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Deutsche Spurensuche in Kubas Hauptstadt Havanna

Von: Jörg Schurig, dpa
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havanna / kuba
Die Altstadt Havannas: Hier gibt es auch die meisten Spuren in der kubanischen Hauptstadt, an denen Deutsche lebten und arbeiteten. Mit vielen barocken Baudenkmalen gehört Habana Vieja zugleich zu den ältesten spanischen Kolonialsiedlungen. Foto: dpa

Havanna. Der kleinste Hinweis auf Deutschland in Kuba misst nur etwa eineinhalb Zentimeter. Jeder Kubaner kennt sie, die Deutsche Schabe (Blattella germanica). Sie ist hier eine von knapp 90 Kakerlakenarten und im Gegensatz zu Touristen aus Deutschland ein ungebetener Gast.

Der schwedische Forscher Carl von Linné gab ihr 1767 den Beinamen. Sein deutscher Kollege Johann Christoph Gundlach fand 1844 in Kuba dagegen ein äußerst beliebtes Tier, die kleinste Kolibri-Art. Der Entdecker des Winzlings wird noch heute auf der Karibikinsel verehrt und steht nur noch im Schatten eines Mannes - Alexander von Humboldt.

„Die Spanier haben Kuba entdeckt und ausgebeutet, Humboldt hat es erforscht”, sagt die gebürtige Chemnitzerin Evelin Wiemann. Die 63- Jährige ist Schatzmeisterin des 1862 gegründeten Deutschen Vereins in Havanna. 1970 kam sie mir ihrem kubanischen Ehemann auf die Insel und arbeitete hier als Technologin. Als Rentnerin geht sie nun deutschen Spuren in Havanna nach und macht entsprechende Stadtführungen. Vor allem in der Altstadt der Zwei-Millionen-Metropole sind mehrere Orte direkt oder indirekt mit Deutschen verknüpft, auch wenn manche Spur verwischt ist.

Wiemanns Tour beginnt am Hotel Telégrafo im Herzen Havannas nahe des Capitols. Dort, wo es ständig hupt, wo amerikanische Limousinen aus den 1950er Jahren noch immer beliebte Treffpunkte ansteuern. Dort, wo junge kubanische Frauen Touristen auflauern, um eine Mango - so heißen hier begehrenswerte Männer - auszunehmen. Viele hasten an der ersten deutschen Spur des Rundgangs vorbei. Eine Tafel erinnert hier an einen prominenten Gast: Heinrich Schliemann. Der spätere Troja-Ausgräber kam erstmals 1865 nach Kuba und interessierte sich für Eisenbahn, Kaffee und Zucker, aber auch für Theater und Oper.

Auch in den Hotels Inglaterra und Santa Isabel bezog er bei Kuba- Reisen Quartier, 1886 weilte er letztmalig in Havanna. Zu diesem Zeitpunkt hatten andere Deutsche schon Spuren hinterlassen, als erster vermutlich Johann Tetzel. Er kümmerte sich bereits Mitte des 16. Jahrhunderts im Auftrag der spanischen Krone um den Kupferbergbau in der damaligen Kolonie. Später brachte er auch deutsche Bergleute mit, um nahe der Kupfermine El Cobre bei Santiago de Cuba eine metallurgische Fabrik aufzubauen. „Die meisten deutschen Spuren stammen aber aus dem 19. Jahrhundert”, erklärt Wiemann.

Bereits zu Beginn dieser Epoche landet Humboldt bei seiner Reise durch die Neue Welt auf Kuba. Er verbrachte mehrere Monate auf der Insel und studierte deren Geografie, Natur und Gesellschaft. Sein 1826 erschienener „Politischer Essay über die Insel Cuba” gilt als erste umfangreiche Studie über das Land. Sie enthält Betrachtungen zur Bevölkerung und Statistiken. Kritische Äußerungen zur Sklaverei, die erst 1886 auf Kuba ein Ende fand, bescherten ihm nicht nur Freunde. Freiheitsliebende Kubaner verehren ihn aber gerade deshalb.

Eine Wegstrecke in Richtung Freiheit ist auf jeden Fall einem Deutschen zu verdanken. Im April 1895 brachte der Kapitän Heinrich Löwe mit seinem Schiff „Nordstrand” den Dichter und Freiheitskämpfer José Martí nach Kuba. Ein deutscher Kämpfer für die Freiheit verbrachte seine letzten Lebensjahre als erfolgreicher Kaufmann auf der Insel: der Journalist und Vormärz-Dichter Georg Weerth. Er starb 1856 an Malaria, in der Straße Aramburu erinnert eine Gedenktafel an ihn. Wiemann kennt jeden Quadratzentimeter deutscher Geschichte in Havanna und wandelt wie ein Lexikon durch die Gassen.

Am Gebäude der „Fundación Alejo Carpentier”, der Stiftung mit dem Namen des bekannten Schriftstellers, muss Wiemann etwas weiter ausholen. Die Spur via Carpentier führt zunächst nach Paris, wo der Romancier ein paar Jahre als Kulturattaché arbeitete und einen VW- Käfer fuhr. „Carpentier schrieb sein letztes Buch über einen Mann, der mit der zweitältesten Tochter von Karl Marx verheiratet war und 1842 in Santiago de Cuba geboren wurde”, beginnt Wiemann ihre Erzählung über Paul Lafargue. Marx verewigte ihn in seinem Buch „Wie ich meinen Schwiegersohn erzog”.

Auf die Spur von Friedrich Fröbel kam Wiemann durch einen Vortrag des Stadthistorikers von Havanna zur Eröffnung der Deutschland-Wochen 2009. Er erwähnte ein Denkmal des Reformpädagogen. Es steht in einem kleinen Park in der Calle Mercaderes. Schräg gegenüber sind auf einer Fassade Figuren aufgemalt, darunter eine Freundin Gundlachs, die Dichterin Gertrudis Gómez de Avellaneda. Auch der „Schwarze Paganini” Domingo Brindis de Salas, der mit seiner Geige einst beim deutschen Kaiser Wilhelm II. aufspielte, ist dort verewigt.

Eine ältere Spur führt ins Geschäft der Brüder Hermann und August Upmann. Die Banker hatten Zigarren an ihre Kundschaft in Europa geschickt und waren von der Resonanz so beeindruckt, dass sie in Havanna eine Tabakfabrik gründeten. Angeblich sollen sie auch die Banderole auf der Zigarre erfunden haben. Auf jeden Fall besaß die Marke H. Upmann internationales Renommee. Hermanns Sohn Albert Upmann amtierte von 1912 bis 1917 als Präsident des Deutschen Vereins von Havanna. Er existiert noch heute, hat reichlich 120 Mitglieder und wird von der aus Dresden stammenden Rosemarie Liekfeldt geleitet.

Auch eine unrühmliche deutsche Spur gibt es in Havanna - die des Spions Heinz-August Küning alias Lüning, mit dessen Informationen deutsche U-Boote kubanische Schiffe versenkten. Ein Denkmal für die kubanischen Matrosen zeugt von der dunklen Seite deutscher Geschichte in Kuba.

Gleiches gilt für das Bild „Los Olvidados” (Die Vergessenen) von Victor Manuel. Es behandelt das Schicksal von mehr als 900 jüdischen Flüchtlingen, die 1939 mit dem Schiff „St. Louis” in Kuba einen rettenden Hafen suchten. Sie durften nicht von Bord und mussten nach Europa zurück. Die Mehrheit überlebte den Holocaust nicht.

Trotzdem scheinen die Schatten deutscher Vergangenheit überwunden. „Sie sind hier sehr geschätzt”, fasst Wiemann ihre Erfahrungen zusammen. Die Deutschen gelten als pünktlich, korrekt und arbeitsam. „Wohl auch deshalb hat Spanien zu Kolonialzeiten versucht, Deutsche in Kuba anzusiedeln”.

Auch Rosemarie Liekfeldt, die seit vielen Jahren in Havanna lebt, hat die Sympathie der Kubaner oft gespürt: „Als wir zur Fußball-WM 2006 mit deutschen Fahnen an den Autos durch Havanna fuhren, haben immer Leute gewunken.” Liekfeldt beziffert die Zahl der Deutsch sprechenden Kubaner auf etwa 30 000. Die engen Beziehungen der DDR zum einzigen sozialistischen Bruderland in der Karibik haben auf sprachlichem Gebiet Spuren hinterlassen. Tausende Kubaner wurden im Osten Deutschlands ausgebildet, als Facharbeiter oder an Fach- und Hochschulen. „Kuba hatte in der DDR eine ihrer wesentlichsten Stützen für die wirtschaftliche, wissenschaftliche, technische und kulturelle Entwicklung des Landes”, heißt es in der Broschüre „Presencia alemana en Cuba” (Deutsche Spuren in Kuba). Im vereinten Deutschland kühlte das Verhältnis freilich etwas ab.

Allerdings reicht der Deutschunterricht in Kuba bis in die Spätphase der Kolonialzeit zurück. Da die damalige spanische Regentin österreichischer Herkunft war, gehörte Deutsch zum Abitur sowie zum Lehrprogramm der Medizinschule. Schon zuvor hatten Gelehrte wie der Philosoph und Pädagoge José de la Luz y Caballero die Sprache von Goethe und Schiller studiert. „Die Leiden des jungen Werther” waren seinerzeit auch auf der Insel populär. Der am häufigsten übersetzte Dichter ist jedoch Heinrich Heine”, weiß Wiemann. Bis heute blieben deutsche Wörter im „kubanischen Spanisch” erhalten, darunter Kindergarten, Hamster und Leitmotiv.

Der Deutsche Verein trifft sich oft in der Casa Humboldt in Havannas Altstadt. In Habana Vieja pulsiert das Leben der Stadt. 1982 hat die Unesco das Viertel in ihr Welterbe aufgenommen. Der Verfall ist mittlerweile gebremst, viele Häuser sind saniert und präsentieren sich mit frischer Farbe. Jeder Tourist pilgert irgendwann durch die engen Gassen, manche kommen auch gezielt zur Casa Humboldt, wo ein kleines Museum unter anderem Schriften des Forschers und Navigationsinstrumente zeigt. Ein Schild vermerkt, dass Humboldt den Meridian Havannas korrigierte. Angeblich ist Humboldt in Kuba der bekannteste Deutsche - neben Franz Beckenbauer.

Taxifahrer Alejandro kennt zumindest Rostock. Zweimal ist der frühere Schiffselektriker mit einem kubanischen Handelsschiff in der ostdeutschen Hafenstadt gewesen. Auch eine Novia, eine feste Freundin, hat er Anfang der 70er Jahre in Rostock gehabt. Vieles hat ihn am deutschen Osten gefallen, nur die Wassertemperatur der Ostsee nicht. „Es war furchtbar. Ich konnte immer nur mit den Füßen ins Wasser gehen, meine Freundin schwamm und lachte mich aus. Für einen Kubaner war das aber wirklich zu kalt.”
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