London - Schlechte Abwehr könnte Einfluss aufs Erinnerungsvermögen haben

Schlechte Abwehr könnte Einfluss aufs Erinnerungsvermögen haben

Von: dapd
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London. Wie gut sich Menschen an etwas erinnern können, hängt möglicherweise stark von der Fitness ihres Immunsystems ab. Darauf deuten die Ergebnisse von Studien hin, die der US-Forscher Jonathan Kipnis von der Universität von Virginia und seine Kollegen durchgeführt haben.

Dass das Gedächtnis im Alter häufig nachlässt, könnte demnach mit dem Schwächeln der körpereigenen Abwehr im Alter zusammenhängen, vermuten die Wissenschaftler. Folglich müsste eine Stärkung des Immunsystems diese Entwicklung aufhalten. Zudem könnte durch neuartige Medikamente, die das Immunsystem ankurbeln, sogar die Hirnleistung gesunder, junger Menschen gesteigert werden. Über die Arbeit von Kipnis und seinen Kollegen berichtet das britische Wissenschaftsmagazin „New Scientist” in seiner aktuellen Ausgabe (Bd. 2795, S. 32).

Beachtliche Erfolge bei Mäusen

Die Forscher verwendeten in ihren Versuchen Labormäuse, denen eine Art von Immunzellen, die sogenannten CD4- oder T-Helfer-Zellen, fehlten. Sie stellten fest, dass die Tiere nur sehr schwer lernen konnten und ein schlechtes Gedächtnis hatten. Als die Wissenschaftler den Mäusen CD4-Zellen von gesunden Mäusen spritzten, wurde auch ihre Erinnerungsfähigkeit besser.

Weitere Studien von Kipnis und anderen Forscherteams konnten zeigen, welche Rolle die CD4-Zellen im Gehirn spielen: Eine neue Aufgabe zu lernen, löst im Gehirn eine leichte Stressreaktion aus. Diese bewirkt, dass sich die CD4-Zellen zu den Hirnhäuten bewegen, die das Gehirn umgeben. Dort setzen sie den Botenstoff Interleukin-4 frei, der zum einen die Stressantwort abschaltet und zum anderen die Ausschüttung eines weiteren Botenstoffs aus Hirnzellen auslöst, der die Lernfähigkeit verbessert.

Ob sich diese Erkenntnisse aus den Tierversuchen direkt auf den Mensch übertragen lassen, ist noch nicht klar. Es gibt laut Kipnis jedoch bereits Hinweise darauf, dass das Immunsystem beim Menschen eine ähnliche Bedeutung für das Lernen und das Gedächtnis hat wie bei den Nagetieren. So unterdrückten zum Beispiel viele Medikamente, die im Rahmen einer Krebsbehandlung eingesetzt werden, auch das Immunsystem.

Dies könnte erklären, warum manche Krebspatienten durch eine solche Chemotherapie Probleme mit dem Gedächtnis hätten. Zudem könnten träge Immunzellen nach Ansicht von Kipnis auch dafür verantwortlich sein, dass das Gehirn langsamer arbeitet, wenn man altert. „Ich sage nicht, dass dies der einzige Faktor ist, der zur Altersdemenz führt, aber es könnte definitiv einer davon sein”, ist der Forscher überzeugt.

Neue Ansätze für Demenz-Therapien und Hirndoping

Wenn sich bestätigt, dass das Immunsystem auch beim Menschen für die Gedächtnisleistung wichtig ist, könnte dies die Basis für die Entwicklung neuartiger Medikamente sein, mit denen sich die Hirnleistung verbessern lässt. Die Forschergruppe um Kipnis ist bereits dabei, ein solches Hirndoping zu entwickeln, um es in Mäuseexperimenten zu testen. Danach planen die Wissenschaftler, es bei der Behandlung des Rett-Syndroms einzusetzen - einer Entwicklungsstörung, die ebenfalls mit abnormalen Immunzellen in Verbindung gebracht wird.

Kipnis geht jedoch noch weiter: Er glaubt, dass nicht nur der geistige Verfall im Alter oder bei Krankheiten mit solchen Medikamenten rückgängig gemacht werden kann. Auch die Hirnleistung junger, gesunder Menschen zu steigern, hält er für möglich. „Jemanden, der schon sehr klug ist, kann man so wohl nicht noch klüger machen. Aber bei jemandem mit einem Durchschnitts-IQ lässt sich die Gedächtnisleistung wohl steigern”, meint Kipnis.

Andere Forscher äußern sich allerdings zurückhaltender in ihrer Einschätzung, wie stark das Immunsystem das Nervensystem beeinflusst, und warnen vor einer vorschnellen medikamentösen Anwendung.
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