Neue Diagnosetechnik bei Schlaganfällen

Von: Marlene Petermann, ddp
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Göttingen. Das Gerät heißt Somaton Definition AS Plus, ist ein Computertomograph und hat den stolzen Preis von 1,1 Millionen Euro gekostet.

Seit September vorigen Jahres ist es am Universitätsklinikum Göttingen im Einsatz, als „das erste Modell seiner Art in einer spezialisierten neuroradiologischen Abteilung bundesweit”, wie Michael Knauth, Professor für Neuroradiologie am Klinikum, sagt. Mit der Technik lasse sich das Gehirn in 3D-Qualität abbilden und es könne zugleich der Blutfluss durch die Arterien „in nur 45 Sekunden” gescannt werden.

„Der neue Computertomograph hilft uns vor allem bei der Diagnose von Schlaganfällen”, sagt Knauth. Bei Schlaganfällen stirbt ein Teil des Gehirns ab. Die Ursache sei in 80 Prozent aller Fälle ein Blutgerinnsel, also eine Verstopfung eines Blutgefäßes im oder am Gehirn. Möglichst schnell müsse die Ursache des Schlaganfalles gefunden werden, um über die richtige Therapie zu entscheiden. Beim Scannen fährt der Patient auf einer Liege durch einen Ring, in dessen Inneren sich um den Kopf des Patienten kontinuierlich eine Röntgenröhre dreht, die sehr dünne Röntgenstrahlen aussendet.

Bei einer Umdrehung der Röntgenröhre würden bis zu 128 Schichten des Gehirns à 0,6 Millimeter abgebildet, erklärt Knauth. Um den Blutfluss des gesamten Gehirns verfolgen zu können, benötigen die Radiologen bis zu 1850 Schnittbilder, die mit einer neuartigen Scantechnik, der sogenannten 4D-Spirale, zu einem Film verarbeitet werden.

„Im Notfall dauert die gesamte neuroradiologische Diagnose bei Patienten mit akutem Schlaganfall etwa zehn Minuten, inklusive der Darstellung der Gehirndurchblutung und der dreidimensionalen Abbildung der Blutgefäße”, sagt Peter Schramm, Oberarzt am Uniklinikum und Spezialist für Schlaganfalldiagnostik. Der Film könne zeigen, wie schnell das Blut durchs Gehirn fließe oder ob es irgendwo gar nicht mehr fließe. Dort befinde sich das Gerinnsel, das die Durchblutungsstörung verursache.

„Diese Verstopfung können wir mit speziellen gerinnselauflösenden Medikamenten beheben„, sagt Schramm. Bei bestimmten Konstellationen lasse sich auch per Schlüssellochtechnik ein Mikrokatheter direkt bis in das Gehirngefäß führen, um das Gerinnsel lokal abzusaugen oder ein auflösendes Medikament zu spritzen.

Früher sei es nicht möglich gewesen, mit der Computertomographie die Durchblutung des gesamten Gehirns zu erfassen. ”Da der Patient nicht kontinuierlich durch den Computertomographen gefahren wurde, konnten wir die Durchblutungsmessung nur in einer schmalen Schicht des Gehirns durchführen, an der wir den Schlaganfall vermutet haben”, erklärt Knauth. Lag der Schlaganfall jedoch in einem anderen Teil des Gehirns, mussten die Neuroradiologen gegebenenfalls weitere Schichten untersuchen, um eventuelle Durchblutungsstörungen zu finden. Für Patienten bedeutete das unter anderem eine höhere Röntgenstrahlenbelastung.

Der Unterschied zwischen früheren Methoden und dem neuen Computertomographen sei etwa vergleichbar mit dem zwischen einem Foto und einem Film, sagt Schramm. Der Film über den Blutfluss biete einen erheblichen Informationsgewinn und ermögliche schnellere medizinische Hilfe für Betroffene.

„Bei der Durchblutungsmessung des Gehirns entspricht die Strahlenbelastung der Augenlinse, also des strahlensensibelsten Organs am Kopf, der einer Standard-Computertomographie”, sagt Schramm. Der Nutzen, Gehirnschäden bei Schlaganfall zu verringern, sei aber bei weitem höher als eventuelle Folgeschäden durch die Strahlenbelastung. Der Einsatz der Röntgenstrahlung werde aber in jedem Fall so niedrig wie möglich gehalten.

Schnelle Hilfe bei Schlaganfällen mindert Folgeschäden

Die Krankheit ist tückisch. „Ein Schlaganfall tut nicht weh”, sagt Peter Schramm, Oberarzt für Neuroradiologie am Universitätsklinikum Göttingen. Daher sei es so wichtig, ihn frühzeitig zu erkennen und schnell zu handeln: „Mögliche typische Symptome sind, dass jemand plötzlich einen Mundwinkel nicht mehr hochziehen kann, Lähmungen oder Gefühlsstörungen auf einer Körperseite oder Sprachstörungen auftreten.„

All dies seien Zeichen dafür, dass ein bestimmter Teil des Gehirns nicht mehr funktioniere und eventuell bereits irreparabel geschädigt sei, sagt Schramm. In den meisten Fällen ist eine akute Minderdurchblutung im Gehirn die Ursache für einen Schlaganfall, also eine Verstopfung eines Gefäßes durch ein Blutgerinnsel oder durch arterielle Verkalkung. Das Gerinnsel müsse so schnell wie möglich entfernt werden, damit gefährdetes Gewebe wieder durchblutet werden könne. „Wir unterscheiden den Infarktkern, in dem das Gehirngewebe bereits unwiederbringbar abgestorben ist, und darum herum angeordnetes gefährdetes Gewebe”, sagt der Mediziner.

Dieses gefährdete Gewebe sei zwar nicht mehr ausreichend durchblutet, könne aber gerettet werden, wenn die behandelnden Ärzte das Gerinnsel schnell und gezielt auflösten. Je mehr Zeit verstreiche, umso größer seien die Folgeschäden. Der Schlaganfall sei ”die teuerste Erkrankung in Industrienationen”, sagt Schramm. Die Rehabilitation sei dabei der entscheidende Faktor. Die Betroffenen müssten wieder lernen zu gehen oder zu sprechen und das könne sehr lange dauern. Genau deswegen ist es so wichtig, schnell zu helfen und soviel Gehirngewebe wie möglich zu retten.
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