und Co. lassen Europa klein werden

High Speed auf den Schienen: ICE und Co. lassen Europa klein werden

Von: Horst Heinz Grimm, dpa
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ICE
Mit Tempo 300 nach Frankfurt: In Köln beginnt eine der beiden Höchstgeschwindigkeitsstrecken für den ICE. Foto: dpa

Hamburg. Morgens eine Konferenz in Köln, mittags ein Essen in Paris: Was früher dem Fluggast vorbehalten blieb, schafft heute auch der Bahnreisende - vorausgesetzt, er benutzt die richtigen Züge.

Der Verkehr auf Schienen wird im Westen Europas immer schneller, immer mehr Strecken erlauben Geschwindigkeiten bis zu 300 Stundenkilometern. „Auf fast 6000 Kilometern verkehren Bahnen heute mit Hochgeschwindigkeit, fast 3300 Streckenkilometer sind im Bau”, erklärt Liesbeth de Jong, Sprecherin des Internationalen Eisenbahnverbandes UIC in Paris.

Das dichteste Hochgeschwindigkeitsnetz Europas finden Urlauber und Bahnfans in Frankreich. Auf fast 2000 Kilometern rasen die „Trains à Grande Vitesse”, die TGV, quer durch das Land.

Hartmut Buyken vom deutschen Fahrgastverband Pro Bahn in Düsseldorf nennt den Grund für die Spitzenstellung: „Die Konstrukteure nutzten für die von Paris sternförmig weglaufenden Schienenstränge die Täler und kamen dabei fast ohne Tunnel aus. In Deutschland machen die Mittelgebirge den Bahnbau aufwendig.”

Hierzulande beherrschen die weißen ICE auf 6800 Kilometern den schnellen Fernverkehr. „Auf mehr als 1200 Kilometern davon kann echte Hochgeschwindigkeit gefahren werden”, erklärt Andreas Fuhrmann von der Deutschen Bahn in Berlin.

Fast 380 Kilometer seien im Bau, 670 in Planung. Buyken sagt jedoch, dass damit keine Netze wie in Frankreich geflochten werden könnten: „Die schnellen Züge der Bahn müssen immer wieder ihr Tempo drosseln.”

Auch Spanien durchziehen auf mindestens 250 Stundenkilometer ausgelegte Schnellfahrstränge. 1992 schickte die Bahnverwaltung auf der neu gebauten Strecke von Madrid nach Sevilla die ersten AVE auf die Reise. Grund war die Weltausstellung in der andalusischen Metropole. Seither ist das spanische Hochgeschwindigkeits-Streckennetz mit 1600 Kilometern das zweitgrößte in Europa geworden. Und es wächst weiter: 2200 Kilometer Gleise werden derzeit verlegt, 1700 weitere sind geplant.

Die Planer legten sich statt der üblichen iberischen Breitspur auf die europäische Normalspur fest. Im Osten treiben sie die Hochgeschwindigkeitsstrecke weiter in Richtung französische Grenze voran. Von Madrid nach Barcelona fahren die AVE längst in weniger als drei Stunden und machen dem Flugzeug ernste Konkurrenz.

Vor wenigen Jahren waren Passagiere noch drei Mal so lang unterwegs. Bald soll der Anschluss an das TGV-Netz in Perpignan hergestellt sein. High Speed zwischen Madrid und Paris wäre keine Utopie mehr.

Experten sprechen von Hochgeschwindigkeit, wenn mindestens Tempo 200 erreicht wird. In manchen Ländern allerdings täuschen schnittige Züge High Speed vor, auch wenn es keine entsprechend ausgebauten Strecken gibt. Dazu gehört der neue österreichische Fernreisezug „Railjet”, der auch ins benachbarte Ausland fährt. Er hat außer der zweiten und ersten Klasse auch eine Premiumklasse.

Italien hat seine Nord-Süd-Achse auf Tempo gebracht. Mit dem neuen Fahrplan braucht der „Frecciarossa” (Roter Pfeil) zwischen den Stadtzentren Mailands und Roms nur noch drei Stunden.

Bislang waren Reisende doppelt so lang unterwegs. Nach Neapel dauert es dann noch 70 Minuten. „Knapp 880 Kilometer misst das italienische Hochgeschwindigkeitsnetz inzwischen, 400 sollen noch dazu kommen”, sagt de Jong.

Für das östliche Mitteleuropa rechnet der Verkehrswissenschaftler Prof. Wolfgang Fengler von der TU Dresden nicht vor dem Jahr 2020 mit „echter Hochgeschwindigkeit”. Eine Verbindung zwischen Berlin und Budapest über Dresden und Prag wäre dafür geeignet.

Laut UIC plant aber bisher nur Polen konkret, bis 2015 superschnelle Züge von Warschau nach Krakau, Posen und Breslau fahren zu lassen - auf einem Netz von gut 700 Kilometern.

Als Newcomer im High-Speed-Club schickt Russland seit Dezember den „Sapsan” (Wanderfalke) auf die Traditionsstrecke Moskau - St. Petersburg. Der aus deutscher Produktion stammende Triebkopf-Express braucht mit Spitzengeschwindigkeiten von 250 Stundenkilometern für die 650 Kilometer weniger als vier Stunden - eine gute Stunde weniger als der bislang schnellste „Newskij-Express”. Im Jahr 2010 sollen Züge mit Neigetechnik St. Petersburg auch mit Helsinki verbinden.

Schon heute ist es möglich, weite Strecken in Westeuropa von Stadtzentrum zu Stadtzentrum mit dem Tempo eines Formel-1-Boliden zurückzulegen und dabei entspannt vor dem Notebook oder einer Tasse Kaffee zu sitzen. „Interessant sind der ICE und die anderen Züge vor allem auf Strecken zwischen Ballungszentren, wenn er die entsprechenden Geschwindigkeiten ausfahren kann”, erklärt Buyken.

Die deutschen Rennstrecken heißen Nürnberg - Ingolstadt und Frankfurt - Köln. Hier dürfen die Lokführer auf bis zu 300 Stundenkilometer beschleunigen. Von Hannover bis Würzburg können sie Tempo 280 fahren. In Spanien legen sie meist 300 Kilometer pro Stunde zurück. Noch schneller sind nur die Züge in Frankreich: Der TGV kann sogar auf 320 Stundenkilometer beschleunigt werden.
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