Kempten - Arbeiten für den Urlaub der anderen: Karriere im Tourismus

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Arbeiten für den Urlaub der anderen: Karriere im Tourismus

Von: Andreas Heimann, dpa
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Urlaub
Arbeiten in der Reisebranche klingt gut. Schließlich hat es mit Urlaub zu tun, wenn auch mit dem Urlaub der anderen. Nachwuchs ist dort gesucht. Berufseinsteiger werden allerdings nicht üppig bezahlt. Dafür sind sie auch in anderen Branchen gefragt. Foto: dpa

Kempten. Arbeiten in der Tourismusbranche ist für viele Jugendliche attraktiv. Mit Reisen verbinden die meisten etwas Positives: blaues Meer und endlose Strände, hippe Bars und schicke Pools.

Aber auch die Fakten sprechen für sich: „Der Tourismus hat sich weltweit in den vergangenen zehn Jahren enorm entwickelt”, sagt Prof. Armin Brysch, Tourismusexperte von der Hochschule Kempten. „Allein die deutschen Reisebüros haben im vergangenen Jahr 22,4 Milliarden Euro umgesetzt.”

Andererseits hat der Arbeitsalltag mit den bunten Bildern aus den Reisekatalogen nur indirekt zu tun und spielt sich weitgehend im Büro ab. Den tollen Urlaub machen die anderen, egal ob man im Reisebüro arbeitet oder zum Beispiel bei einem Veranstalter. Hinzu kommt, dass Berufseinsteiger nicht gerade üppig bezahlt werden. Dafür ist man mit einer Ausbildung aber flexibel, nicht auf einen Beruf festgelegt und kommt auch in ganz anderen Branchen unter.

In den vergangenen Jahren hat sich viel getan: Seit 2011 gibt es den neuen Ausbildungsberuf Tourismuskaufmann. Er löst den Reiseverkehrskaufmann ab, die Ausbildung, die das Gros der Mitarbeiter in den Reisebüros bisher absolviert hat - beziehungsweise der Mitarbeiterinnen. Denn die Branche ist mehrheitlich weiblich. Außerdem bieten zahlreiche Hochschulen inzwischen Studiengänge für die Reisebranche an. „Im mittleren Management hat sich die Akademisierung schon durchgesetzt”, erklärt Prof. Brysch, der Vorsitzender des Ausschusses Berufsbildung beim Deutschen Reiseverband (DRV) ist. Ob Auszubildende es angesichts der steigenden Zahl der Studenten in diesem Bereich künftig schwerer haben werden, sei noch nicht abzuschätzen, sagt Brysch.

Franziska Schlegelmilch ist auch ohne Studium ganz schön weit gekommen. In die Branche reingeschnuppert hat sie schon als Teenagerin. Damals hat sie als Reiseleiterin gejobbt, in Paris genauso wie in London. Nach dem Abi hat sie sich für eine Ausbildung als Reiseverkehrskauffrau entschieden, in einem Omnibusbetrieb. Schon damals hat die gebürtige Thüringerin hin und wieder Gruppen bei Schiffsreisen auf der Donau begleitet und gedacht „Mensch, das wäre auch was für mich”. Und weil sie in solchen Dingen Nägel mit Köpfen zu machen pflegt, hat sie sich direkt bei der Reederei beworben und tatsächlich eine Stelle bekommen.

Heute kennt Franziska Schlegelmilch den Fluss wie ihre Westentasche. Ihrer Heimatstadt Suhl hat sie längst den Rücken gekehrt. Nun arbeitet sie die meiste Zeit an Bord der „Arosa Donna”: Sie ist seit vergangenem Jahr Hotelmanagerin auf dem Flusskreuzfahrtschiff. „Ich hätte nie damit gerechnet, diese Stelle ohne Studium zu bekommen”, erzählt sie. „Zum Hotelmanager ist es schon ein weiter Weg.” Und ihre jetzige Arbeit unterscheide sich auch deutlich von der ihres Ausbildungsberufs.

„Da ist viel Learning by doing”, sagt Schlegelmilch. „Entscheidend ist, dass man sich selbst weiterentwickeln will.” Die Ausbildung zu machen, sei jedenfalls genau richtig gewesen - auch weil es ihr nun leichter falle, sich in die Mitarbeiter hineinzuversetzen, für die sie verantwortlich ist, als jemandem, der direkt von der Hochschule komme.

Auch in der Tourismusbranche zeigen sich mittlerweile die Folgen des demografischen Wandels: Die Zahl der Schulabgänger und damit der Berufseinsteiger sinkt. „Der Tourismus ist davon nicht überproportional betroffen”, sagt Prof. Brysch. „Aber der Kampf um die guten Köpfe wird härter.” Das mache viele Arbeitsplätze sicher. Auch die in Reisebüros, meint der Wissenschaftler: „Wir hatten schon eine große Strukturveränderung in den vergangenen Jahren. Die Zahl der Vollzeitreisebüros ist auf etwas mehr als 10 000 zurückgegangen.” Selbst wenn der Anteil der Online-Buchungen weiter steigt, sei die Mehrzahl davon nicht bedroht. „Noch werden fast 90 Prozent aller Pauschalreisen im Reisebüro gebucht.”

Die Arbeit in der Branche hat sicher auch Schattenseiten: In kleinen Reisebüros sind die Aufstiegschancen beschränkt. „Es gibt dort oft nur die Expedienten und den Leiter des Büros”, ergänzt Ute Kittel von der Fachgruppe Touristik in der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Manche Reisebüros haben außerdem Arbeitszeiten, die nicht jeder gut findet: „An den Flughäfen zum Beispiel an sieben Tagen die Woche.” Und in großen Einkaufszentren seien auch die Reisebüros oft bis 22.00 Uhr besetzt, inklusive samstags.

Hinzu kommt die Bezahlung: „Kaufmännische Ausbildungsberufe lassen zu Beginn keine Spitzengehälter erwarten”, sagt Prof. Brysch. „Das Niveau ist etwa so wie in anderen Dienstleistungsberufen auch.” Außerdem gebe es keinen branchenweiten Tarifvertrag, sagt Ute Kittel. „Azubis bekommen in Westdeutschland zwischen 567 im ersten und 827 im dritten Jahr.” Das Einstiegsgehalt liegt bei 1785 Euro brutto. „Die meisten Beschäftigten kommen nicht über 2500. Das wird schon schwierig, damit eine Familie zu ernähren.”

Was die Perspektiven angeht, ist aber auch Ute Kittel optimistisch: „Die Chancen, nach einer Ausbildung als Tourismuskaufmann übernommen zu werden, schätze ich schon als gut ein.” Und es sei auf jeden Fall eine spannende, attraktive Branche. Hinzu kommt, dass Touristiker auch anderswo gerne genommen würden, ergänzt Prof. Brysch: „Sie haben gefragte Social Skills, Erfahrung im Planen und Durchführen von Reisen und Events, in der Kalkulation von Reisen und Produkten.” Das sei für viele Branchen interessant.
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