Oberhausen/Mainz - Leberstreik: Zirrhose trifft nicht nur Alkoholiker

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Leberstreik: Zirrhose trifft nicht nur Alkoholiker

Von: Mascha Schacht, dapd
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Oberhausen/Mainz. „Du hast Probleme mit der Leber?! Bist Du ein Alki, oder was?!” Leberkranke tragen ein Stigma mit sich herum, das den Umgang mit ihrem Leiden ungemein erschwert.

Doch Alkohol ist nur ein möglicher Grund für Probleme mit dem wichtigen Organ: „Die Ursachen für die Erkrankung können vielfältiger Natur sein und auch prinzipiell jeden treffen”, weiß Professor Claus Niederau von den Katholischen Kliniken in Oberhausen.

Der Vorsitzende der Deutschen Leberhilfe hat sich der Aufklärung über Lebererkrankungen und ihre Folgen verschrieben, denn „viele Todesfälle und Organtransplantationen ließen sich verhindern, wenn die Menschen rechtzeitig zu uns kämen und nicht erst, wenn sich bereits eine Leberzirrhose gebildet hat”.

Zu den häufigsten Ursachen für Leberentzündungen zählen Infektionen mit Hepatitis-Viren, vor allem Hepatitis B und C. Nach Schätzungen der Deutschen Leberstiftung sind allein in Deutschland bis zu anderthalb Millionen Menschen von einer Virushepatitis betroffen.

Während die Infektion bei manchen von alleine ausheilt, ohne Schaden anzurichten, wird sie bei anderen chronisch. „Leider sind die Anzeichen für eine solche Erkrankung oft sehr unspezifisch: Abgeschlagenheit, Übelkeit oder Fieber können leicht mit einer Grippe verwechselt werden”, erläutert Niederau. „Ein Antikörpertest wird meist nur durchgeführt, wenn erhöhte Leberwerte festgestellt wurden oder die Krankheit bereits so weit fortgeschritten ist, dass deutliche Symptome für eine Leberzirrhose vorliegen.”

Hepatitis lässt sich effektiv behandeln

Wird eine Virushepatitis frühzeitig erkannt, kann sie der Arzt mit Medikamenten effektiv behandeln. Bei der chronischen Hepatitis C ist bei rund der Hälfte der Patienten eine Heilung möglich, bei der Hepatitis B kann das Virus fast immer in seiner Vermehrung gestoppt und die Erkrankung zum Stillstand gebracht werden.

Eine deutlich niedrigere Lebensqualität und Lebenserwartung haben oft Patienten, bei denen sich bereits eine Zirrhose entwickelt hat. „Bei der Zirrhose vernarbt und verhärtet sich das Lebergewebe. Dadurch wird die Durchblutung gestört und die Leber kann ihre Funktion als Entgiftungsorgan nicht mehr ausreichend erfüllen”, erklärt Claus Niederau.

Die Folgen sind vielfältig: Da das Blut nur noch verlangsamt durch die vernarbte Leber fließt, kommt es zu einem Stau vor dem Organ. In der Folge sucht sich das Blut neue Wege: Es bilden sich Krampfadern, etwa in der Speiseröhre. Platzen diese, droht der Patient innerlich zu verbluten. Lebensbedrohlich sind auch Giftstoffe, die ungefiltert ins Gehirn gelangen und dort schwere Schäden bis hin zum Koma anrichten können.

„Außerdem kann durch den erhöhten Druck in den Blutgefäßen vor der vernarbten Leber Wasser in die Bauchhöhle des Patienten austreten”, sagt Niederau. „Da bei beeinträchtigter Leberfunktion bestimmte Eiweiße nicht mehr hergestellt werden können, leiden viele Patienten zudem unter starkem Muskelabbau. Insgesamt ist das Immunsystem der Betroffenen meist deutlich heruntergefahren und sie sind entsprechend infektanfällig.”

Wird eine Lebererkrankung erst diagnostiziert, wenn bereits Symptome wie Wasserbauch oder Verwirrtheit vorhanden sind, ist eine Heilung oder ein Aufhalten der Erkrankung meist nicht mehr möglich. „In diesem Stadium gilt es vor allem, die Lebensqualität der Betroffenen auf möglichst hohem Niveau zu halten”, sagt Professor Peter Galle vom Universitätsklinikum Mainz. „Das bedeutet, Symptome zu behandeln, beispielsweise den Wasserhaushalt des Patienten mit Hilfe von Medikamenten zu kontrollieren, Nahrungsdefizite auszugleichen und inneren Blutungen vorzubeugen, etwa indem man eine künstliche Verbindung zwischen den Pfortadern vor und der Lebervene hinter dem Organ herstellt.”

Eine Voraussage über die Lebenserwartung eines Patienten lässt sich kaum treffen, denn Lebererkrankungen verlaufen sehr individuell, weiß der Leberspezialist. „Manche leben damit noch viele Jahre, andere kann schon nach relativ kurzer Zeit nur noch eine Organtransplantation retten.”

Bei Übergewicht Leberwerte kontrollieren

Ein Spenderorgan kann aber aufgrund des ständigen Mangels viel zu selten eingesetzt werden. Aufklärung und Vorsorge sind daher auch nach Ansicht von Peter Galle besonders wichtig: „Die wenigsten Menschen wissen etwa, dass auch eine durch Fehlernährung hervorgerufene Fettleber zur Zirrhose führen kann. In den USA sind davon laut medizinischen Studien bereits 30 Prozent der Bevölkerung betroffen, hierzulande schätzen Leberexperten die Risikogruppe auf immerhin zehn Prozent der Einwohner.”

Wer Übergewicht hat, sollte also seine Leberwerte ebenso im Blick behalten wie Menschen, die regelmäßig Alkohol konsumieren. In Bezug auf Bier und Co. warnt Galle vor Verharmlosung. „Als potenziell bedenklich gilt bereits der regelmäßige Genuss von 20 Gramm Alkohol pro Tag für Frauen und 40 Gramm für Männer. Das entspricht bei einem Bier mit vier Volumenprozent Alkohol gerade mal etwas mehr als einer beziehungsweise zwei 500-ml-Flaschen.”

Wer also nicht auf sein Feierabendbier verzichten möchte, sollte zumindest einmal im Jahr seine Leberwerte ermitteln lassen - die Kosten liegen bei gerade einmal einem Euro.

Organspenden können Leben retten

Im fortgeschrittenen Stadium der Leberzirrhose oder bei akutem Leberversagen kann die Betroffenen meist nur noch eine Lebertransplantation vor dem Tod bewahren. Lebendspenden, bei denen ein Teil der Leber eines Gesunden verpflanzt wird, sind prinzipiell möglich. Der Großteil der gespendeten Lebern kommt allerdings von Verstorbenen, die durch einen Organspendeausweis noch nach ihrem Tod zu Lebensrettern werden.

„Leider übersteigt der Bedarf die Anzahl verfügbarer Spenderorgane bei weitem, so dass viele Patienten noch auf der Warteliste sterben”, sagt Professor Peter Galle vom Universitätsklinikum Mainz. Verschärft werde das Problem dadurch, dass lediglich Patienten mit schwersten Symptomen ein Spenderorgan erhielten: „Bei diesen Menschen ist aber gleichzeitig die Gefahr am höchsten, dass sie trotz der Transplantation sterben. Wir müssten eigentlich schon viel früher transplantieren, aber dafür stehen nicht genügen Spenderorgane parat.”

Seiner Ansicht nach kann lediglich eine Gesetzesänderung dieses Problem lösen: „In anderen europäischen Ländern ist die Organspende gesetzlich dahingehend geregelt, dass Menschen, die keine Organe spenden wollen, einer Spende ausdrücklich widersprechen müssen.” Das hält der Leberspezialist für wesentlich sinnvoller, denn seiner Erfahrung nach hätten die meisten Leute gar nichts gegen eine Organspende - aber eben nur keinen Ausweis.

„Außerdem sollte sich jeder Mensch vor Augen führen, dass auch er selbst schneller als gedacht in eine Situation gelangen kann, in der er selbst auf ein Spenderorgan angewiesen ist”, ergänzt Galle.

Weitere Informationen:

Unter leberhilfe.org bietet die Deutsche Leberhilfe ausführliche Informationen rund um die Ursachen, Symptome und Therapiemöglichkeiten von Leberkrankheiten. Neben aktuellen Veranstaltungsterminen finden Betroffene hier zudem die Kontaktdaten von Selbsthilfegruppen, Kliniken und Schwerpunktpraxen.

Auf den Seiten von lebertest.de können Interessierte anhand eines Onlinetests ermitteln, ob sie zu einer Risikogruppe gehören, die für Lebererkrankungen besonders anfällig ist. Zudem bietet die Seite weitere Informationen zu Lebererkrankungen.

Unter organspende-info.de informiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über die Möglichkeiten zur Organspende, erläutert den rechtlichen Hintergrund und beantwortet die häufigsten Fragen. Spendenausweise können zudem kostenlos bestellt oder als Druckversion heruntergeladen werden.

Literatur:

Christian Müller, Gert Baumgart: „Beleidigte Leber. Hepatitis, Zirrhose, Leberkarzinom Co.”, Verlagshaus der Ärzte, 2009, 14,90 Euro, ISBN: 978-3-902552-59-4

Sven-David Müller Nothmann, Christiane Weißenberger: „Ernährungsratgeber Leber und Galle. Genießen erlaubt”, Schlütersche, 2008, 12,90 Euro, ISBN: 978-3899935493

Erwin Kuntz: „Brennpunkt Leber: Leberschutz ist möglich”, Hädecke, 2002, 6,95 Euro, ISBN: 978-3775003698

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