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Stressanzeiger: Lippenbläschen zeugen von geschwächtem Immunsystem

Von: Barbara Erbe, dapd
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Frankfurt a. Main/Leipzig. Sie schmerzen, jucken, nässen, und tragen so gar nicht zu einem attraktiven Äußeren bei: Lippenbläschen sind ebenso verbreitet wie unbeliebt.

„Rund 80 Prozent aller Erwachsenen tragen das Virus in sich”, berichtet Virologe Hans W. Doerr, Direktor des Instituts für Medizinische Virologie am Frankfurter Universitätsklinikum. „Allerdings bildet längst nicht jeder von ihnen tatsächlich einmal eine Herpesinfektion aus.”

Treten die Lippenbläschen einmal hervor, verheilen sie meist innerhalb ein bis zwei Wochen und hinterlassen keine Narben. „Wenn die Beschwerden nicht sehr ausgeprägt sind, braucht Lippenherpes deshalb nicht ärztlich behandelt zu werden”, sagt der Leipziger Hautarzt Uwe Reinholz vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen. Behandelbar sei ohnehin nur der Ausbruch der Krankheit. „Gegen die Infektion selbst gibt es noch immer keine Therapie, die das Virus endgültig ausschaltet.”

Virologen unterscheiden dabei verschiedene Typen: „Der Lippenherpes wird vom Herpes simplex virus Typ verursacht”, erläutert Doerr. „Dann gibt noch einen zweiten Typ, der den Genitalherpes verursacht, sowie die ebenfalls auf Herpesviren zurückzuführende Gürtelrose”.

Viren lauern im Dämmerzustand

Die Erreger des Lippenherpes ruhen nach Angaben von Doerr in einer Art Dämmerzustand tief unter der Kopfhaut des Schläfenbeins und brechen nur dann hervor, wenn die körpereigene Abwehr geschwächt ist. Schuld daran könne eine Fiebererkrankung sein („Fieberbläschen”), aber auch starke Sonneneinstrahlung, hormonelle Umstellungen (Schwangerschaft, Menstruation), psychische Anspannung („Stressbläschen”), eine Verletzung oder nicht zuletzt eine krankheits- oder medikamentenbedingte Immunschwäche. „Fest steht: Wer die Bläschen einmal hat, der kriegt sie meist auch öfter. Für etwa ein Drittel der Bevölkerung werden sie zum ganz persönlichen Stressanzeiger”, sagt Doerr.

Anfangs, wenn sich neue Bläschen bilden, können noch antivirale Salben die Vermehrung der Viren hemmen, erläutert Dermatologe Reinholz. Ist die Lippe aber bereits voll „erblüht”, können allenfalls Zinksalbe, Melisse oder Alkohol die Beschwerden lindern. Nur wenn es zu ernsthaften Komplikationen kommt, etwa wenn sich die Blasen großflächig ausbreiten, stark schmerzen oder zu Schwellungen führen, sind vom Arzt verschriebene antivirale Tabletten das Mittel der Wahl. „Dann ist es wichtig, auch mögliche Begleiterkrankungen zu untersuchen und entsprechend zu behandeln”, betont Reinholz.

Gefährliche Ausbreitung auf Organe

Während Lippenherpes sehr verbreitet, aber im allgemeinen harmlos ist, sind Herpesinfektionen anderer Körperteile deutlich seltener, aber dafür riskanter. Befällt das Virus etwa die Augenhornhaut, drohen Sehschwächen oder gar der völlige Verlust des Augenlichtes. Ein Befall der Gesichtsnerven kann zu - meist vorübergehenden - Lähmungen führen. Bei Menschen, deren Haut schon durch Neurodermitis oder andere Ekzeme geschädigt ist, kann es zu einer schweren Herpesausbreitung kommen.

Lebensgefährlich wird es, wenn innere Organe angegriffen werden, etwa bei der herpesbedingten Lungenentzündung oder einer Entzündung von Hirnhaut oder Gehirn, weiß Virologe Doerr. Schon beim Verdacht muss sofort mit einem Herpesvirostatikum behandelt werden, das der Arzt verschreibt oder als Infusion gibt. Beginne die Therapie frühzeitig, gelinge meist die Heilung, berichtet Doerr und fügt zur weiteren Beruhigung hinzu: „Wer zu Lippenherpes neigt, bekommt ohnehin so gut wie immer nur Lippenherpes und keine weitere Entzündung.”

Neben Patienten mit geschwächtem Immunsystem seien Neugeborene und Babys durch das Virus am stärksten gefährdet, ergänzt Hautarzt Reinholz. „Sie haben noch gar keine gegen das Herpesvirus gerichteten Antikörper, so dass eine Ansteckung bei ihnen im Extremfall tödlich enden kann.” Leide eine werdende Mutter kurz vor der Geburt ihres Kindes etwa an Herpes genitalis, also an Herpes an den Geschlechtsteilen, so werde das Kind in der Regel sicherheitshalber per Kaiserschnitt entbunden.

Ansteckung meist in der Kindheit

Nach dem ersten Lebensjahr sei das Immunsystem eines gesunden Kindes aber durchaus in der Lage, Herpesviren in Schach zu halten, erläutert Reinholz. Vor allem durch Küssen und Speichelkontakt, auch durch das gemeinsame Benutzen von Geschirr, übertragen sich die Erreger leicht und schnell. „Die meisten Menschen holen sich das Herpesvirus denn auch im Kindesalter zwischen drei und fünf Jahren”, berichtet der Hautspezialist. „Bei einer Erstinfektion treten die Symptome meist heftiger auf als beim späteren Wiederaufflammen. Das kann bis zur sogenannten Mundfäule gehen.” Kleiner Trost: Danach verfügt das Immunsystem über stärkere Abwehrkräfte.
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