Strasburg - Auf Safari in „Meck-Pomm”: Ein Streifzug durchs Wildtierland

Auf Safari in „Meck-Pomm”: Ein Streifzug durchs Wildtierland

Von: Florian Oertel, dpa
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Besucher im Wildtierland hören ihn schon von Weitem - mit etwas Glück sind die röhrenden Hirsche im Herbst aber auch zu sehen. Foto: dpa

Strasburg. Sehen kann man sie nicht, hören dafür umso besser. Immer wieder hallen langgezogene Rufe über das wellige Land, während die Sonne am Horizont versinkt. Wüsste man nicht, wer diese eigenartigen Laute von sich gibt, man könnte es glatt mit der Angst zu tun bekommen.

Irgendwo da drüben im Wald müssen sie doch sein - und dann tritt tatsächlich einer der Hirsche aus der Deckung heraus. Geduld wird hier im Wildtierland Gut Klepelshagen in den allermeisten Fällen belohnt.

Dieses wilde Land liegt nicht etwa im Süden Afrikas, sondern im äußersten Nordosten Deutschlands - im vorpommerschen Teil der Uckermark nahe der Kleinstadt Strasburg, um genau zu sein. Deshalb sind die Tiere, die es dort zu sehen gibt, auch keine exotischen Raubtiere, sondern heimische Arten. Neben Hirschen tummeln sich hier zum Beispiel Rehe, Wildschweine, Bussarde, Waldkäuze, Schwarzspechte oder auch nur vermeintlich zu vernachlässigende Vertreter wie der Moorfrosch.

Das eigentlich Spannende an dem teils bewaldeten Areal: Es handelt sich dabei nicht um einen Wildpark. Das bedeutet, dass außer den Kühen des angegliederten Öko-Bauernhofs keine Tiere hinter Zäunen gehalten werden. Die Macher des Naturerlebnisprojekts - die Deutsche Wildtierstiftung aus Hamburg -, versuchen vielmehr, der heimischen Fauna auf einer Fläche von rund 100 Hektar ideale Bedingungen zu bieten - Bedingungen, die sie hierzulande längst nicht mehr überall vorfinden. Und Besucher können die Hirsche, Rehe oder auch Vögel von mehreren „Erlebniskanzeln” oder von beschilderten Wegen aus in ihrer natürlichen Umgebung beobachten.

Diese ist im Fall des Moorfrosches zum Beispiel der Erlen-Sumpf. Über weichen Waldboden geht es in Richtung der gruselig anmutenden Landschaft, in der Baumstümpfe aus brackig-grünem Wasser ragen - als plötzlich einer der erdbraunen Frösche den Besuchern vor die Füße hüpft. Unmittelbar neben dem Amphibien-Tier hebt Alexander Baron von Schilling eine Feder vom Erdboden auf und betrachtet sie kurz. „Der Vogel ist von einem Fuchs gerissen worden”, sagt der Biologe, der regelmäßig Besucher über das Areal führt.

Nur erahnen lassen sich zu dieser Tageszeit - es ist Nachmittag - die Wildschweine. Sie haben die zweibeinigen Gäste schon von weitem gewittert und verbergen sich irgendwo im Unterholz. Aber daran, dass sie erst vor kurzem hier unterwegs waren, besteht kein Zweifel: Von Schilling deutet auf frische Spuren im Matsch. Außerdem sind die Grasnarben der Wanderwege zerwühlt - „gebrochen”, wie die Experten es ausdrücken. „Mittlerweile gibt es zu viele Wildschweine hier - die Winter sind zu warm geworden, so dass inzwischen fast alle Jungtiere sie überleben.”

Die Stars im Wildtierland tragen Geweihe: Von August bis in den Oktober hinein gehen die stolzen Vierbeiner im „Tal der Hirsche” auf Brautschau. Um sie zu beobachten, nehmen die Besucher rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit in einer der überdachten Kanzeln Platz und richten ihre Ferngläser auf den von dichtem Wald gesäumten Brunftplatz. Irgendwo müssen die liebestollen Hirsche doch sein - ihr Geröhre ist schließlich nicht zu überhören. Trotzdem tut sich lange Zeit rein gar nichts.

Sozusagen als Vorhut kommen nach und nach immer mehr Rehe auf den Brunftplatz gestakst: eine Hand voll Böcke, rotbraune Ricken - so nennt man die Muttertiere - und ihre Jungen. Übermütig tollt eines der Jungen über die Ebene, immer wieder vor und zurück. Zwei Bussarde ziehen ihre Kreise, während es immer dunkler wird. Den wartenden Besuchern in der Kanzel kriecht die abendliche Kälte in die Fleecejacken, die von Schilling zuvor ausgeteilt hat.

Und dann, kurz bevor das letzte Sonnenlicht verschwunden ist, hat er endlich seinen großen Auftritt: ein „gerader 18er”, wie der Biologe flüsternd feststellt - ein Hirsch mit je neun Enden zu beiden Seiten seines Geweihs. Scheinbar mühelos und in jedem Fall auch aus der Distanz respekteinflößend stolziert er über das Stoppelfeld, den Kopf hoch erhoben.

Und doch verrät sein recht magerer Körper, welche Anstrengungen er im Lauf der Brunftzeit bereits auf sich genommen hat: Immer darauf aus, beim Kahlwild - den weiblichen Hirschen - Eindruck zu schinden, denken die Vierbeiner nicht mehr ans Fressen und leisten sich dafür umso ausgiebiger kräftezehrende Kämpfe mit Rivalen.

Für die Brunftlaute, die der vor sich hin trottende „König des Waldes” unablässig ausstößt, reicht die Energie trotzdem noch. Ein Rivale will es an diesem Abend nicht mit dem geraden 18er aufnehmen, leider glänzt auch das Kahlwild mit Abwesenheit. Und die Rehe nehmen ebenfalls keine Notiz von dem kapitalen Vierbeiner. „Dann eben nicht”, scheint der sich zu denken - und verschwindet wieder zwischen den Buchen.
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