Berlin - Wie ein zerfetzter Gummiball: Frau leidet Jahre an Billig-Implantat

Wie ein zerfetzter Gummiball: Frau leidet Jahre an Billig-Implantat

Von: Andrea Barthélémy, dpa
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Silikon Billig-Implantat Elke M. Gummiball
Das Foto vom 14.03.2012 zeigt das aufgeplatzte Implantat der Patientin Elke M.. Mindestens 5000 Frauen in Deutschland haben ein Billig-Implantat in der Brust - oft ohne es zu wissen. Mit der Herausnahme ihres schadhaften Silikonkissens endete für eine Berlinerin jetzt eine fast zehnjährige Odyssee. Foto: dpa

Berlin. Als Elke M. vor wenigen Wochen die Bandage von ihrer frisch rekonstruierten Brust abnimmt, muss sie weinen. „Das waren Freudentränen”, sagt die 45-jährige Berlinerin. „Endlich hatte ich eine Brust ohne Dellen und ohne diese Schmerzen.”

Ein langer Leidensweg ging für Elke M. zu Ende, die 2001 im Alter von 35 Jahren die Diagnose Brustkrebs und kurz darauf ein Brustimplantat erhielt, das sich schon bald danach in seine Bestandteile auflöste - wie sie heute weiß. „Aber jahrelang hat mir meine Beschwerden keiner richtig geglaubt”, sagt sie.

Den Arzt, der ihr das Implantat nun herausnahm und es durch ein Qualitätsprodukt ersetzte, nennt sie lächelnd ihren „Retter”. Das wird verständlich, als Prof. Andree Faridi, Chefarzt am Vivantes Brustzentrum am Berliner Urban-Klinikum, ein Foto über den Tisch schiebt: Was er aus der Brust der Patientin explantierte, erinnert an einen explodierten Riesen-Flummi, dessen Silikon-Fetzen sich im Brustgewebe verkapselt hatten. „Ein so aufgelöstes Implantat habe ich noch nicht gesehen”, sagt Faridi, der seit 25 Jahren operiert.

Seit Januar raten auch in Deutschland Ärzte und Behörden, minderwertige Implantate aus Industriesilikon der Marken PIP, Rofil und TiBreeze vorsorglich entfernen zu lassen - auch wenn nach wie vor kein Zusammenhang zwischen PIP-Implantaten und erhöhter Krebsgefahr nachgewiesen werden kann, wie die medizinischen Fachgesellschaften betonen.

Unbestritten ist jedoch, dass die fraglichen Produkte im Vergleich zu Qualitätsimplantaten leichter reißen, mehr Silikon freisetzen und auch deutlich mehr Reizungen verursachen. Mit Blick auf Elke M. sagt Faridi: „Heute können wir sagen, dass die Beschwerden allergische Reaktionen waren”.

Schon anderthalb Jahre nach dem Einsetzen traten bei der jungen Frau erste Probleme auf: „Ich hatte immer wieder Schmerzen, in der Brust, an den Gliedern, in den Knochen, auch Fieberschübe, außerdem Lymphödeme”. Elke M. suchte Hilfe bei niedergelassenen Ärzten, im behandelnden Krankenhaus - ohne Erfolg.

„Ich hatte ja eine Chemotherapie, musste noch fünf Jahre lang Medikamente gegen den Krebs nehmen und wurde außerdem hormonell in die Wechseljahre versetzt - da wurden die Beschwerden immer darauf geschoben”, erzählt sie. Im Gespräch sucht sie immer wieder die Hand ihres Lebensgefährten. Bis heute ist sie in psychoonkologischer Behandlung. „Irgendwann hab ich selbst fast geglaubt, dass ich mir alles nur einbilde.”

2011 jedoch wurden die Schmerzen in der Brust fast unerträglich. Als im Herbst dann der PIP-Skandal hochkochte, schwante Elke M. Böses. Weil sie nie einen Implantat-Pass bekommen hatte, fragte sie in der Berliner Klinik nach, in der man sie operiert hatte. „Doch dort war der OP-Bericht verschwunden.” Verzweifelt suchte sie anderweitig Hilfe - und wurde am Urban-Krankenhaus fündig.

Faridi warnt aber davor, Implantate generell zu verteufeln - kriminelle Ausnahmen wie im Fall einer Chinesin, der er jüngst Bauschaum aus dem vergrößerten Busen operieren musste, ausgenommen. „Silikonimplantate sind heute so gut, dass sie ein Leben lang halten können.”

In etwa einem Viertel aller Fälle komme es jedoch irgendwann zur sogenannten Kapsel-Fibrose, bei der das Silikonkissen von einer festen Hülle umwachsen wird. „Etwa fünf bis zehn Prozent aller Frauen mit Implantaten haben dann so starke Beschwerden, dass sie das Implantat austauschen lassen.”

Charité-Brustkrebsexpertin Christiane Richter-Ehrenstein schätzt diese Quote deutlich höher ein und empfiehlt, auch über eine Rekonstruktion mit Eigengewebe als alternatives Verfahren aufzuklären. Dieser Eingriff ist allerdings deutlich aufwendiger.


In Sachen vorsorglichem Implantatwechsel raten beide Mediziner dazu, das Risiko individuell abzuwägen - denn im Einzelfall könne eine erneute Operation die größere Gesundheitsgefahr für die Patientin darstellen.

Auch Elke M. kann eine weitere Operation blühen, das weiß sie. Aber die Voraussetzungen dafür, dass die nächsten zehn Jahre besser laufen als die vergangenen, sind gut.


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