3000 Meilen über das Meer: Den Atlantik per Schiff überqueren

Von: dpa
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3000 Meilen über das Meer - Reisen auf den Spuren der „Titanic”
Die 345 Meter lange „Queen Mary 2” ist speziell für Crossings gebaut - mit 10,80 Metern hat sie einen größeren Tiefgang als andere Kreuzfahrtschiffe und keinen großen Vorbau. Foto: dpa

Southampton/New York. Als die „RMS Titanic” kurz vor Mitternacht des 14. April 1912 nach einer Kollision mit einem Eisberg 300 Seemeilen südöstlich von Neufundlands sank, stand die Welt unter Schock.

Rund 1500 Menschen verloren in dieser Nacht ihr Leben auf der Jungfernfahrt des Flaggschiffs der legendären Reederei White Star Line. Nur 700 Passagiere wurden gerettet. Damals war die „Titanic” das größte Schiff der Welt und ihr Untergang eine der größten Katastrophen in der Seefahrtsgeschichte, die mit der Havarie der „Costa Concordia” vor Italien jüngst ein weiteres dunkles Kapitel erhalten hat. Die legendäre Route der „Titanic” von Southampton nach New York ist rund 100 Jahre nach ihrem Untergang aber immer noch ein Sehnsuchtsziel. Nur nicht mehr von Auswanderern und Geschäftsreisenden wie einst, sondern von Kreuzfahrtreisenden.

Der Transatlantikliner schlechthin war jahrzehntelang die „RMS Queen Elizabeth 2” der britischen Traditionsreederei Cunard Line. RMS bedeutet Royal Mail Ship - Schiffe, die Post der britischen Royal Mail befördern, tragen dieses Kürzel seit 1840 im Namen. Mehr als 2,5 Millionen Passagiere fuhren in den 41 Jahren nach ihrem Stapellauf 1967 auf der „QE2”, auf 805 Atlantiküberquerungen und 26 Weltreisen.

Und die „Queen Elizabeth 2” hält den Weltrekord für gefahrene Seemeilen für Passagierschiffe: über 5,6 Millionen. Erst 2004 wurde sie als Flaggschiff Cunards von der „RMS Queen Mary 2” abgelöst, damals das größte Schiff der Welt. Zwar gibt es inzwischen eine neue „Queen Elizabeth”, aber sie fährt nur selten die Transatlantikroute, sondern macht wie der dritte Cunardliner „Queen Victoria” überwiegend Weltreisen.

Für eine Transatlantikfahrt gibt es drei Routen: eine südliche, eine nördliche und eine mittlere. Im Sommer wählt der Kapitän zumeist die nördliche, weil sie die kürzeste ist, und zu dieser Jahreszeit ohne Eisberge. Die „Titanic” wählte diese Route ebenfalls, befuhr sie also eigentlich zu früh im Jahr - um das begehrte Blaue Band für das schnellste Passagierschiff auf der Route von Europa nach New York zu bekommen.

Die nördliche Route führt von Southampton durch den Ärmelkanal, südlich an Irland vorbei, über den Atlantik, die Südspitze Grönlands passierend, und dann entlang Neufundlands, Kanadas und der US-Ostküste nach New York. Die anderen Routen sind ähnlich, liegen nur jeweils ein paar hundert Seemeilen weiter südlich.

Der maritime Startpunkt für eine Transatlantiküberquerung gen Osten liegt südlich von Irland: Fastnet Rock, ein Felsen mit dem höchsten Leuchtturms Irlands. Erst etwa hier verlässt ein Schiff, das auf der klassischen Crossingroute vom britischem Southampton nach New York unterwegs ist, den europäischen Festlandsockel. Rund 3000 Seemeilen lang ist die Passage insgesamt, sieben Tage und Nächte dauert sie. Fast jeden Tag wird die Uhr eine Stunde zurückgestellt, eine schonende Art der Zeitumstellung. Später beim Flug nach Hause fühlt man sich daher fast ein wenig zurückkatapultiert.

Vor der Ankunft in New York liegen sieben Tage auf dem Wasser, ohne Hafenstopp, ja sogar ohne Land in Sicht. „Das ist doch langweilig” ist daher eines der verbreitetsten Vorurteile einer solchen Seereise. Tatsächlich aber bietet kein Hotel der Welt die Abwechslung eines Linienschiffes. Der Passagier kann Walzer lernen oder Bridge, sich in Aquarellmalerei üben oder im Stricken. Und wem das zu altmodisch klingt: Es gibt auch Kurse wie „iPhone und iPad für Anfänger” - oder für James Bond-Fans „Das Geheimnis des richtig gemixten Martinis”. Beliebt sind auch die Vorträge zu Geschichte, Astronomie und Schifffahrt, an Bord sind immer mehrere Lektoren.

Die meisten Passagiere aber lassen sich tagsüber treiben. Sie lesen in der Bibliothek eines der 8000 Bücher an Bord, stöbern in den gut ein Dutzend Geschäften, trinken einen Cappuccino in den Cafés und Lounges - oder auch schon mal ein Bier oder einen Martini im Commodore Club oder ein Glas Champagner mit Blick auf das Meer. Manche spielen Darts oder singen Karaoke im rustikalen „Golden Lion Club”. Das Casino ist auch immer recht gut besucht - aber eher von Amerikanern.

Die teils recht raue See stört dabei nie. Die „Queen Mary 2” ist speziell für Crossings gebaut. Sie hat mit 10,80 Metern einen größeren Tiefgang als andere Kreuzfahrtschiffe und keinen großen Vorbau. Das führt dazu, dass sie trotz ihrer gut 345 Metern Länge - und damit als derzeit drittlängstes Schiff der Welt - ruhig auf dem Wasser liegt.

Abends wird es auf dem Luxusliner festlich. Die meisten Kreuzfahrtschiffe haben in den vergangenen Jahren die einst strenge Kleiderordnung aufgeweicht - auf der „Queen Mary 2” aber stylt man sich noch gerne. An vier von sieben Abenden ist „Formal” angesagt, was Smoking oder dunkler Anzug für den Herrn und Abendkleid für die Dame bedeutet. Und so rauschen an solchen Abenden an Bord Taft und Seide, und es glitzert der Schmuck - kleine Anleihen an die große Zeit der Oceanliner. Und wenige der bis zu gut 3000 Passagiere an Bord lassen die Gelegenheit aus, sich fein zu machen.

Wer weniger aufwendig reisen möchten, kann das auch. Im großen Buffet-Restaurant „Kings Court” gibt es rund um die Uhr zu essen und zu trinken, ohne dass sich dort jemand an einen strengen Dresscode halten müsste. Auch die zwei Klassen an Bord haben nicht mehr die Bedeutung wie einst auf der „Queen Elizabeth 2”. Sowohl die Britannia-Passagiere - die günstigere Kabinen gebucht haben - als auch die Gäste von Princess- und Queensgrill haben den gleichen Zugang zu den Angeboten an Bord. Nur wenige Aufenthaltsräume sind ausschließlich Passagieren der höheren Kategorien zugänglich. Eine dritte Klasse wie einst auf der „Titanic” gibt es nicht mehr.

Ein Vorurteil allerdings stimmt: An Bord gibt es ständig etwas zu essen. Aber irgendwie hat man auch dauernd Hunger, das muss an der Seeluft liegen. So futtert man sich morgens durch das Full English Breakfast mit Eiern, Schinken, gebackenen Bohnen und Würstchen, nimmt ein Mittagsmenü à la carte zu sich und setzt sich abends mit leicht schlechtem Gewissen, aber knurrendem Magen zum festlichen Dinner bei Kerzenschein. Mitunter hat man es immerhin geschafft, das Kuchenbuffet zu ignorieren.

Am Morgen ist daher oft „Sport” der erste Gedanke - und so drängen sich geradezu Menschenmengen im Fitnessclub, um auf Laufbändern und an Rudergeräten wenigstens ein paar Kalorien wieder loszuwerden. Viele verschaffen sich auch auf dem Rundkurs auf Deck sieben frische Luft und Bewegung, schwimmen in einem der vier Pools oder gehen an den Golfsimulator. Die faule Variante dieser Aktivitäten sind Massagen im - ziemlich teuren - Cunard Royal Spa Club.

Nicht zuletzt sind aber auch die Mitreisenden interessant. Immerhin sind auf jeder Fahrt 30 bis 50 verschiedene Nationen an Bord. Der überwiegende Teil der Passagiere sind Amerikaner, gefolgt von Briten, Deutschen und Australiern. Rund 12 000 Deutsche reisten 2010 auf der „Queen Mary 2”. Aber auch das nigerianische Königshaus war schon an Bord. Und auf fast jeder Reise gehören Amish People zu den Passagieren, gut zu erkennen an ihrer schlichten, handgewirkten Tracht. Die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft lehnen technischen Fortschritt ab und nutzen daher statt des moderneren Flugzeugs eher ein Schiff für eine Reise in die alte Welt.

Zur romantischen Verklärung der Transatlantikpassage trugen auch der schmachtende Leonardo di Caprio und Kate Winslet in dem Film „Titanic” aus dem Jahr 1997 bei. Die legendäre Liebesszene am Bug mit ausgebreiteten Armen im tosenden Wind ist Filmgeschichte - und wurde für ein Urlaubsbild an Bord schon zigmal nachgestellt.

Mit all diesen Aktivitäten verfliegt die Zeit - und schon taucht die Freiheitsstatue an Backbord auf. Anleger und Startpunkt für die Rückreise ist seit dem Jahr 2006 der Brooklyn Cruise Terminal, da das Schiff über dem alten Anleger in Manhattan am Pier 94, ehemals Pier 90, hinausragte und den Schiffsverkehr im Hudson River behinderte.

Den Anleger der White Star Line in West Manhattan, an dem 1912 die „Titanic” hätte anlegen sollen, gibt es auch noch. Dort entlud am 18. April 1912 der Cunard-Liner „Carpathia” die Rettungsboote der „Titanic”, die Überlebenden gingen am Pier von Cunard an Land. Die weißen Holzgebäude, derzeit in Renovierung, werden auf jeder Hafenrundfahrt gezeigt. Sie erinnern und sollen es weiterhin - an die große Zeit der Crossings, und an eine der größten Katastrophen der Seefahrt.

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