Ausrangierte Eisenbahnwaggons als Zughotel

Von: Nils-Eric Schumann, ddp
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In ausrangierten Schlafwagen bietet Ulrich Reuter Übernachtungsmöglichkeiten und Ferienwohnungen an. Anfang der 1990er Jahre hatte Ulrich Reuter den ersten Speisewagen gekauft und darin einen Imbiss an der Bundesstraße 101 eingerichtet. Foto: ddp

Wolkenstein. Die typischen Sprelacart-Verkleidungen in den Schlafwagen aus Zeiten der Deutschen Reichsbahn der DDR sehen aus, als seien sie erst frisch montiert - blitzeblank geputzt und ohne Kratzer. In den Waggons glauben frühere Bahnreisende noch immer den markanten Geruch des Desinfektionsmittels Wofasept erahnen zu können.

Wer hier übernachtet, wartet anfänglich auf rüttelnde Schienenstöße. Doch die Schlafwagen des Wolkensteiner Zughotels im romantischen Zschopautal des Erzgebirges werden nie mehr auf Reisen gehen.

Anfang der 1990er Jahre hatte Ulrich Reuter den ersten Speisewagen gekauft und darin einen Imbiss an einer Bundesstraße eingerichtet. Zufällig las Uli, wie er von all seinen Gästen genannt werden will, in der Mitarbeiterzeitung der Deutschen Reichsbahn, dass nicht mehr gebrauchte Wagen als Unterkünfte ins jugoslawische Bürgerkriegsgebiet gebracht werden.

Seither bemühte er sich auch um ausrangierte Waggons, und so war die Idee einer Herberge mit Reichsbahn-Flair geboren. Inzwischen hat Reuter sich 16 Eisenbahnwaggons zulegt.

Zu jedem weiß er eine Geschichte zu erzählen: Ein Schlafwagen im Ursprungszustand fuhr beispielsweise in den Tourex-Zügen, die junge DDR-Urlauber früher von Berlin oder Dresden bis ans Schwarze Meer brachten. Ein Güterwagen, der heute als Restaurant genutzt wird, war einstmals als Behelfspersonenwagen rund um Annaberg-Buchholz im Einsatz.

Freilich darf auch ein Waggon aus dem Regierungszug der DDR nicht fehlen, sogar einen Lazarettzug der Nationalen Volksarmee hat Reuter vor der Verschrottung gerettet und zu einer Ferienwohnung umfunktioniert. „Ich war Mitropist”, erzählt Reuter stolz, zögert und scheint auf die Frage zu warten, was das denn sei. Bleibt die aus, erzählt er weiter: „Ich habe Koch gelernt bei der Mitropa in Karl-Marx-Stadt.”

Dann fuhr er jahrelang im Speisewagen zwischen Zwickau und Ost-Berlin. „Die Mitropa kennen heute viele gar nicht mehr”, sagt der Gastwirt mit einer Leidenschaft für die Eisenbahn. Aber die ehemaligen Mitarbeiter der Bahnhofsgaststätten, Speise- und Schlafwagen oder Autobahnraststätten seien noch immer eine eingeschworene Gemeinschaft und träfen sich regelmäßig, weiß Reuter zu berichten.

Inzwischen sei das Markenrecht der Mitteleuropäischen Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft erloschen, und er könne ganz ohne Ärger „Mitropa” an die bordeauxroten Schlafwagen seines Zughotels schreiben. Auf Detailtreue legt er nämlich großen Wert. Und auf die Tatsache, dass sein Zughotel über eine völlig autarke Energieversorgung verfügt.

Über ein ausgeklügeltes System, das er sich patentieren ließ, werden die abgestellten Eisenbahnwaggons geheizt und klimatisiert. Bis zu Außentemperaturen von minus 15 Grad Celsius können Gäste beherbergt werden.

Das Restaurant verfügt über einen Biergarten auf einem offenen Güterwagen, den eine Rangierlok sogar eine kleine Strecke zur Freude kleiner Gäste ziehen und verschieben kann. Mit zwei Ferienwohnungen und den Schlafabteilen der 1. und 2. Klasse hat das Wolkensteiner Zughotel mehr als 60 Betten zu bieten.

In einem Personenwagen mit Baujahr 1863 will Reuter bis zum Herbst eine Sauna einrichten. Und ein kleines Eisenbahnmuseum plant er auch. „Weitere Wagen kann ich aber nicht gebrauchen, es gibt einfach keinen Platz mehr”, sagt der Gastwirt.
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