Wenn alles schwankt und kreist

Von: Barbara Erbe, dapd
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Schwindel
Jeder vierte Mensch leidet statistisch gesehen mindestens einmal in seinem Leben längere Zeit unter Schwindel. Foto: dapd

München. Jeder vierte Mensch leidet statistisch gesehen mindestens einmal in seinem Leben längere Zeit unter Schwindel, berichtet Michael Strupp, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

„Schwindel ist zunächst einmal keine Krankheit sondern eine Sinnesempfindung”, betont der Neurologieprofessor, der auch die Schwindelambulanz am Münchner Uniklinikum leitet. „Er entsteht, wenn das Gleichgewichtsorgan im Innenohr andere Informationen zum Gehirn meldet als Augen, Haut- und Muskelfühler. Die räumliche Orientierung geht in der Folge verloren.”

Was im Karussell oder auf dem Schiff für viele normal ist, kann zum ernsthaften Problem werden, wenn es ohne offenkundigen Anlass auftritt oder ständig wieder kommt. Schwindel-Patienten hätten häufig eine wahre Ärzte-Odyssee hinter sich, bevor ihnen eine konkrete Diagnose gestellt werde, berichtet Strupp. So mache ein Internist womöglich den Bluthochdruck verantwortlich, der Augenarzt Sehstörungen, der Orthopäde die Halswirbelsäule und der Psychiater ungelöste Probleme in der Partnerschaft.

Kontrolliertes Manöver hilft bei Lagerungsschwindel

Er habe selbst einmal einen Patienten behandelt, der immer dann von Schwindel übermannt wurde, wenn er sich im Bett seiner Partnerin zuwandte, erzählt Strupp. Zunächst tippte sein Arzt auf psychische Ursachen. „Dann stellte sich aber heraus, dass er an einem gutartigen Lagerungsschwindel litt, der immer dann auftrat, wenn er im Liegen den Kopf drehte.” Diese Art von Schwindel entsteht durch eine Störung im Gleichgewichtsorgan, das im Innenohr sitzt. Winzige Steinchen lösen sich dabei aus ihrer vorbestimmten Position und kullern bei jeder Kopfbewegung in den Bogengängen des Innenohrs hin und her - mit der Folge von Schwindelattacken.

Im Fall dieses Patienten konnten die Steinchen durch bestimmte Kopfwendungen in liegender Position wieder in die richtige Stellung gebracht werden, so dass der Schwindel verschwand. „Dieses Befreiungsmanöver hilft bei 19 von 20 Patienten”, betont der Neurologe. Mit knapp 20 Prozent aller Diagnosen sei der gutartige Lagerungsschwindel im Übrigen die häufigste Ursache für Schwindelsymptome, die unbehandelt bei jedem dritten Patienten dauerhaft bestehen blieben.

Diagnostik ist das A und das O

Eine wirksame Behandlung - durch Gleichgewichtstraining oder Befreiungsmanöver wie beim gutartigen Lagerungsschwindel oder durch Medikamente - steht und fällt mit einer gründlichen Anamnese, betont Christoph Helmchen von der Schwindelambulanz des Uniklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck.

Grundsätzlich werde zwischen zwei Schwindelarten unterschieden: Schwankschwindel wie auf einem Boot oder Drehschwindel wie auf einem Karussell. Drehschwindel weist oftmals auf eine Störung des Gleichgewichtsorgans hin. „Darüber hinaus ist es für uns wichtig, zu wissen, wie lange das Schwindelgefühl anhält und wie häufig es auftritt. Das kann nur wenige Sekunden oder Minuten, aber auch Stunden dauern.” Auch die möglichen Auslöser werden ergründet: Kommt der Schwindel beim Gehen? Durch Kopfdrehungen nach rechts oder links? Durch Husten, Pressen oder laute Töne? Oder vielleicht durch eine bestimmte soziale Umgebung? Haben die Betroffenen Doppelbilder vor Augen oder leiden sie an begleitenden Sprechstörungen? All diese Informationen erlauben zumeist eine klare Zuordnung und richtige Therapie.

Schwindel nimmt im Alter zu

Auch das Alter spielt eine Rolle. Um sicher zu gehen, benötigt das Gehirn Informationen von Gleichgewichtsorganen, Haut- und Muskelfühlern und Augen. Sind diese altersbedingt nicht mehr so zuverlässig, gerät das Gleichgewicht buchstäblich ins Wanken. Auch erkranken bei älteren Menschen häufiger die Nerven der Gefühlsbahnen in den Beinen und an den Sinnesorganen, so dass das Gehirn weniger Informationen von den Sinnesfühlern bekommt und die Patienten sich dadurch schon unsicherer fühlen. „Fast die Hälfte aller Menschen über 75 leidet unter Schwindel”, berichtet Schwindelforscher Helmchen. Manchmal sei es nur der Blutdruck, der beim Aufstehen zu Schwankschwindel führe. Werde er besser eingestellt, sei das Problem behoben.

„Insgesamt können Dauer, Auslöser und Begleitsymptome auf völlig verschiedene Ursachen hindeuten, von Migräne über Durchblutungsstörungen oder Erkrankungen am Innenohr bis zu Schädigungen am Hirnstamm ”, erläutert Neurologe Strupp: „Um diese Dinge zu klären, braucht man aber oft gar keine großen Apparate sondern vor allem das ausführliche Gespräch.”
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