Einer für Tausende: Kinderarzt im Problemviertel

Von: Yuriko Wahl, dpa
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Sarah und Digi Yannis (r) bekommen am Freitag (27.03.2009) in der Praxis von Kinderarzt Detlev Geiß in Köln- Chorweiler Bonbons. Die Praxis liegt mitten in einer tristen Betonwüste. Im sozialen Brennpunkt Köln-Chorweiler leben viele Arbeitslose, benachteiligte Familien mit kleinstem Portemonnaie, Migranten. Hier lässt sich kaum was verdienen. Viele Mediziner haben dem Stadtteil den Rücken gekehrt, neue Ärzte wollen sich nicht ansiedeln. Einer bleibt. Für mehrere tausend Kinder. Foto: dpa

Köln. Die Praxis liegt mitten in einer tristen Betonwüste. Im sozialen Brennpunkt Köln-Chorweiler leben viele Arbeitslose, benachteiligte Familien mit kleinstem Portemonnaie, Migranten. Armut herrscht in schäbig-grauen Wohnhäusern, hohe Kriminalitätszahlen gehören zum Umfeld.

Hier lässt sich kaum was verdienen. Viele Mediziner haben dem Stadtteil den Rücken gekehrt, neue Ärzte wollen sich nicht ansiedeln. Einer bleibt. Für mehrere tausend Kinder. „Es sind schwierige Umstände, aber wenn ich die Kinder sehe, denke ich nicht darüber nach, ob ich da überhaupt noch was verdiene”, sagt Detlev Geiß.

In jedem Quartal behandelt der Mediziner 2200 Kinder, gemeinsam mit einer Kollegin und einem Teilzeit-Assistenten. „Aber keiner von den 2200 kommt nur einmal im Quartal”, sagt der 60-Jährige. „Ab dem vierten Besuch zahlen wir drauf, aber gerade um diese Patienten möchte ich mich kümmern, das sind ernsthaft kranke Kinder, da habe ich eine Fürsorgepflicht, gerade weil die Eltern hier oft unbeholfen und unsicher sind.” Die kleine Chantal, gerade erst acht Monate alt, ist mit Gaumenspalte und künstlicher Ernährung Dauergast. Der Rachen ist entzündet, es eitert aus den Ohren. „Solche Kinder kommen oft zu mir. Es ist eng hier, überall Gewusel. Wir sind voll bis zum Anschlag, aber wir können niemanden abweisen”, sagt Geiß.

Die kleinen Patienten kommen aus mehr als 70 Ländern, Geiß spricht auch Englisch, Französisch oder Türkisch mit ihnen. Nur eines gibt es nicht in der Praxis: Lukrative Privatpatienten. Das erklärt auch, warum der Mediziner in seiner Disziplin inzwischen allein auf weiter Flur ist. Standorte wie Köln-Chorweiler oder andere Problembezirke in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt sind unattraktiv für junge Ärzte, die sich niederlassen wollen.

Seit Anfang 2009 ist die umstrittene Honorarreform in Kraft, die mit Pauschalbeträgen pro Patient und Quartal arbeitet, die aber von Geiß und vielen anderen Ärzten als völlig unzureichend angesehen wird. „Seit Jahren schon ist das System unterfinanziert und ein Drittel der Leistungen erbringen die Ärzte umsonst”, erklärt Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Da kann man es dem Freiberufler nicht verdenken, dass er sich den besten Standort aussucht.” Junge Mediziner seien heute sehr gefragt: „Krankenhäuser suchen Ärzte, das Ausland sucht, wir suchen. Der angehende Arzt kann frei auswählen.” Um auch in schwierige Regionen zu locken, gebe es Anreize wie Investitionshilfen für den Praxisstart, Zuschläge oder Umsatzgarantien, sagt der KBV-Sprecher. „Solche Anreize sind wichtig und notwendig, es erfordert aber auch Mut, in so schwierige Bezirke zu gehen.”

Den hatte Detlev Geiß vor fast 30 Jahren, als er sich bewusst in dem Kölner Problemviertel niederließ. „Die Kinder in ihrer Entwicklung zu sehen, das ist ein schöner Teil der Arbeit. Wir warten inzwischen schon auf die dritte Generation, denn hier sind die Zyklen doch etwas kürzer als in den Akademikerkreisen.” Kinder und Eltern lieben ihren „Dr. Geiß”, jeder kennt ihn im Viertel. Auch David (1) und Madeleine (3) strahlen um die Wette, als er ins Behandlungszimmer kommt. „Er nimmt sich Zeit, auch wenn das Wartezimmer ganz voll ist. Er macht nie Fehler”, sagt die Mutter des fiebernden Hassan aus der Türkei.

Auch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ist auf den engagierten Mediziner aufmerksam geworden. „Sie hat hohen Respekt vor seiner Leistung”, erzählt Ministeriumssprecher Klaus Vater. Köln- Chorweiler sei kein Einzelfall. Es sei Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen, gegen diese Unterversorgung anzusteuern und „wunderbare Ärzte” wie Detlev Geiß über alle möglichen finanziellen Leistungen und Unterstützungs-Möglichkeiten zu informieren.

Allein 2008 sind die Einnahmen des Kölner Kinderarztes um 20 Prozent gesunken. „Ich kann meinem Personal die Überstunden nicht mehr bezahlen, das bedrückt mich, wenn ich sehe, wie alle mit mir kämpfen.” Sein eigenes Einkommen habe sich im Vergleich zu früheren Jahren halbiert, sagt Geiß, der im zugleich Verein „Kindernöte” für benachteiligte und vernachlässigte Kids engagiert. „Aber die Leute hier haben Vertrauen zu mir, es ist eine wundervolle Arbeit.”
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