Dresden - Der Balkon von Dresden: Ein Rundgang im Stadtteil Weißer Hirsch

Der Balkon von Dresden: Ein Rundgang im Stadtteil Weißer Hirsch

Von: Detlef Berg, dpa
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Der Balkon von Dresden - Ein Rundgang im Stadtteil Weißer Hirsch
Landeshauptstadt an der Elbe - Dresden ist nicht nur wegen seiner Architektur ein beliebtes Ziel für Kulturreisende.

Dresden. „Am liebsten hockte ich dann auf der Gartenmauer und schaute dem Leben und Treiben auf dem Albertplatz zu”, schrieb Erich Kästner in seinem Roman „Als ich ein kleiner Junge war”.

„Die Straßenbahnen, die nach der Altstadt, nach dem Weißen Hirsch, nach dem Neustädter Bahnhof und nach Klotzsche und Hellerau fuhren, hielten dicht vor meinen Augen, als täten sies mir zuliebe.”

Einen großen Teil seiner Jugend verbrachte der in Dresden geborene Schriftsteller in der Villa Augustin seines Onkels Franz. Heute ist in der restaurierten Villa ein kleines Kästner-Museum untergebracht. Und viele Straßenbahnlinien kreuzen noch immer den Albertplatz.

Wer hier in einen Wagen der Linie 11 in Richtung Bühlau steigt, fährt ganz bequem zum Stadtteil Weißer Hirsch hinauf. An der Strecke liegt mit der Molkerei Gebrüder Pfund der wohl schönste Milchladen der Welt, in dem seit 1892 Milch und Honig fließen und dessen historische Ausstattung komplett erhalten ist.

Nur wenig später werden die Anschlüsse zur umstrittenen Waldschlößchenbrücke passiert, die die Stadt den Status eines Weltkulturerbes der Unesco kostete. Danach taucht das ehemalige Gelände der Stasi auf, die hier ihre Bezirksverwaltung und ein Untersuchungsgefängnis hatte.

Eine Gedenkstätte informiert über Einzelschicksale politischer Häftlinge und Verhörmethoden der DDR-Staatssicherheit. Auf halbem Weg zum Weißen Hirsch locken drei Elbschlösser zu einem Zwischenstopp, alle in imposanter Lage an den Hängen des Elbtals.

Den Auftakt macht das Schloss Albrechtsberg, das der berühmten Villa Medici in Florenz nachempfunden wurde und in dem heute Kammerkonzerte stattfinden. Gleich nebenan liegt das Lingner-Schloss, das der Unternehmer und „Odolkönig” Karl August Lingner der Stadt Dresden stiftete.

Nummer drei ist das im Tudorstil erbaute Schloss Eckberg, das jetzt als Hotel zahlenden Gästen offensteht. Im weiteren Verlauf überquert die Linie 11 die Mordgrundbrücke, um dann einen steilen Anstieg zum Bad Weißer Hirsch zu meistern.

Dort erwartet Reiseführerin Saskia Köhler ihre Gäste an der Plattleite. In Uwe Tellkamps Roman „Der Turm” heißt diese Straße Turmstraße. Dass der fast tausendseitige Bestseller des Schriftstellers über das Dresdner Bildungsbürgerturm in den letzten Jahren der DDR so erfolgreich werden würde, hatte Saskia Köhler nicht erwartet.

„Die Nachfrage nach Führungen ist erstaunlich groß. Ich werde Ihnen unterwegs immer wieder einige der Schauplätze aus dem Romangeschehen vorstellen und Passagen aus dem Roman vortragen”, sagt Köhler, die das Viertel von Kindheit an kennt.

Die Besiedlung der Gegend begann im 17. Jahrhundert, erfahren die Teilnehmer des Rundgangs. „Damals wurden Weinberge und Wirtshäuser angelegt, darunter auch die Schenke Zum Weißen Hirsch.” Bald entwickelte sich der Ort zu einem beliebten Ausflugsziel der Dresdner, später zu einer anerkannten Sommerfrische und schließlich zu einem international besuchten Bad.

Der Seifenfabrikant Ludwig Künzelmann erkannte das Potenzial des Ortes, ließ ein Kurhaus bauen und gestaltete den angrenzenden Teil der Heide zum Waldpark um. Er erreichte sogar, dass er den Weißen Hirsch als „klimatischen Kurort” bezeichnen durfte.

Die weitere Entwicklung des Ortes bestimmte das 1888 von dem Arzt Heinrich Lahmann gegründete Sanatorium. „Er legte Wert auf viel Bewegung in frischer Luft und setzte auf gesunde Ernährung”, erzählt Köhler. Um die Kurgäste täglich mit frischem Gemüse versorgen zu können, kaufte er sogar ein landwirtschaftliches Gut vor den Toren der Stadt.

Sein Wohlfühlkonzept lockte Gäste aus aller Welt an. Seit 1899 war der Ort an das Dresdner Straßenbahnnetz angebunden - ein Komfort, den die Gäste zu schätzen wussten. Sie waren in der Natur, konnten aber gleichzeitig die kulturelle Vielfalt Dresdens genießen.

„Dort drüben erinnert eine Plakette an Dr. Lahmann”, sagt Saskia Köhler und zeigt in Richtung des Sanatoriums, das sich in einem ruinösen Zustand befindet. Zuletzt hatte die Rote Armee das Gebäude genutzt, seit 1991 steht der Komplex leer.

Das Bombardement Dresdens verschonte den Weißen Hirsch, doch viele Villenbesitzer waren 1945 vor der Roten Armee geflohen oder wurden enteignet. Große Wohnungen wurden zumeist mit mehreren Mietparteien belegt. Dennoch behielt das Viertel gerade bei Intellektuellen seine Anziehungskraft.

Anschaulich beschreibt Tellkamp, wie sich das Bildungsbürgertum, für das es im Sozialismus keinen Platz mehr gab, mit Hausmusik, Lektüre und intellektuellem Austausch einrichtete. „Dichtung und Wahrheit fließen zusammen”, sagt Köhler. „Einige Orte lassen sich aber konkret zuordnen.”

Als Beispiel nennt sie das „Tausendaugenhaus”, eine Jugendstilvilla in der Hietzigstraße, deren schmiedeeiserner Gartenzaun den Bucheinband ziert.

Christian, der Protagonist in „Der Turm”, hat Züge von Uwe Tellkamp. Beide bekommen die Härte des Systems zu spüren. Das mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Werk soll nun verfilmt werden. Piet Oehmichen, Betreiber der legendären „Kakadu-Bar” im „Parkhotel”, will sein Tanzlokal als Schauplatz zur Verfügung stellen.

Auch das „Panoramarestaurant Luisenhof” hoch über der Elbe wird im Film wohl zu sehen sein. Der Ausblick auf das Elbtal mit der im Vordergrund liegenden Brücke Blaues Wunder trug dem Luisenhof die Bezeichnung Balkon von Dresden ein.

Informationen: Dresden Marketing, Theaterstraße 6, 01067 Dresden, (Tel.: 0351/50 730, http://www.marketing.dresden.de).

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