Bayerische Skigebiete investieren trotz Klimawandel

Von: Georg Etscheit, ddp
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Reit im Winkl. Vor dem Wedeln stand das Geschiebe und Gedränge. Wer zum Skifahren auf die Winklmoosalm wollte, eines der bekanntesten deutschen Wintersportzentren, musste zunächst eine unbequeme Busfahrt in Kauf nehmen. Mühsam quälten sich die mit Menschen und Material vollgepackten Dieselstinker die fünf Kilometer lange Straße den Berg hinauf, bis man auf 1200 Meter Höhe endlich in den Skilift umsteigen konnte.

Damit hat es nun ein Ende: Am Samstag wird am Parkplatz Seegatterl bei Reit im Winkl eine neue, drei Kilometer lange Gondelbahn in Betrieb genommen, die die 367 Höhenmeter in knapp zehn Minuten bewältigt. Trotz des Klimawandels investieren Bergbahnbetreiber derzeit in großem Stil in komfortable Sesselbahnen und Schneekanonen.

Neben der 13 Millionen Euro teuren 8er-Kabinenbahn auf die Winklmoosalm gibt es den neuen „Kandahar-Express” in Garmisch-Partenkirchen, ein 6er-Sessel, der sogar mit Sitzheizungen ausgestattet ist, sowie den ähnlich gebauten „Fluh-Express” in der „Skiarena Steibis” in Oberstaufen im Allgäu. Und in den nächsten Jahren stehen weitere Millionen-Investitionen an, mit denen die bayerischen Skigebiete im immer härteren Wettbewerb um die Brettlfans mithalten wollen.

Einer der Gründe für den Bauboom in Bayerns Alpen ist die Senkung der Mehrwertsteuer für Skilifte und Sesselbahnen. Seit 1. Januar 2008 wird auf Lifttickets nur noch der ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent aufgeschlagen. „Dafür haben wir jahrelang gekämpft”, sagt Hannes Rechenauer, Sprecher des Verbandes der Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte. „Jetzt können die Liftbetreiber mehr Mittel für Investitionen zurücklegen.” Dazu kommt frisches Geld aus der Staatskasse. Die maximale Grenze zur Förderung von Skigebiets-Modernisierungen wurde von 15 auf 35 Prozent der Investitionssumme angehoben.

Von diesem Geldsegen profitieren soll auch das Sudelfeld, ein traditionsreiches Skigebiet vor den Toren Münchens. Schrittweise sollen dort in den kommenden Jahren für 45 Millionen Euro die 16 alten Schlepplifte durch sechs bis sieben leistungsfähige Sesselbahnen ersetzt werden. Außerdem ist geplant, das zwischen 800 und 1600 Meter hoch gelegene Skigebiet großflächig zu beschneien. Dafür soll ein zwei Hektar großer Speichersee gebaut werden. „Wenn wir jetzt nicht in das Sudelfeld investieren, bedeutet das einen Ausstieg auf Raten”, sagt Harald Gmeiner, Tourismusdirektor von Bayrischzell am Fuße des Sudelfeldes. Der Klimawandel schreckt Gmeiner nicht. Ein klimatologisches Gutachten habe bestätigt, dass der Skibetrieb auf dem Sudelfeld auch in 25 bis 30 Jahren noch rentabel sei.

Das geht allerdings nicht ohne künstliche Beschneiung, die in bayerischen Skigebieten mittlerweile ebenso Standard ist wie schon in Österreich oder Norditalien. „Mit der neuen Anlage auf dem Sudelfeld reichen uns drei bis vier kalte Tage, um das gesamte Gebiet zu präparieren”, sagt Gmeiner. Alternativen zu der alpinen Materialschlacht sieht der Tourismusmanager nicht. „Die ganze Region hängt davon ab.” Naturschützer haben den Kampf gegen neue Schneekanonen mittlerweile so gut wie aufgegeben. „Die Dämme sind längst auch in Bayern gebrochen”, sagt Christine Markgraf vom Bund Naturschutz (BN) in München. „Genehmigt wird de facto fast alles.”

Umstritten ist auch der geplante Zusammenschluss der Oberallgäuer Skigebiete Grasgehren und Balderschwang durch neue Lifte am Riedberger Horn. Das Gebiet liegt in der Zone C des bayerischen „Alpenplanes” und soll als Ruhezone vor touristischer Erschließung freigehalten werden. „Sollte das Projekt genehmigt werden, wäre dies der erste Fall in der 37-jährigen Geschichte des Alpenplanes”, sagt Andreas Güthler von der Internationalen Alpenschutzkommission Cipra und warnt vor einer „Aufweichung” des Regelwerks. Das Bayerische Wirtschaftsministerium bekräftigte auf ddp-Anfrage, am Alpenplan festzuhalten.

Ein Neubau von Skiliften in der Zone C, die 43 Prozent des bayerischen Alpenraumes ausmacht, sei ausgeschlossen. Für BN-Aktivistin Markgraf sieht trotzdem keine Entwarnung für die bayerischen Berge. Die aktuelle Investitionswelle sei „reine Torschlusspanik”. „Eigentlich weiß jeder, dass der Skibetrieb in Bayern keine Zukunft mehr hat, außer vielleicht in den höchsten Lagen in Garmisch und Oberstdorf.” Auch die Alterung der Gesellschaft und der Wertewandel sprächen gegen den Ausbau der Skischaukeln, meint Markgraf: „Immer mehr Leute wollen auch im Winter Ruhe statt Gaudi.”
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