Oetz - Hausmusik mit Maria und Josef: Wo es im Ötztal noch beschaulich ist

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Hausmusik mit Maria und Josef: Wo es im Ötztal noch beschaulich ist

Von: Caroline Mayer, dpa
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Ötztal klassisch: Wer mit dem Rodelschlitten abwärts fahren will, muss ihn erst einmal auf den Berg ziehen. Foto: dpa

Oetz. Ötztal und Winter - da denken die meisten Touristen gleich ans Skilaufen und die Après-Ski-Partys in Sölden. Doch das Tal in Tirol hat in der kalten Jahreszeit auch eine völlig andere Seite. Neben dem Trubel auf den Pisten und in den Clubs gibt es hier auch ein ganz beschauliches Alltagsleben.

Gerade in der Vorweihnachtszeit lohnt es sich, auf eine Entdeckungsreise zu gehen.

Der alte „Gasthof zum Stern” in Oetz ist völlig eingeschneit. Draußen schluckt der Neuschnee die Stimmen der Abendgesellschaft, die sich langsam auf den Weg nach Hause macht. Drinnen sitzen noch ein paar Stammgäste in der holzvertäfelten Stube beim Bier. Aus einem Nebenzimmer dringt das Gejohle einer Gruppe von Kartenspielern.

Am grünweißen Kachelofen, der den Raum fast auf Saunatemperaturen heizt, stimmt der Josef seine Harfe. Josef Grießer, ein akkurat gekleideter und zurückhaltender Mann um die 70 mit kurzen weißgrauen Haaren, führt den Traditionsgasthof, der seit Generationen in Familienhand ist. Eine Frau hat er nicht, dafür helfen ihm seine beiden ebenfalls ledigen Schwestern Maria und Margit im Lokal.

Früher war der Josef Kapellmeister, die Geschwister musizierten häufig für ihre Gäste. Der letzte Auftritt liegt allerdings schon Jahre zurück. Als jetzt ein paar Besucher nach Hausmusik fragen, sind die Schwestern sofort Feuer und Flamme: „Heute muss der Josef mal wieder spielen”, sagt Maria resolut.

Der Hausherr lächelt schüchtern und beginnt vorsichtig, an seiner Harfe zu zupfen. Sofort trällern die beiden alten Damen mit Unschuldsmiene frivole „Gstanzln”. Als sie eine verballhornte Trinker-Version von „Oh Tannenbaum” zum Besten geben, blickt der Josef noch etwas angestrengt hinter dem Instrument hervor. Als aber ein patriotisches Tiroler Lied angestimmt wird, haut er plötzlich in die Saiten wie ein Teenager beim Luftgitarre-Spielen.

Der „Gasthof zum Stern” hat die ganze Geschichte des Ötztals vom bettelarmen Bauerntal zum modernen Ski-Tourismuszentrum miterlebt. Im Jahr 1611 ist in den Chroniken des Hauses der erste Wirtsbetrieb belegt. Davor hatte das Gebäude bereits als Gerichtssitz des Klosters Frauenchiemsee gedient, das von hier aus die Grundzinsabgaben für seine Besitzungen in der Region überwachte. Damals produzierten die Ötztaler vor allem Käselaibe, heute leben die meisten Talbewohner vom Fremdenverkehr. Allein im vergangenen Winter kamen fast 500 000 Urlauber ins Tal, das knapp 20 000 Einwohner zählt.

Einer, der diese Entwicklung kritisch verfolgt, ist der Ötztaler Mundartdichter und Volkskundler Hans Haid. Seit Jahren polemisiert der 71-Jährige mit deftigen Versen wütend gegen den Massentourismus. Im „Gasthof zum Stern” erzählt er an diesem Abend über seine politischen Initiativen für mehr Umweltschutz und eine Rückbesinnung aufs alte Brauchtum. Der spontane Auftritt der drei Geschwister ist ganz nach seinem Geschmack, sie repräsentieren für ihn das authentische Ötztal.

Das seiner Meinung nach „pervertierte Ötztal” beginnt etwa 30 Kilometer entfernt beim Wintervergnügungsparadies Sölden. Das ehemals kleine Bergdorf, in dem heute 3000 Menschen leben, registriert jedes Jahr zwei Millionen Übernachtungen, vor allem in den Wintermonaten. Damit liegt es hinter Wien und Salzburg auf dem dritten Platz der österreichischen Top-Tourismusziele.

Wer abends die Hauptstraße entlangschlendert, kann Haids Rede vom „alpinen Ibiza” verstehen: Klotzige Hotels versperren die Sicht auf die Berge, unzählige Bars und Diskotheken werben mit blinkenden Leuchtreklamen für Après-Ski und Party nonstop. „Zwei Kilometer Beleidigungsarchitektur sind das”, sagt Haid zornig. Seitdem er ein paar Wochen zuvor am Ortsausgang ein Striplokal entdeckt hat, nennt er Sölden nur noch „Porno Alpin”.

Haid ist wohl der schärfste Kritiker der Entwicklung im Ötztal, aber er ist nicht der einzige. Einige Bauern haben sich in den vergangenen Jahren zu einer Öko-Kooperative zusammengeschlossen. Auch Angebote für einen sanften Tourismus gibt es: In Niederthai können Romantiker beim Pferdehof Kutschenfahrten durch die verschneite Berglandschaft buchen, bei der Sulztalalm oberhalb des Bergdorfes Gries sind abgelegene Winterwanderwege und Rodelstrecken zu finden.

Der „Gasthof Marlstein”, der einsam auf 1800 Meter Höhe liegt, umwirbt Urlauber, die „bewusst kein Rambazamba und Holleidriö” suchen, und an den unplanierten Waldhängen des Ochsengartens stören weder „Beleidigungsarchitektur” noch Striplokale die Aussicht der Schneeschuhwanderer auf die verschneiten Gletscher und Täler.

Besonders stolz sind die Ötztaler auf ihr „Öko-Designhotel”, die „Waldklause” in Längenfeld. Mit Betten aus Tiroler Bergschafswolle, komplett aus Zirbelholz gefertigten Suiten und Quellwasserbrunnen in allen Zimmern möchte das „Naturhotel” moderne Wellness mit Ötztaler Tradition verbinden. Zum Frühstück gibt es Bioprodukte aus der Region. Obwohl Längenfeld mit seiner Therme „Aqua Dome” zu den Tourismus-Magneten des Tals zählt, geht es hier noch persönlich zu.

So kann es passieren, dass der Ortspfarrer auswärtige Besucher nach dem Sonntagsgottesdienst um 11 Uhr lieber in seine warmen Amtsräume auf einen Schnaps einlädt, als ihnen die Fresken in der winterlich kalten Kirche zu erläutern. „Von Kunstgeschichte verstehe ich sowieso nicht soviel”, sagt Hochwürden Stefan Hauser und lacht. Seit 2001 ist der 60-Jährige Pfarrer in Längenfeld und Huben. Als Zugereister anfangs von den Einheimischen skeptisch beäugt, fühlt er sich inzwischen wie ein richtiger Ötztaler.

Der Obstler des Pfarrers ist hervorragend, dennoch lohnt es sich in jedem Fall, einen Blick in die gotisch-barocke Kirche zu werfen, deren Baugeschichte sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.

Eine weitere kulturelle Besonderheit erwartet Besucher im alten Ortskern von Oetz. In einem mittelalterlichen Wohnturm sind Antiquitäten, naive religiöse Volkskunst, populäre Druckgrafik, alte Fotografien und vor allem zahlreiche alpine Landschaftsgemälde aus der Zeit von 1800 bis heute ausgestellt. „Alle Exponate haben regionalen Bezug”, sagt Hans Jäger, der dem Turmmuseum seine Privatsammlung zur Verfügung gestellt hat. In hohem Singsang und etwas eigentümlichen Sprachduktus erzählt der 70-Jährige die Geschichte des Museums, die auch seine persönliche Geschichte ist.

Der uneheliche Sohn einer Bauerstochter aus Oetz hat sich schon früh für Kunst interessiert, an den Besuch einer höheren Schule oder gar an ein Kunststudium war aber nicht zu denken. So bestellte Jäger jahrelang den Hof der Mutter und der Tanten und kaufte in seiner Freizeit von seinen Ersparnissen Bilder, Heiligenfiguren und alte Fotos. Die Käufe der zum Teil hochkarätigen Volkskunst finanzierte er durch Einnahmen aus einen Campingplatz, den er neben dem Hof betrieb.

Jäger versteht seine Sammlung nicht nur als Beitrag zur Kultur- und Mentalitätsgeschichte der Region, sondern auch als „ideellen Gegensatz zum Strom der Zeit”. Viele Kulturgüter im ländlichen Raum würden vernichtet, da der Zeitgeist über die geschichtlich gewachsene Substanz rücksichtslos hinweggehe mit solchen Worten klingt der Kunstsammler fast wie Hans Haid.

Jahrzehntelang galt Jäger im Ort als Außenseiter und Sonderling, doch das Gerede der Leute wurde ihm irgendwann egal. Vor fünf Jahren erfüllte sich sein Lebenstraum: Nach der Restaurierung des alten Turms in Oetz, der an sich schon eine Besichtigung lohnt, konnte Jäger dort seine Sammlung unterbringen. Noch im selben Jahr erhielt das Museum den Tiroler Museumspreis.

Um das Bild des ursprünglichen Ötztals zu komplettieren, fehlt den Ötztalern eigentlich nur der „Ötzi”, der „Mann aus dem Eis”, der hier in der Jungsteinzeit lebte. Als Bergwanderer 1991 die mehr als 5000 Jahre alte Gletschermumie in der Nähe des Hauslabjochs entdeckten, wurde das Tiroler Tal über Nacht international bekannt. Allerdings haben die Ötztaler heute nicht viel von ihrem berühmtesten Ureinwohner.

Aufgrund einer umstrittenen Grenzbestimmung in der Nähe des Fundortes wurde der Ötzi zum Italiener erklärt und ist nun in einer klimatisierten Vitrine in Bozen zu bestaunen. Für das Ötztal blieb nur das Ötzidorf in Umhausen, ein archäologisches Freilichtmuseum. Das ist im Winter allerdings geschlossen.

So müssen sich die Ötztaler mit ihren lebenden Originalen begnügen. Von denen findet man im „Gasthof zum Stern” in Oetz gleich ein paar. Das Haus zieht Besucher bisher hauptsächlich wegen der reich verzierten Fassade und der alten urtümlichen Stuben an. Vielleicht gibt es dort in Zukunft aber auch wieder mehr volkstümliche Hausmusik zu hören.

Josef, Maria und Margit scheinen ihren Auftritt jedenfalls zu genießen. Das Publikum applaudiert. Auch die Kartenspieler aus dem Nebenraum kommen und fordern eine Zugabe. Zum Schluss singt das Trio ein altes Lied mit dem Refrain „Oan trink ma noch”. Dann verteilt Maria Schnaps. Nun freut sich auch der Josef.

Das südliche Seitental des Inntals bietet insgesamt 350 Pistenkilometer, 186 Loipenkilometer, 51 Rodelkilometer und ein ausgedehntes Netz von Winterwanderwegen. Die wichtigsten Orte sind Sölden, Obergurgl-Hochgurgl und Oetz.

Die Wintersaison 2009/10 beginnt in Sölden am 24. Oktober mit dem Skiweltcup. Sie dauert bis zum 1. Mai. In diesem Zeitraum ist das Gletschergebiet zwischen Sölden und Hochgurgl schneesicher. Im vorderen Teil des Tals bei Oetz beginnt die Saison je nach Schneelage etwa Mitte Dezember und endet etwa Mitte März.

Informationen: Ötztal Tourismus, Gemeindestraße 4, A-6450 Sölden, Tel. von Deutschland: 0043/572 00, E-Mail: info@oetztal.com

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