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Ein neues Wohlstandssyndrom: Immer mehr Menschen haben Harnsteine

Von: Bettina Levecke, dapd
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Düsseldorf/Hannover. Oft liegen sie monate- oder sogar jahrelang völlig schmerzfrei und unbemerkt im Harntrakt, dann sorgen sie plötzlich für extrem schmerzhafte Koliken.

„Harnsteine sind eine Volkskrankheit mit ansteigender Häufigkeit in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern”, sagt Prof. Thomas Knoll, von der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. in Düsseldorf.

Mittlerweile ist ihm zufolge jeder dritte Patient in urologischen Praxen wegen Harnsteinen in Behandlung. „Jeder 10. Einwohner wird im Laufe seines Lebens einmal mit einem solchen Stein konfrontiert werden.” Während früher überwiegend ältere Menschen ab dem 50sten Harnsteine bekommen hätten, steige die Häufigkeit mittlerweile auch bei jüngeren Menschen.

„Auch Kinder können bereits betroffen sein, besonders wenn sie stark übergewichtig sind”, weiß Knoll. Harnsteine können im gesamten Harnstrakt entstehen, sagt der Urologe: „Je nach Lage spricht man dann von Nierensteinen, Harnleitersteinen oder Blasensteinen”. Grundlage seien Kristalle im Urin, die bei weiterer Größenzunahme zu Harnsteinen werden. In 70 bis 75 Prozent der Fälle handele es sich dabei um Kalziumoxalatsteine, bei zehn Prozent um Harnsäuresteine und in selteneren Fällen um Phosphat- oder Zystinsteine. Die Analyse im Labor gebe Aufschluss über die Steinzusammensetzung. Die Ursachen seien damit jedoch nicht geklärt.

Harnsteine sind nur ein Symptom

„Es gibt viele verschiedene Gründe, warum sich Steine bilden können”, sagt Thomas Herrmann, leitender Oberarzt der Sektion Laparoskopie und minimal invasive Therapieverfahren an der Medizinischen Hochschule Hannover. Nicht jeder Harnstein stelle automatisch eine behandlungsbedürftige Erkrankung dar, unterstreicht der Mediziner. „Ob, und wenn ja, welche Therapie erforderlich ist, ist abhängig von der Lage des Steins und den Beschwerden des Patienten.” So seien Harnsteine häufig auch nur Symptom einer anderen Erkrankung, die es zu diagnostizieren gelte.

Dies bestätigt auch Urologe Knoll: „Viele Blasensteine entstehen zum Beispiel durch Blasenentleerungsstörungen, zum Beispiel bei einer vergrößerten Prostata”. Nieren- oder Harnleitersteine hätten dagegen eine komplexere Entstehungsursache. Neben genetischen Ursachen, Stoffwechselstörungen und Erkrankungen des Dünndarms seien die Steine eine Folge des Wohlstands: „Es gibt eben immer mehr Menschen, die übergewichtig sind und sich zu wenig bewegen”, sagt Herrmann.

Oft reicht Prävention als Therapie

Auch Urologe Knoll unterstreicht den Zusammenhang von Erkrankung und der Lebensweise: „Viele Harnsteine sind rein ernährungsbedingt”. Risikopatienten mit Übergewicht, die wiederholt unter Steinen leiden, sollten deshalb gezielte Präventionsstrategien umsetzen, empfiehlt Oberarzt Hermann: „An erster Stelle steht die Normalisierung des Gewichtes mit Sport und einer ausgewogenen Ernährung”.

Wichtig sei ein Speiseplan, der einer weiteren Konzentration der Harnsäure im Urin vorbeuge: „Dafür ist es zum Beispiel sinnvoll, weniger Fleisch zu essen und pflanzliche Lebensmittel zu bevorzugen”, rät Knoll. Betroffene sollten seiner Empfehlung nach wenigstens an zwei Tagen pro Woche Fleisch vom Speiseplan streichen. Ganz wichtig sei es auch, viel und regelmäßig zu trinken, vor allem jetzt im Sommer. Alkohol gehöre aber nicht dazu: „Im Gegenteil, alkoholische Getränke verstärken das Harnsäureproblem sogar”, warnt der Urologe.

Kleinere Steine könnten mit medikamentöser Unterstützung und ausreichender Flüssigkeitszufuhr häufig spontan ausgeschieden werden, sagt Knoll. Und: „Sport und körperliche Bewegung können diese natürliche Entfernung unterstützen.”

Extrem schmerzhafte Koliken

Wer einmal erlebt hat, wie ein Harnstein durch den Harnleiter wandert, wird diesen Schmerz so schnell nicht vergessen: „Betroffene Frauen haben schon berichtet, dass diese Koliken noch schmerzhafter sind als Geburtswehen”, sagt Herrmann.

Manchmal äußerten sich die Steine aber auch nur sehr indirekt, zum Beispiel durch leichte Flankenschmerzen, etwas Blut im Urin oder durch häufig wiederkehrende Blasen- oder Nierenbeckenentzündungen.

Der Einzelfall entscheidet über die Therapie

Mittlerweile können Steine im Harntrakt auf viele verschiedene Arten entfernt werden. Für die Therpapiewahl hält Chirurg Hermann nicht nur die Größe des Steines, sondern auch die Lage für entscheidend: Sind die Steine im Harnleiter oder zum Beispiel im Nierenbecken?

Eine Möglichkeit zur Entfernung seien sogenannte minimal-invasive Therapieverfahren. Bei der „Extrakorporalen Stoßwellenlithotripsie” zum Beispiel würden die Steine durch konzentrierte Schallwellen zertrümmert und danach auf natürlichem Wege ausgeschieden. „Der Vorteil ist, dass die Patienten hierfür keine Vollnarkose benötigen und der Eingriff risikoarm ist”, sagt Herrmann.

Doch die sanfte Schallwellentherapie sei nicht bei allen Steinen erfolgreich. So werde bei ungünstiger Lage des Steins oder bekannter, harter Steinzusammensetzung heute oft eine Harnleiter- oder Nierenspiegelung mittels eines Endoskops bevorzugt.

„Bei Nierensteinen hat sich auch die endoskopische Entfernung mittels direkter Punktion durch die Haut bewährt”, sagt der Chirurg aus Hannover. Auch diese minimal-invasiven Eingriffe per Endoskop gelten heute durch miniaturisierte Instrumente als risikoarm. Sie erfolgen allerdings unter Vollnarkose und sind mit einem stationären Aufenthalt verbunden.
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