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Sport statt Pillen: Bewegung kann den Medikamentenbedarf senken

Von: dpa
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Frankfurt/Main. Herzerkrankungen, Übergewicht, Diabetes: Millionen Menschen leiden an den sogenannten Wohlstandskrankheiten. Viele von ihnen werden mit teuren Medikamenten behandelt, obwohl Experten sicher sind, dass es auch anders gehen kann.

„Die großen Zivilisationserkrankungen sind mit Bewegung gut therapierbar”, meint etwa Prof. Winfried Banzer vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Frankfurt.

Er bezieht sich damit auf Krankheiten, die durch die Lebens- und Arbeitsweise des modernen Menschen entstehen - vor allem Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems und Stoffwechselstörungen. „Sie sind für etwa 70 Prozent der frühzeitigen Sterbefälle in Deutschland verantwortlich”, sagt er. „Und für einen Großteil der Kosten im Gesundheitswesen.”

Gerade wegen der häufigen Klagen über hohe Gesundheitskosten sei es erstaunlich, dass die relativ kostengünstige Alternative Sport immer noch relativ wenig beachtet werde. „Die Erkenntnis, dass Bewegung die Gesundheit fördert, ist ja nicht neu. Die erste wissenschaftliche Studie, die das bewiesen hat, ist mehr als 50 Jahre alt.” Banzer verweist auf eine englische Untersuchung aus dem Jahr 1958. Darin wurde nachgewiesen, dass die Fahrer der Londoner Doppeldeckerbusse deutlich stärker vom Herzinfarkt bedroht waren als ihre Schaffner, die im Bus hin- und herliefen.

Ähnlich argumentiert Bernd Wolfarth vom Klinikum der Technischen Universität München. „Es gibt unzählige Studien, die belegen, dass zusätzliche körperliche Aktivität einen gesundheitsrelevanten Effekt hat”, versichert der Sportmediziner. Es sei auch eindeutig nachweisbar, dass die Ausgaben für Medikamente durch konsequentes Bewegen gesenkt werden können. Als Beispiel führt er Diabetes-Patienten an, die nur durch Spazierengehen ihre Gesundheitskosten gesenkt hätten. Je mehr Zeit sie regelmäßig aktiv an der frischen Luft verbrachten, desto geringer die Ausgaben für Medikamente und andere Behandlungen.

Es geht also darum, die Bewegungsleistung im Alltag zu steigern - nicht um Leistungssport. Wolfarth versichert aber auch: „Mit Sport anzufangen, lohnt sich tatsächlich. In jedem Lebensalter.” Selbst bei 70-Jährigen, die mit Sport beginnen, träten noch gesundheitliche Verbesserungen ein, die weniger aktive Altersgenossen nicht mehr erreichen. Chronisch Kranken rät er aber, immer erst mit einem Arzt zu sprechen, bevor es ans Trimmen geht. Der Arzt sollte die Belastbarkeit feststellen, ein genaues Sportprogramm erstellen und es auch überwachen: ein Rezept wie bei Medikamenten, nur eben für Bewegung.

„Wenn Sport richtig betrieben wird, verbessert sich der Gesamtzustand des Körpers. Das wirkt sich dann auch auf krankheitsrelevante Bereiche aus”, betont Wohlfahrt. Regelmäßiger Sport verbessere den Zustand der Blutgefäße und könne sogar bereits entstandene Schäden reparieren. Auch senke er den Blutdruck besser als so manches Medikament. So können Herzpatienten Sport gezielt einsetzen. Zwar sei nicht garantiert, dass die Präparate abgesetzt werden können, aber die Chance, dass die Dosis nicht gesteigert werden muss, ist groß.

Gleiches gilt für Diabetiker. „Körperliche Bewegung verbessert die Wirkung des blutzuckersenkenden Hormons Insulin”, erklärt Prof. Andreas Fritsche von der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Berlin. Ein direkter Effekt regelmäßiger körperlicher Aktivität ist, dass die für die Insulinproduktion verantwortlichen Zellen der Bauchspeicheldrüse angeregt werden. Darüber hinaus reagiert der Körper sensibler auf das Hormon und steigert die Zuckerverwertung.

„Heute weiß man auch, dass Metformin, der Wirkstoff in Medikamenten, die Typ-2-Diabetikern oft gegeben werden, ähnlich wie Sport wirkt”, sagt er. Der Wirkstoff nutzt im Körper des Menschen die gleichen molekularen Signalwege wie körperliche Aktivität. „Mit Bewegung kann die Wirksamkeit des Metformin also unterstützt werden.” Er warnt allerdings vehement vor dem Trugschluss, dass Zuckerkranke, die mit Sport anfangen, sofort auf die Medikamente verzichten können.

Tatsächlich sei es so, dass Sport als Therapie nicht bei jedem gleich gut wirkt, schränkt Fritsche weiter ein. In einer Studie der Universität Tübingen haben sich 400 Menschen mit erhöhtem Diabetes-Risiko einem Fitnessprogramm zur Vorbeugung unterzogen. Mit Pulsuhren und Bluttests wurde die Entwicklung des Körperzustands kontrolliert. „Bei den meisten hat sich die Insulinwirkung durch bessere Fitness tatsächlich erhöht. Bei etwa 20 bis 30 Prozent allerdings nicht.”

Trotzdem sei die Möglichkeit, den Krankheitsverlauf durch Bewegung positiv zu beeinflussen, sehr groß. Patienten mit chronischen Krankheiten sollten die Chance nutzen, empfiehlt Banzer. „Weniger sitzen und mehr bewegen - das tut auch dem Geldbeutel gut.”


Der Deutsche Olympische Sportbund, die Bundesärztekammer und die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin haben ein einheitliches „Rezept für Bewegung” erarbeitet. Ärzte können ihren Patienten darauf eine schriftliche Empfehlung für körperliche Aktivitäten geben. In Bayern, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig Holstein und Thüringen geschieht so etwas bereits. Andere Bundesländer wollen folgen. Wer einen passenden Kurs sucht, sollte bei Sportvereinen auf Gesundheitssportangebote mit dem Qualitätssiegel „Sport pro Gesundheit” achten.

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