Radarfallen Blitzen Freisteller

Die heimlichen Trinkkumpane von Kairo

Von: Nora Schareika, dpa
Letzte Aktualisierung:
Kairo/ Kneipe
Wer in Kairo abseits der Touristenpfade ein kühles Bier trinken möchte, sucht in den großen Boulevards der 18-Millionen-Stadt vergeblich nach Schildern mit der Aufschrift "Bar". Schon vor Jahren wurden wegen der zunehmenden islamischen Frömmigkeit der ägyptischen Gesellschaft alle traditionellen Kneipen im Stadtzentrum in "Cafeteria" umbenannt. Foto: dpa

Kairo. Wer in Kairo abseits der Touristenpfade ein kühles Bier trinken möchte, sucht in den großen Boulevards der 18-Millionen- Stadt vergeblich nach Schildern mit der Aufschrift „Bar”. Schon vor Jahren wurden wegen der zunehmenden islamischen Frömmigkeit der ägyptischen Gesellschaft alle traditionellen Kneipen im Stadtzentrum in „Cafeteria” umbenannt.

Rund ein Dutzend dieser Kneipen, die fast ausschließlich von Einheimischen besucht werden, gibt es noch in der Innenstadt.

Wenn sich Gamal Abdullah und Mohammed Hamdy in der „Cap-dOr- Cafeteria” nach Feierabend treffen, stehen immer grüne Bierflaschen der ägyptischen Marke „Stella” vor ihnen auf dem Holztisch. Dazu gibt es Brandy und Schälchen mit Snacks - braune Bohnen, Lupinenbohnen, Gurken- und Tomatenscheiben.

Ungefähr einmal pro Wochen kommen der Orthopäde Abdullah und der Physiker Hamdy in die Bar im europäisch geprägten Kairoer Stadtzentrum. „Bei einem Bier hier kann ich abschalten, hier ist Ruhe”, sagt Abdullah und macht eine Handbewegung zur Straße hin, von der Hupen und Geschrei in den spärlich beleuchteten Raum dringen. „Die Islamisten sehen es nicht gerne, dass Bars wie diese noch existieren”, sagt Abdullah und nimmt einen großen Schluck Bier.

„Auch die Regierung macht es den Kneipenbesitzern so schwer wie möglich, wenn es um die Verlängerung ihrer Ausschanklizenzen geht. Wenn neue Kneipen aufmachen, dann sind es schicke Kneipen für Touristen.” In den letzten Jahren sind immer neue Auflagen hinzugekommen, wie die, dass Bars keine Schilder mehr über dem Eingang anbringen dürfen, die sie als Bar kennzeichnen.

Die beiden Trinkkumpane sind Muslime, doch mit dem islamischen Alkoholverbot nehmen sie es nicht so genau wie manche ihrer Landsleute. Sehr fromme Muslime trinken keinen Alkohol, doch in Ägypten wird er nicht nur verkauft und ausgeschenkt, sondern auch hergestellt - offiziell vor allem für die jährlich knapp neun Millionen Touristen. Meist sind es koptische Christen, die Bier und Schnaps verkaufen oder in Bars ausschenken. Bier ist im Vergleich zu Cola und Limonade teuer: Ein halber Liter Bier kostet in einer einfachen Bar umgerechnet etwa 1,20 Euro, rund dreimal so viel wie eine Dose „Pepsi”. Der Preis für ein Bier macht damit schon etwa ein Prozent des Monatsgehaltes eines ägyptischen Lehrers aus.

Die Bierkneipen in Kairos Innenstadt haben eine lange Tradition. Viele gibt es seit dem frühen 20. Jahrhundert, als Kairo eine kosmopolitische Stadt war. „Bis vor 20 oder 30 Jahren waren diese Orte legendär. Die berühmtesten Sänger und Tänzerinnen sind in den Bars von Kairo aufgetreten”, erinnert sich Mohammed.

Alkohol kann man in der Innenstadt von Kairo in vielen Läden und Lokalen bekommen. Diejenigen Ägypter indes, die sich die einheimische Vielfalt alkoholischer Getränke zu günstigen Preisen schmecken lassen wollen, verstecken sich in Spelunken, die für Ortsunkundige schwer zu finden sind. Öffentlicher Alkoholkonsum ist in Ägypten verpönt. Getrunken wird meist nur dort, wo es kein Nicht-Trinker sehen kann.

Auch das „Cap D9Or” sieht von außen nicht wie eine gemütliche Bierkneipe aus. Die Eingangstür führt zuerst in einen Vorraum, von dem aus eine weitere Tür in die Kneipe führt. Die Bar soll fast hundert Jahre alt sein. An der Decke des hohen, luftigen Raumes drehen sich Ventilatoren, die Wände sind mit Holz getäfelt. In einer Ecke hängt ein zur Hälfte abgeblättertes Bild, auf dem Hirsche im Wald abgebildet sind.

Es sind ausschließlich Männer, die diese Kneipe besuchen. Neben Gutsituierten wie Abdullah und Hamdy, die sich den Besuch vornehmerer Bars leisten könnten, kommen auch Arbeiter zum Biertrinken hierher. Die meisten Kneipenbesucher sind älter als 40 Jahre. „Die jungen Leute gehen zum Trinken entweder in schicke neue Clubs oder auf Ausländerpartys”, erklärt Hamdy. Wegen der staatlichen Alkoholpolitik und wegen der islamischen Denkhaltung ist die Zukunft der verbliebenen traditionellen Trinkhallen in Kairos Zentrum ungewiss. „Eines Tages wird es hier auch wieder liberaler zugehen”, ist sich Mohammed sicher. Dann bestellt noch eine Flasche „Stella” und lässt eine gelbe Lupinenbohne aus der Hülle in seinen Mund flutschen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert