Istanbul - Alte Bäder, neue Sitten in Istanbuls Hamams

Alte Bäder, neue Sitten in Istanbuls Hamams

Von: Susanne Hefekäuser, dpa
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Istanbul. Durch die verdampfte Luft schwirrt angeregtes Geschnatter, Neuigkeiten werden ausgetauscht. Frauen sitzen neben Wasserbecken und schütten Schöpfkellen mit warmem Wasser über sich und ihre Kinder, bevor sie sich auf den beheizten Stein in der Mitte des Bades legen.

Dort lassen sie sich von Helferinnen mit einem rauen Schwamm den Schmutz vom Körper reiben. Währenddessen gehen sie auf Brautschau für ihre Söhne im heiratsfähigen Alter, begutachten die nackten Körper der jüngeren Mädchen. Macht sie ihren Waschplatz auch ordentlich hinter sich sauber? Nach dem Abrubbeln kommt das Einschäumen und eine harte Massage. So oder so ähnlich hätte in den 20er Jahren ein Hamam-Tag in Istanbul ausgesehen.

Heute präsentiert sich ein anderes Bild: Das erste, was auffällt, wenn man den Cemberlitas-Hamam in der Istanbuler Altstadt betritt, sind die verglasten Regale, in denen bunte Spa-Artikel sorgsam angeordnet zum Kauf bereitstehen. In der Wärmekammer, die auch bei hochsommerlichen Außentemperaturen kräftig beheizt ist und gern genutzt wird, liegen meist hellhäutige Frauen auf dem blitzblanken Stein.

Die Nachmittagssonne scheint grell durch die Löcher in der Kuppel und lässt den weißen Marmor des Innenraums erstrahlen. Angestellte im Bikini schäumen die liegenden Frauen leise und sanft ein, kaum ein Flüstern durchdringt die Stille. Von einem Ort der Kommunikation und des Austauschs hat dies nicht mehr viel.

„Die Zeit der alten Hamams ist vorbei”, so sieht das auch Rusen Baltaci, der Geschäftsführer des Cemberlitas-Hamams. Früher sei der Hamam-Tag vor allem für Frauen der einzige Tag gewesen, an dem sie unter sich sein konnten. „Jetzt gehen sie in Bars, ins Kino, oder Einkaufen.” Auch habe heutzutage fast jeder ein eigenes Badezimmer zu Hause, man brauche die Hamams nicht mehr. „Typisch türkisch” sind sie deshalb heute nur noch für Touristen.

„Ich war noch nie in einem Hamam”, sagt ein junger Türke. Er würde gern einmal in eines der öffentlichen Bäder gehen, ist sich jedoch unsicher, was man dort überhaupt macht. „Wir sind einfach nicht damit aufgewachsen”, sagt er. Viele Türken hätten aber auch Vorurteile, erklärt Kirk Henderson, der sich in einem Forschungsprojekt mit der sozialen Rolle von Hamams auseinandersetzt. „Sie denken, dass Hamams entweder nur touristisch oder schmutzig und arm sind.”

Das zieht auch wirtschaftliche Probleme für die Hamams nach sich. Viele der alten Bauten wurden schon in Cafés oder Läden umgewandelt. Nur noch etwa 50 der 100 osmanischen Hamams in Istanbul werden heute noch als Bäder betrieben. Einige davon befinden sich in einem sehr schlechten Zustand, denn für Renovierungen gibt es keine finanziellen Hilfen von der Stadt. Ein paar Hamams haben Nischen gefunden, in denen sie weiter existieren können. In einem Fall dient das Bad als Treffpunkt für homosexuelle Männer. Die meisten Hamams in der Istanbuler Altstadt machen jedoch hauptsächlich mit Touristen ihr Geld.

„Sie haben sich so sehr auf Touristen konzentriert, dass sie viel von ihrer Tradition verloren haben”, kritisiert Henderson an Bädern wie dem Cemberlitas-Hamam. Doch Baltaci sieht auch im Tourismus nur einen zeitlich befristeten Segen. „Die Tourismus-Agenturen machen momentan viel Werbung für Hamam-Besuche, doch das wird auch vorbeigehen”, sagt der Hamam-Betreiber. Er will dann sein Hamam als „Spa” ausbauen und zusätzlich zum traditionellen türkischen Bad auch Schlammbäder und Maniküre anbieten.
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