Berlin - Der „gelbe Schein” ist kein Freibrief

Der „gelbe Schein” ist kein Freibrief

Von: Michael Draeke, ddp
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Berlin. Der Kopf dröhnt, die Nase läuft, der Hals kratzt. Wenn einen morgens solche Krankheitszeichen plagen, dann dreht man sich im Bett lieber noch mal um, anstatt zur Arbeit zu gehen. Damit es keinen Ärger mit dem Chef gibt, sollten allerdings einige Punkte beachtet werden. Selbstverständlich muss der Arbeitgeber möglichst schnell über die drohende Abwesenheit informiert werden.

„Am besten ruft man gleich morgens in der Personalabteilung an oder schickt ein Fax oder eine E-Mail”, rät Torsten Walter, Arbeitsrechtsexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Berlin.

Ein herkömmlicher Brief könne hingegen bereits als verzögerte Krankmeldung gewertet werden, da dieser frühestens einen Tag später eintreffe, warnt der Jurist. Auch von Krankmeldungen per SMS ist eher abzuraten: „Da lässt sich schwer prüfen, ob die Nachricht tatsächlich angekommen ist”, gibt Walter zu bedenken.

Wenn die Erkrankung länger als drei Tage andauert, muss eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorgelegt werden. Das ärztliche Attest müsse beim Arbeitgeber spätestens am vierten Krankheitstag eingegangen sein, betont Walter. In Sonderfällen könne der Chef die ärztliche Bescheinigung aber auch schon früher fordern.

Dies sei allerdings nur zulässig, wenn der Arbeitgeber einen stichhaltigen Grund geltend machen könne, betont Ann Marini vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Berlin. Der bloße Verdacht, dass jemand blau mache, reiche dafür nicht aus.

Ob ein starker Schnupfen bereits für eine Krankmeldung reicht oder erst Fieber oder gar Schmerzen dazukommen müssen, ist im Arbeitsrecht nicht genau geregelt. „Entscheidend ist, ob der Betreffende arbeitsunfähig ist”, erklärt Walter. Dies könne jedoch von Beruf zu Beruf unterschiedlich bewertet werden. Während ein Dachdecker zum Beispiel mit einem verstauchten Fuß bereits nicht mehr arbeiten könne, sei dies unter Umständen für einen Büroangestellten kein ausreichender Grund, dem Job fernzubleiben.

Die Entscheidung über Arbeitengehen oder Betthüten liegt dabei ausschließlich im Ermessen des behandelnden Arztes - der Arbeitgeber muss nicht mal die Art der Erkrankung erfahren. Theoretisch genüge zur Begründung des Fernbleibens bereits die Information „Ich bin krank”, sagt Marini. Dass die meisten Arbeitnehmer dennoch Angaben zur Art ihrer Beschwerden machten, sei eher ein Akt der Höflichkeit. Auf dem zweiten Blatt der Arbeitsunfähigskeitsbescheinigung, das dem Arbeitgeber vorgelegt werden muss, ist die ärztliche Diagnose deshalb auch nicht angegeben.

Wer krankgeschrieben ist, muss zudem keineswegs ständig erreichbar sein. Wenn der Chef eine dringende Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlasse, sollte man ihn allerdings schon zurückrufen, empfiehlt Walter.

Bleibt die Frage, was man darf und nicht darf, solange man krankgeschrieben ist. Grundsätzlich gelte, dass der Patient dazu beitragen müsse, möglichst schnell wieder gesund zu werden, sagt Marini: „Sofern der Arzt nicht strikte Bettruhe verordnet hat, kann dazu unter Umständen auch ein Spaziergang an der frischen Luft beitragen.” Auch eine Reise zu Freunden oder Verwandten könne legitim sein, wenn der Erkrankte dadurch zum Beispiel besser versorgt sei und der Arzt vorher seine Zustimmung gegeben habe. Ebenso könne der Gang zur Apotheke oder zum Supermarkt nicht verwehrt werden.

Wer allerdings Bettruhe verordnet bekommen hat und dennoch im Café oder bei ausgedehnten Shopping-Touren angetroffen wird, hat ein Problem. Sobald handfeste Zweifel an der Erkrankung bestehen, kann der Arbeitgeber bei der Krankenkasse des Mitarbeiters eine Überprüfung der Arbeitsunfähigkeit beantragen. Teilt die Kasse die Bedenken, beauftragt sie den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) mit einer Prüfung.

Den sprichwörtlichen „Urlaub auf Krankenschein” sollte deshalb niemand in Anspruch nehmen: Wer erwischt wird, riskiert eine Kündigung. Auch mit einer Krankschreibung zu drohen, weil man keinen Urlaub bekommen hat, ist keine gute Idee: „Da hat man als Arbeitnehmer ganz schlechte Karten”, warnt Walter.

Die „AU”: So funktioniert sie

Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kann von einem Arzt der Wahl ausgestellt werden. Der ausstellende Mediziner darf das Attest höchstens zwei Tage rückdatieren. Das erste Blatt des „gelben Scheins” ist für die Krankenkasse bestimmt. In der Regel ist der behandelnde Arzt für die Weiterleitung zuständig. Im Zweifelsfall kann der Patient den Arzt bitten, es an die Kasse zu schicken. Das zweite Blatt muss spätestens am vierten Krankheitstag beim Arbeitgeber vorliegen. Die ärztliche Diagnose ist auf diesem Blatt nicht angegeben. Das dritte Blatt des Formulars verbleibt beim Arzt.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bietet eine umfassende Broschüre zum Thema Arbeitsrecht, die auch die wichtigsten Regelungen im Fall einer Erkrankung enthält, zum Download im Internet an: http://www.bmas.de (Rubrik: Arbeitsrecht / Publikationen / Arbeitsrecht) Bei der Gewerkschaft ver.di kann man eine Infobroschüre zum Thema Arbeitsunfähigkeit bestellen (für Mitglieder kostenlos): http://www.hamburg.verdi.de (Rubrik: Services und Recht / Rechtsfragen / Broschüren / Die Arbeitsunfähigkeit) Der Deutsche Anwaltverein bietet eine Anwaltsuche im Internet an, bei der unter anderem auch nach Spezialisten für Arbeitsrecht gesucht werden kann: http://www.anwaltauskunft.de

Bücher zum Thema

Bücher: Nikolaus H. Notter, Walter Obenaus, Walter Ruf: „Arbeitsrecht in Frage und Antwort”, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Auflage 2009, 9,90 Euro, ISBN: 978-3423506298 Birgit Franke, Christoph Burgmer: „Meine Rechte im Job” (ZDF-WISO-Ratgeber), Campus Verlag, 2008, 15,90 Euro, ISBN: 978-3593385327
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