Syphilis auch nach 100 Jahren nicht besiegt

Von: Marco Krefting, dpa
Letzte Aktualisierung:
Paul Ehrlich fand erstes Mittel gegen Syphilis
ARCHIV - Der Mediziner Paul Ehrlich, ein Mitarbeiter von Robert Koch und Leiter des Instituts für experimentelle Therapie in Frankfurt am Main (undatiertes Archivfoto). Die Syphilis hieß Lustseuche oder Franzosenkrankheit und sie hatte so prominente Opfer wie den Philosophen Friedrich Nietzsche oder den Dichter Heinrich Heine. Erst vor 100 Jahren, am 3. März 1905, entdeckten zwei Berliner Ärzte den Erreger dieser tückischen Geschlechtskrankheit, die in Europa fünf Jahrhunderte lang so gefürchtet war wie kaum eine andere Infektion. 1909 schuf der Frankfurter Serologe Paul Ehrlich (1854 - 1915) mit dem Mittel Salvarsan dann ein erstes Chemotherapeutikum - auch gegen Syphilis. dpa (nur s/w; zu lhe-Korr "Syphilis auch nach 100 Jahren nicht besiegt" vom 16.04.2010) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Frankfurt/Main. Jahrhundertelang waren die Menschen der Lustseuche Syphilis - auch Lues, harter Schanker oder Franzosenkrankheit genannt - hilflos ausgeliefert. Casanova, Franz Schubert und Charles Baudelaire sollen an ihr gelitten haben. Doch nach langen Forschungsarbeiten wurde in einem Frankfurter Labor endlich ein Gegenmittel entdeckt.

Am 18. April 1910 informiert der Chemiker, Arzt und Serologe Paul Ehrlich (1854-1915) seine Kollegen beim Wiesbadener Internistenkongress über seine Therapie-Erfolge mit „Salvarsan”. Die Medizin wirkt so gut, dass der Nobelpreisträger sie sogar „Zauberkugeln” nennt. Seine Arznei gilt als Beginn der Chemotherapie.

Der große Wurf gelingt Ehrlich und dem japanischen Bakteriologen Sahatschiro Hata eigentlich schon im August 1909 mit der Erforschung des „Präparats 606”, einer organischen Arsenverbindung. „Damit hat Ehrlich eine neue Ära der Therapie infektiöser Krankheiten eröffnet”, sagt Bettina Wahrig, Professorin für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte an der Technischen Universität Braunschweig.

Einige Monate nach der Entdeckung bringen die damaligen Farbwerke Hoechst, in deren Auftrag Ehrlich forschte, das Mittel Salvarsan - lateinisch für heilendes Arsen - auf den Markt. Ärzte und Patienten hätten sich darum gerissen, jeden Abend seien die luftdicht verschlossenen Glas-Ampullen sorgsam gezählt und in den Tresor der Direktion eingeschlossen worden, heißt es in der Geschichtsschreibung des Pharma-Unternehmens Sanofi-Aventis, dem Hoechst-Nachfolger.

Doch Salvarsan hat Nebenwirkungen, da das Pulver vor dem Spritzen mit ätzender Natronlauge gemischt werden muss. Ehrlich entwickelt weniger gefährliche Salvarsan-Versionen. Trotzdem wird er verklagt - angeblich macht das Mittel blind und taub, zerstört das Gewebe und vergiftet. 1972 stellt Hoechst die Produktion ein. „Salvarsan ist mit guten Gründen nicht mehr auf dem Markt”, sagt Wahrig.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird Penizillin das neue Therapie-Mittel. „Bei Salvarsan war der erhebliche Fortschritt, dass die Syphilis erstmals behandelt werden konnte”, sagt Ulrich Marcus vom Robert-Koch-Institut (RKI). „Entscheidender war jedoch Penizillin.” Ärzte verschreiben das Antibiotikum noch heute, die Bakterien sind dagegen nicht resistent. Unbehandelt führt die Syphilis zu Hautentzündungen und Organschäden. Im Endstadium kann das zentrale Nervensystem zerstört werden. Dort wirkte Salvarsan nicht, da es die sogenannte Blut-Hirn-Schranke nicht überwand, die Erreger im Gehirn also nicht erreichte.

Auch heute noch leiden tausende Menschen an der Syphilis. Vergangenes Jahr infizierten sich allein in Deutschland laut RKI mindestens 2700 Menschen. Gefährdet sind vor allem homosexuelle Männer, wie Marcus sagt. Mehr als 1640 infizierten sich im vergangenen Jahr auf diese Art - bei heterosexuellem Sex waren es 247 Männer und 87 Frauen. In mehr als 700 Fällen ist der Übertragungsweg aber unklar.

Das oft sexuell freizügigere Verhalten homosexueller Männer sei Ursache für die hohen Zahlen, sagt Marcus. Mitte der 70er Jahre sei die Zahl der Infektionen gerade bei Schwulen stark gestiegen. Als sich Aids in den folgenden Jahrzehnten ausbreitete, habe es kaum noch Syphilis-Fälle gegeben, weil viele vorsichtiger wurden. „Mehr Kondome und weniger Partner”, vermutet Marcus als Ursache für den Rückgang.

Seit Ende der 90er Jahre stiegen die Zahlen allerdings wieder an - möglicherweise verzichteten Männer, die Sex mit Männern haben, zunehmend auf Kondome.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert