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Wenn der Körper eine Auszeit verordnet: Migräne als Schutzmechanismus

Von: Mascha Schacht, ddp
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Migräne
Schwindel, Übelkeit und Zahnschmerzen können Symptome einer Migräne sein. Auch Schmerzen im Nacken, in den Augen und im Gesicht sind mögliche Anzeichen. Foto: dpa

Freiburg/Hamburg. Im Alter von 25 bis 45 Jahren sind die meisten Menschen am leistungsfähigsten: Sie legen sich beruflich besonders ins Zeug, gehen diversen Freizeitaktivitäten nach und gründen eine Familie.

Und eben in diesen Jahren schlägt die Migräne am häufigsten zu.

Der pochende Kopfschmerz, der oft nur halbseitig auftritt und bis zu drei Tage anhalten kann, trifft besonders die Ehrgeizigen, die Ungeduldigen, diejenigen, die anderen und sich selbst einiges abverlangen. „Das ist kein Zufall”, ist Professor Holger Kaube überzeugt. Der Leiter des Interdisziplinären Schmerzzentrums der Uniklinik Freiburg sieht in der Migräne ein Frühwarnsystem des Körpers, mit dem sich dieser vor Überlastung schützt, und betont: „Therapien dürfen daher nicht nur die Schmerzen bekämpfen, sondern müssen auch die Ursachen berücksichtigen.”

15 Prozent der deutschen Bevölkerung sind von Migräne betroffen, darunter dreimal so viele Frauen wie Männer und häufig nahe Verwandte, denn Migräne ist vererbbar. Typisch für Migräne ist ihre regelmäßige Wiederkehr: Die meisten Patienten ereilt der Kopfschmerz ein- bis dreimal pro Monat, in seltenen Fällen sind die Betroffenen jedoch bis zu 15 Tage pro Monat oder noch häufiger außer Gefecht gesetzt. Der Schmerz ist dabei nicht das einzige Symptom: „Viele Patienten haben zusätzlich mit Übelkeit und Erbrechen zu kämpfen und klagen über Licht-, Geräusch- oder Geruchsempfindlichkeit sowie über Konzentrationsstörungen und eine allgemeine Mattigkeit”, berichtet Kaube.

Bei etwa 15 Prozent kündigen sich die Attacken durch eine sogenannte Aura an: Die Betroffenen haben für 30 bis 60 Minuten Lichtblitze oder ein Flimmern vor den Augen, verfügen über ein eingeschränktes Gesichtsfeld oder nehmen Objekte größenverzerrt wahr. Einige Stunden bis Tage vor dem Migräneanfall treten bei vielen Patienten Heißhungerattacken auf, oft sogar auf spezielle Speisen. „Das führt dazu, dass viele Menschen denken, der Genuss eines bestimmten Lebensmittels löse die Migräne aus. Das ist aber nur in seltenen Fällen tatsächlich der Fall”, weiß der Schmerzspezialist. Der Heißhunger ist vielmehr ein Symptom: „Die häufigsten Trigger, also Hauptauslöser der Migräne, sind Wechsel in der Stressbelastung und ein gestörter Biorhythmus. Zu letzterem zählen vor allem zu viel oder zu wenig Schlaf, aber eben auch unregelmäßige Mahlzeiten.” Und dies führe zu den bekannten Heißhungerattacken.

Mit den Heißhungerattacken und der Müdigkeit, die Migränepatienten überkommen kann, holt sich der Körper also nur das, was ihm verwehrt geblieben ist. Vor diesem Hintergrund ergeben auch die Schmerzen Sinn: Der Körper erzwingt geradezu mit Gewalt eine Auszeit, um sich regenerieren zu können. „Leider nehmen viele Menschen diese Warnung nicht ernst genug”, bedauert Holger Kaube: „Sie schlucken Schmerzmittel und schleppen sich zurück an ihren Arbeitsplatz.” Die Angst vor Job- oder Prestigeverlust sitzt tief, zumal Migräne viele Jahre lang nicht als Krankheit anerkannt wurde und auch heute nicht selten als faule Ausrede für einen freien Tag angesehen wird.

„Dabei nutzt das Verhalten der Betroffenen auch dem Arbeitgeber wenig: Mögen die Schmerzen auch weg sein, die Konzentrationsstörungen bleiben und die Leistungsfähigkeit ist gering”, bestätigt Arne May, Präsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. Dadurch kann ein wahrer Teufelskreis entstehen, denn wer merkt, dass die Leistung nicht stimmt, setzt sich noch mehr unter Druck. Die Migräneanfälle können dadurch in immer kürzeren Abständen wiederkommen.

„Das ist auch deshalb gefährlich, weil der häufige Gebrauch von Schmerzmitteln ebenfalls Kopfschmerzen auslösen kann, die dann umso schwerer in den Griff zu bekommen sind”, warnt der Leiter der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Hat ein Arzt nach einer gründlichen Patientenbefragung Migräne attestiert, werden darum häufig zwei Medikamentengruppen kombiniert: „Gängige Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure sowie spezielle Migränetherapeutika wie Triptane sollen den akuten Schmerz beseitigen, während etwa Betablocker Migräneattacken vorbeugen und die Häufigkeit der Anfälle senken sollen”, erklärt May.

Mit der medikamentösen Behandlung allein ist es jedoch nicht getan, sind sich Kaube und May einig: Bei vielen Patienten ist eine Verhaltenstherapie sinnvoll. „Man kann Migräne nicht heilen, darum müssen die Betroffenen lernen, mit ihr zu leben. Das bedeutet: Mal einen Gang zurückschalten, sich bei einem Anfall tatsächlich eine Auszeit nehmen und dem Körper die Erholung gönnen, die er braucht. Kinder mit Migräne machen das intuitiv richtig, die legen sich in einem dunklen Raum hin und schlafen ein paar Stunden”, weiß May. Deshalb sei bei ihnen eine medikamentöse Therapie meist gar nicht nötig.

Darüber hinaus lernen die Betroffenen, Stress vorzubeugen. Verschiedene Entspannungsmethoden können helfen. Besonders bewährt hat sich die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, bei der im Liegen einzelne Muskeln bewusst angespannt und wieder lockergelassen werden. „Langfristig sind auch andere Methoden wie Yoga oder Meditation sinnvoll”, erklärt Kaube und ergänzt: „Da man sich dabei jedoch sehr konzentrieren muss und eine Weile braucht, um diese Techniken zu lernen, könnten sie den Erwartungsdruck anfangs noch verstärken.”

Bei der Migränetherapie wurden in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Vor allem die Entwicklung der sogenannten Triptane bedeutet für viele Patienten, bei denen gängige Schmerzmittel wie Ibuprofen versagen, eine deutliche Erhöhung der Lebensqualität. „Triptane haben allerdings auch Nachteile: Sie wirken zwar sehr schnell und sehr sicher, aber der Kopfschmerz kann nach vier bis sechs Stunden wieder zurückkommen”, weiß Arne May, Leiter der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

„Dem kann man vorbeugen, indem man die Medikamente so früh wie möglich nimmt, am besten sofort, wenn sich die Migräne ankündigt, selbst wenn die Schmerzen noch gar nicht eingesetzt haben”, erläutert er. Umgekehrt bedeutet das, dass Patienten, die aus dem Schlaf aufwachen und bereits Kopfschmerzen haben, auch von Triptanen nur noch bedingt profitieren. Das zu berücksichtigen, ist auch deshalb wichtig, weil die Medikamente nicht zu häufig eingesetzt werden dürfen. „Sowohl bei den Triptanen als auch bei anderen Schmerzmitteln müssen zudem natürlich die Gegenanzeigen beachtet werden: Da Triptane die Blutgefäße verengen, dürfen sie beispielsweise nicht von Schlaganfall- oder Herzinfarktpatienten verwendet werden sowie von Patienten mit schlecht eingestelltem Bluthochdruck”, ergänzt May.

Der behandelnde Arzt kann zudem auf einige weitere Wirkstoffe und Medikamente zurückgreifen, die zwar ursprünglich für andere Krankheitsbilder gedacht waren, sich aber auch bei Migräne bewährt haben. Dazu zählen beispielsweise die zur Migränevorbeugung eingesetzten Betablocker, aber auch einige Antidepressiva und Antiepileptika.
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