Die Kartause von „Mostindien”: Paradies am Bodensee

Von: Cornelia Höhling, dapd
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Blick auf das ehemalige Kartäuser-Kloster Ittingen im Kanton Thurgau. Foto: dapd

Frauenfeld. „Mostindien” präsentiert sich sportlich aktiv. Allein 900 Kilometer markierte Radrouten laden in der bezaubernden Landschaft zwischen Schweizer Bodenseeufer und Voralpenland zu Erkundungstouren ein.

Zahlreiche Wanderwege wie der Obstlehrpfad führen an prächtigen Obstgärten vorbei. Dem ausgedehnten Apfelanbau und seiner Form, die ein wenig an den indischen Subkontinent erinnert, verdankt der Kanton Thurgau den merkwürdigen Beinamen.

Vollmondwandern oder E-Bike-Touren

Most wurde hier schon im Spätmittelalter produziert. Heute stammt jeder dritte in der Schweiz geerntete Apfel aus dem Thurgau. So gelangen Wissensdurstige auf den Wanderpfaden meist geradewegs in eine der traditionsreichen Mostereien, mitunter mit angeschlossenem Saft- und Brennerei-Museum. Ein bequemer, etwa neun Kilometer langer Rundwanderweg wurde eigens für Familien gestaltet. Wer nicht gut zu Fuß ist, nimmt die Kutsche oder wiederum das Velo.

Nachtaktive Besucher des fruchtbaren Kantons, die entsprechendes Schuhwerk im Gepäck haben, können sich mit Taschenlampe auf den Weg machen, wenn die Gemeinde Weinfelden im Juni bei Vollmond zur nächtlichen geführten Rundwanderung einlädt. Natürlich wird auch nachts zum Verkosten regionaler Tropfen in verschiedenen Höfen Halt gemacht. Für E-Biker, die durch den Elektroantrieb mit halbem Kraftaufwand auskommen, ist selbst das Pensum der für zwei Tagesetappen à 77 und 47 Kilometer konzipierten „Most-Tour” leicht zu bewältigen.

Schon Kaiser Wilhelm II. entspannte sich in der Kartause

Aber man muss sich im Thurgauer Apfelland nicht zwingend auf Bewegung einlassen. „Verweilen statt eilen” wäre das gegenteilige Motto in „Mostindien”, gedacht für jene, die im Urlaub Ruhe und innere Einkehr statt Aktivität, Trubel und Action finden wollen. „In den abgeschiedenen Tälern des Thurgau suchten schon früher die Mönche Ruhe und Besinnung”, erzählt Kurt Schmid von der Stiftung Kartause Ittingen.

„Heute schöpfen hier weltliche Gäste Entspannung und Kraft.” Warum also nicht eine Auszeit vom Alltag im klösterlichen Umfeld? In dessen historischen Räumlichkeiten wurde schon hochgestellter Besuch wie 1912 der deutsche Kaiser Wilhelm II. empfangen. Denn nach Auflösung der Klöster 1848 nutzten zunächst drei Generationen einer angesehenen St. Gallener Bankiersfamilie die Kartause Ittingen als repräsentativen Landsitz und bewirtschafteten den Hof mit seinen über 100 Hektar Land.

Auch heute betreibt das in die idyllische Thurlandschaft eingebettete ehemalige Kloster, nur wenige Fahrminuten von Frauenfeld und vom Bodensee entfernt, als Modellprojekt noch Acker- und Weinbau mit eigener Kellerei, Milchwirtschaft, Käserei, Schweinemast, Metzgerei und sogar Fischzucht. Aber nach wie vor gewährt das Domizil mit Klosteratmosphäre auch authentische Einblicke in das Leben der Mönche. Das reich ausgestattete Refektorium, die kargen Mönchszellen und die Kirche repräsentieren sich so, als lebten und beteten noch Mönche in Ittingen. Einige original restaurierte Kartausen können besichtigt werden.

Die um einen Kreuzgang angeordneten Häuser, in denen Mönche als Einsiedler lebten, erinnern an den strengen Kartäuserorden, der 1461 das Kloster übernahm. Damals entstanden die Grundzüge des Klosterkomplexes, wie er sich heute dem Besucher präsentiert, erklärt Schmid beim Rundgang. Aus der Entstehungszeit des Klosters im 12. Jahrhundert seien noch Überreste des Wehrturms der Stifterfamilie erhalten. Zunächst hatten die Herren von Ittingen das Kloster als Chorherrenstift der Augustiner gebaut.

Kunst in der Kartause

Wer einmal das Klostertor durchschritten hat, findet seit 1983 in der historischen Anlage neben Gutsbetrieb mit Land- und Viehwirtschaft, Hotel und Gastronomie auch das Ittinger Museum zur klösterlichen Vergangenheit und das Kunst-Museum Thurgau. Überdies beherbergen die alten Gemäuer wie als Kontrast zum Schweigegebot der einstigen Kartäuser inzwischen einen Konzertsaal, in dem Sonntags- sowie die Ittinger Pfingstkonzerte stattfinden.

Innerhalb der Klostermauern, etwas verborgen hinter Rosen und Büschen, warte noch eine Überraschung, macht Schmid neugierig und führt zum Labyrinth. „Vom Rand bis zur Mitte sind es zwar nur acht Meter Luftlinie”, erklärt er. Doch auf dem durch Hunderte von Thymianpflanzen begrenzten Pfad müsse man 205 Meter bis ins Zentrum zurücklegen. Auch dieses Ursymbol der Menschheit, das sich in vielen Kulturen findet, sei heute als Angebot zur Verlangsamung zu verstehen, sagt der Prokurator. Nur wer sich Zeit nimmt, könne etwas erfahren: über sich, über die Kartäuser, über das Leben.

Kartäusergärten und Klosterladen

Für den schönsten Blütenzauber im Frühsommer sorgen zweifellos die rund tausend Rosenstöcke von über 300 verschiedenen historischen Rosensorten im Rosengarten. Bereits die Kartäusermönche pflegten ihre Gärten mit Sorgfalt. So gibt es derer viele: vom Barockgarten, dem kleinen und dem großen Kreuzgarten über den Mönchs- und den Prioratsgarten bis hin zu den Hopfen- und Weingärten. Nicht zu vergessen der Kräuter- und Heilpflanzgarten. Jahrhundertelang war die Klostermedizin die einzige Heilkunde.

Schmid verweist auf den Klosterladen. Denn heute wachsen im Kloster noch 50 historische Heilpflanzen, aber auch rund 120 Gewürzkräuter und 40 Teesorten, die in der regionalen Küche verwendet werden, die man aber auch als Souvenir mitnehmen kann. Und es wäre nicht „Mostindien”, wenn es im Klosterladen keine Moste, Säfte und Weine aus dem eigenen Keller gäbe. Auch im Restaurant Mühle, einem beliebten Treffpunkt der Kloster-Gäste, lassen sich die edlen Tropfen verkosten. Spätestens wenn sich dann das mehr als 100 Jahre alte Mühlrad dreht und angenehme Kühle verbreitet, hat jeder seine Inspiration gefunden.
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