Aachen - Die schwache Blase ist kein Schicksal

Die schwache Blase ist kein Schicksal

Von: Edda Neitz
Letzte Aktualisierung:
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Starkes Team im Kontinenzzentrum am Universitätsklinikum Aachen (von links): Dr. Gabriele Böhm (Chirurgische Klinik), Dr. Birgit Kemp (Frauenklinik) sowie Dr. Ruth Kirschner-Hermanns und Dr. Monika Schwinges-Lymperopoulos (Urologische Klinik). Foto: Uka Aachen

Aachen. Rund fünf Millionen Menschen, die Dunkelziffer wird weitaus höher vermutet, haben Probleme mit ihrem Harnfluss. Keine Frage, es ist peinlich, wenn man als Erwachsener oft und ganz plötzlich, noch dazu unfreiwillig Harn verliert.

Und wenn das sechsjährige Kind noch einnässt, dann ist dies für Eltern eine ernst zunehmende Sache. Aber kaum jemand spricht darüber. Harninkontinenz ist ein Tabuthema.

Harninkontinenz ist der medizinische Ausdruck für Blasenschwäche. Dem Körper mangelt oder fehlt die Fähigkeit, den Harn in der Blase sicher zu speichern und den Zeitpunkt der Entleerung selbst zu bestimmen.

Welcher Arzt?

Aber das ist noch lange kein Problem mit dem man sich abfinden muss. Im Gegenteil. „Wenn man sich frühzeitig und intensiv damit beschäftigt, ist Inkontinenz oft heilbar und fast immer verbesserbar”, sagt Urologin und Privatdozentin Dr. Ruth Kirschner-Hermanns. Sie hat vor zwei Jahren mit Chirurgin Dr. Gabriele Böhm und Frauenärztin Dr. Birgit Kemp das Aachener Kontinenzzentrum ins Leben gerufen und leitet es.

Die Liste der Behandlungsmöglichkeiten ist lang, weil meist mehrere Ursachen vorliegen. Kein Wunder, dass es dann auch für den Patienten bei so viel Komplexität schwierig ist, den richtigen Arzt zu finden.

Genau da setzt das Kontinenzzentrum an. „Weil der interdisziplinäre Erfahrungsaustausch für Diagnose und Behandlung besonders wichtig ist, zertifizieren wir nur dann Klinikabteilungen oder Praxen als Zentrum, wenn sie eine entsprechende Kooperation nachweisen können”, betont Geschäftsführerin Christa Thiel von der Gesellschaft für Kontinenz.

Im Aachener Kontinenzzentrum, eines der 48 Zentren in Deutschland, arbeiten derzeit fünf Abteilungen zusammen: Urologie, Frauenheilkunde, Chirurgie, Kinderklinik und Diabetologie/Endokrinologie.

Experten schätzen, dass jede vierte Frau teilweise unter Harninkontinenz leidet. Eine der zwei häufigsten Formen, die Belastungsinkontinenz, kommt besonders bei Frauen vor. Da genügt ein Husten, Niesen, Springen oder Heben und schon gehen ein paar Tröpfchen in die Hose.

Normalerweise gibt die Beckenbodenmuskulatur, die wie eine Hängebrücke funktioniert, der Blase und den anderen Organen im unteren Bauchraum genügend Halt. Sind aber Bänder und Muskeln, quasi die Aufhängungen des Beckenbodens, nicht mehr in der Lage, den Druck im Bauchraum in Verschlussdruck auf die Harnröhre umzuwandeln, kommt es zu ungewolltem Harnverlust. Durch Schwangerschaft, Gewebeschwäche, Hormonumstellungen oder Übergewicht können Muskulatur und Nerven des Beckenbodens geschwächt sein.

Aber schon simple Vorgänge wie eine deutliche Gewichtsreduktion, wenn Pfunde zu sehr den Beckenboden belasten oder regelmäßige Bewegung, um Durchblutung und Organversorgung in Schwung zu halten, können Abhilfe schaffen. Meistens hilft eine gute Beckenbodengymnastik oder ein kleinerer operativer Eingriff.

Basierend auf den Schätzungen wird Inkontinenz als „reines Frauenproblem” abgetan, aber es trifft auch Männer. Vor allem wenn es um die zweithäufigste Form, der Dranginkontinenz, geht. Schon eine geringe Füllung der Blase, kann einen so starken Harndrang auslösen, dass die Betroffenen die Toilette nicht mehr rechtzeitig erreichen.

Entzündungen der Blase und Harnröhre, eine vergrößerte Prostata, aber auch neurologische Erkrankungen wie Alzheimer, Schlaganfall oder Parkinson können die Ursache sein.

Inkontinenz kann die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken. Sie verzichten auf Wanderungen, Shoppingtouren oder Theaterbesuche. Sie verheimlichen ihr Leiden und verkriechen sich in den eigenen vier Wänden. Oder sie gehen, aus Angst, bald schon wieder in Bedrängnis zu geraten, ständig vorsorglich auf die Toilette.

Auch das ist nicht die Lösung. Denn durch das häufige Wasserlassen macht sich der Harndrang schneller bemerkbar. Die Blase wird in gewisser Weise klein trainiert und toleriert nur noch geringe Füllmengen. Statt 300 bis 500 Milliliter, die sich bei einem Gesunden problemlos in der Blase ansammeln können, gestattet das inzwischen fehlkonditionierte Organ nur noch 200 Milliliter.

„Unsere Patienten werden fast immer von mehreren Fachärzten untersucht. Bei Frauen sind es vor allem Urologen und Gynäkologen”, sagt Dr. Ruth Kirschner-Hermanns, die die gesamten Belange des Zentrums koordiniert.

Spezial-Angebote

Ein Fragebogen, den der Patient gemeinsam mit einer Krankenschwester ausfüllt und ein einstündiges Gespräch, stehen am Anfang der intensiven Betreuung durch das Kontinenzzentrum. Das Ärzteteam bietet nicht nur eine ausführliche Anamnese, sondern kann die Behandlung auch mit den neuesten medizintechnischen Geräten durchführen. Letzteres wird begünstigt durch die enge Verknüpfung zur Forschung.

Das Kontinenzzentrum an der Aachener Uniklinik ist das einzige Zentrum im Aachener Großraum, das ein video-urodynamisches Diagnosegerät zur Blasendruckmessung hat. Auch die Behandlung mit einem Magnetstimulationsstuhl, der eine gute Ergänzung zum Beckenboden- und Blasentraining sein kann, wurde durch Forschungsaktivitäten ermöglicht. Wer an einer überaktiven Blase leidet und bislang noch nicht die passende Therapie gefunden hat, kann hier möglicherweise durch eine Injektion von Botulinumtoxin, besser bekannt als Anti-Aging Mittel „Botox”, eine Problemlösung finden. „Weil die Behandlung aber noch nicht allgemein zugelassen ist, dürfen nur dafür berechtigte Zentren, wie wir, die Behandlung durchführen”, erklärt die Urologin.

Da Harninkontinenz wie kaum eine andere Erkrankung bei den Patienten eine starke soziale Isolierung und gesellschaftliche Einschränkung zur Folge haben kann, das Thema auch von vielen Ärzten in den Praxen ungern angesprochen wird, muss noch viel Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden. „Bei unserem nächsten Informationstag wollen wir zeigen, dass Inkontinenz ein wichtiges Thema für jeden Arzt ist und wir möchten den Betroffenen die Scheu nehmen, offen über ihre Situation zu sprechen”, unterstreicht Kirschner-Hermanns.
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