Risiko Ruhestand: Untätigkeit im Alter kann krank machen

Von: Susanne Rytina, ddp
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Untätigkeit im Alter kann krank machen. Foto: ddp

Bad Staffelstein/Tübingen. Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf und wissen nicht, was Sie mit dem Tag anfangen sollen. Wenn das aktive Berufsleben beendet ist und die Kinder erwachsen sind, erleben viele Senioren eine Sinnkrise. Der wohlverdiente Ruhestand wird für sie damit zum Gesundheitsrisiko, warnen Psychologen, Ärzte und Alterswissenschaftler.

„Wenn der Beruf allein als sinnstiftendes Element im Leben gesehen und keine Vorbereitung auf den Ruhestand getroffen wurde, dann steigt das Risiko, vor allem psychische und psychosomatische Krankheitsbilder wie Depressionen oder chronische Schmerzkrankheiten zu entwickeln”, sagt Professor Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsklinik Tübingen.

Gefährdet sind vor allem Männer, die sich vorher oft fast ausschließlich über den Beruf definiert haben. Frauen hingegen betreffe dies nicht so stark, weil sie oft verschiedene Lebensphasen wie Beruf und Elternzeit erlebt haben und deshalb flexibler reagieren, erklärt Zipfel.

Ein Testszenario für den Ruhestand kann für Berufstätige der Urlaub sein. „In diesen Auszeiten kann sich jeder schon einmal die Frage stellen: Was mache ich eigentlich, wenn ich nicht mehr durch den Beruf gesteuert werde?”, sagt Zipfel. Wer sein ganzes Leben lang keine Hobbys oder Interessen gepflegt habe, der falle schneller in ein Loch.

Hauptrisikofaktor für Gemütserkrankungen im Alter seien Depressionen in der Vorgeschichte des Patienten und die soziale Isolation, erklärt Professor Gerhard Eschweiler, Leiter des Geriatrischen Zentrums an der Universitätsklinik Tübingen. „Entscheidend für psychisches Wohlbefinden ist, dass man mit seiner Biografie im Reinen ist, Beziehungen pflegen kann, aber auch einen Sinn in seinem Tun oder in seiner Existenz sieht”, betont der Alterspsychiater. Fehle das Gefühl, gebraucht zu werden, steige nicht nur das Depressions-Risiko - sondern auch die Gefahr, sich mit Alkohol oder Beruhigungstabletten über die Einsamkeit hinweg zu trösten, so Eschweiler. „Soziale Teilhabe ist ein ganz wichtiger Faktor für psychische Gesundheit. Sie umfasst nicht nur familiäre Bindungen, sondern auch lockere Beziehungen wie beispielsweise beim Engagement im Ehrenamt, in der Kirche oder im Verein.”

Wenn jemand kurz nach dem Ruhestand an gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit und Freudlosigkeit leide, wenn selbst die Enkel oder ein gutes Essen keine Freude mehr machten, dann seien das alarmierende Signale. Menschen mit Depressionen litten auch an Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Grübelei und vermindertem Selbstwertgefühl bis hin zu lebensverneinenden Gedanken. Wer länger als zwei Wochen an diesen Symptomen leide, solle einen Hausarzt konsultieren, rät Eschweiler. In schwereren Fällen helfe depressiven Menschen ein Antidepressivum. Auch Psychotherapien können Betroffenen helfen. Senioren mit über 80 Jahren kann eine Psychotherapie allerdings auch überfordern. Außerdem gebe es leider nicht genügend auf das Alter spezialisierte Psychotherapeuten in Deutschland.

Bei leichteren depressiven Verstimmungen helfe es häufig, wenn sich Menschen aus dem engeren Umfeld den Betroffenen zuwenden und sie motivieren, an die frische Luft und ans Licht zu gehen. Dies könne die Stimmung aufheitern. „Schlecht ist es, im Winter im Dunkeln zu sitzen und zu grübeln”, warnt der Mediziner. Untersuchungen zeigten zudem, dass diejenigen, die einen Hund besitzen, sich mehr bewegen und mehr soziale Kontakte besitzen als andere.

Körper und Geist gehören zusammen - wer seelische Probleme hat, entwickelt häufig auch körperliche Symptome: Experten sprechen dann von Psychosomatischen Erkrankungen. Rückenschmerzen, Bluthochdruck oder bestimmte Hauterkrankungen können beispielsweise psychosomatische Ursachen haben. „Oft werden die Beschwerden im Alter aber nicht richtig gedeutet, weil Betroffene beim Arzt vorrangig über körperliche Symptome klagen”, erklärt Elisabeth Rauh, Chefärztin der Psychosomatischen Klinik im bayerischen Bad Staffelstein. So bleiben die eigentlich psychischen Ursachen von Beschwerden oft im Verborgenen.

„Menschen verbringen heutzutage im Schnitt 20 Jahre im Ruhestand. Die längste Phase davon kann man in guter Verfassung verbringen und mit hoher Lebensqualität”, betont Professor Ansgar Thiel, Alters- und Sportwissenschaftler und Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Tübingen. Er ist einer der Autoren des Ratgeber-Buchs „Projekt Ruhestand”, für das er über 100 Interviews mit Ruheständlern geführt hat.

Thiel sieht den Schlüssel für ein zufriedenes Rentenalter ebenfalls in Zielen, in der Frage: Was will ich noch erreichen? Für jeden sei die Antwort unterschiedlich. Manche Senioren wollten ein Instrument oder eine Fremdsprache erlernen, andere wünschten sich, zu reisen. Auch sollte man sich überlegen, wie lange solche Ziele tragen. „Oft wird das Reisen nach einer bestimmten Zeit langweilig.” Was könnte also nachhaltiger sein? Wer etwa ein Ehrenamt im Ruhestand bekleiden wolle, müsse sich schon vorher um Kontakte bemühen - der Tag nach dem Eintritt in den Ruhestand sei oft zu spät.

Eine große Bedeutung sieht Thiel auch in einer klaren Tagesstruktur. Sportliche Betätigung sei dabei ein Mittel mit doppelt positivem Effekt - sie hält fit und schafft geordnete Abläufe. Wer zum Beispiel Nordic Walking betreibt, der organisiert oft seinen Tag um diese Aktivität herum: Es gibt eine Zeit für Sport, eine Zeit für die Zeitungslektüre, fürs Einkaufen und so weiter. „Der Ruhestand birgt nicht nur ein Risiko, sondern vor allem auch eine Chance, ein viel freieres Leben zu führen als vorher”, betont der Alterswissenschaftler.

Buchtipps zum Thema Ruhestand

Richard Nelson Bolles, John E. Nelson: „Die besten Jahre: Planen Sie jetzt, wie Sie nach dem Job leben wollen”, Campus, 2008, 19,90 Euro, ISBN: 978-3593386676

Dagmar Giersberg: „Und dann? 101 Idee für den Ruhestand”, Bertelsmann, 2008, 14,90 Euro, ISBN 978-3763934942

Meinolf Peters: „Psychosoziale Beratung und Psychotherapie im Alter - Psychotherapie und soziale Beratung älterer Menschen”, Vandenhoeck & Ruprecht, 2006, 35,90 Euro, ISBN 978-3525462591

Ansgar Thiel, Wolfgang Schlicht: „Projekt Ruhestand. Was ich schon immer machen wollte”, Messidorverlag, 2008, 17,90 Euro, ISBN 978-936682-69-4
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