Patientenakte auf Chip: Ausgabe erster Gesundheitskarten rückt näher

Von: Sebastian Bronst, dpa
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Die ganze Krankengeschichte auf einem Chip: Möglicherweise werden im Sommer die ersten elektronischen Gesundheitskarten ausgegeben. Foto: dpa

Berlin/Gießen. Sie ist ein ehrgeiziges Projekt mit einem großen Ziel: Die elektronische Gesundheitskarte soll Patienten, Ärzten, Apothekern und Krankenkassen in Deutschland einen schnellen Austausch von Daten ermöglichen. Dadurch soll die kleine Plastikkarte mit Chip nach Ansicht ihrer Befürworter Zeit und Geld sparen.

Nach einem zähen Start und vielen Verzögerungen kommt das Vorhaben nun langsam in Schwung.

In der ersten, zu Testzwecken ausgewählten Modellregion in Nordrhein-Westfalen entscheiden Ärzte derzeit über die Anschaffung der entsprechenden Kartenlesegeräte. Sind dort zum Stichtag am 30. Juni mindestens 85 Prozent der Praxen an Bord, planen die Krankenkassen die Ausgabe der ersten neuen Gesundheitskarten. Ob der Zeitplan eingehalten werden kann, steht zwar noch nicht fest. Etliche Kassen haben Versicherte aber bereits aufgefordert, Passfotos bereitzustellen - eine Voraussetzung für die Ausgabe der elektronischen Karten, die aus Sicherheitsgründen auch ein Lichtbild ihres Besitzers tragen sollen.

Der Mehrwert des neuen Systems soll in einer vereinfachten Kommunikation zwischen Medizinern, Apotheken, Kassen und Patienten bestehen, erläutert das Bundesgesundheitsministerium in Berlin. Die Vernetzung soll Kosten sparen. Arztberichte, Krankenakten oder Rezepte müssen bislang meist umständlich in Papierform hin und her geschickt werden. Mit der neuen Karte soll sich das ändern.

Sie erlaubt den Zugriff auf zentral gespeicherte Gesundheitsdaten, die dann bei Bedarf in jeder Praxis oder Apotheke abgerufen werden können. „Ziel ist, dass der gesamte Schriftverkehr über die Karte abgewickelt wird”, sagt Sabine Metzger von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) in Gießen. Bis zur flächendeckenden Einführung ist es aber noch ein langer Weg.

Erst nach einem erfolgreichen Start in der Modellregion soll die Karte Schritt für Schritt in immer mehr Regionen eingeführt werden, wie Daniel Poeschkens von der Entwicklungsgesellschaft Gematik in Berlin erläutert. Gematik setzt das Projekt für die Spitzenorganisationen des deutschen Gesundheitswesens um.

Was müssen Patienten und Ärzte beachten? Die Antwort lautet zunächst einmal: nichts. Zumindest in der Übergangsphase bis zu flächendeckenden Einführung des neuen Systems werden die altbekannten Versichertenkarten lediglich gegen die neuen Chipkarten ausgetauscht, ohne dass deren vieldiskutierte zusätzliche Funktionen schon verfügbar wären. Technisch erfüllt das neue Modell zwar alle Voraussetzungen für die geplanten neuen Anwendungen, etwa die elektronische Krankenakte. Aktiviert werden sollen diese aber erst später, wenn das System läuft, sagt Poeschkens.

Auch Kai Vogel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf betont, dass sich Versicherte vorerst noch nicht mit den neuen Funktionen befassen müssen: „Momentan ist es erst der erste Schritt.” Und offenbar müssen sich Patienten auch nicht vor der Aushöhlung des Datenschutzes fürchten: Bei den meisten der geplanten digitalen Speicheroptionen soll es sich um freiwillige Zusatzfunktionen handeln. Das heißt: Zu einer Digitalisierung von Krankenakten, Röntgenbildern oder medizinischen Notfalldaten wird es auch künftig nur kommen, wenn ein Patient dem ausdrücklich zustimmt.

Keine Wahl haben Patienten bei der elektronischen Form des Rezepts, die künftig das digitale Auslesen von ärztlichen Arznei-Verordnungen in Apotheken erlaubt und für alle verpflichtend ist. Diese Funktion soll auch die erste sein, die freigeschaltet wird. Ob darüber hinaus etwa Medikamenten-Unverträglichkeiten oder Krankengeschichten zentral gespeichert werden, entscheiden Patienten weiter selbst.

Die Datensicherheit soll durch ein kompliziertes „Zwei-Schlüssel-Prinzip” gewährleistet werden. Sowohl Arzt als auch Patient bekommen erst nach Eingabe einer mehrstelligen Geheimnummer Zugriff auf gespeicherte Daten. Das könne vieles komplizierter machen als heute, befürchtet Metzger: „Welche 80-jährige Dame oder welcher 80-jährige Herr möchte sich eine solche PIN-Nummer merken?”

Ebenso wenig sei klar, ob es etwa verschiedene Abstufungen bei der Geheimhaltung geben werde: „Der Apotheker muss nicht immer wissen, was der Psychologe sagt”, findet Vogel. Und wenn der Sohn für die Mutter ein Medikament in der Apotheke abholen will, muss es Vertretungsregeln geben. Auch wie das funktioniert, sei noch offen.

(Internet: ) dpa/tmn bro wi cr
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