Depressionen durch Hormone: kranke Schilddrüse kann für Stimmungstief verantwortlich sein

Von: Ilka Kreutzträger, dapd
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Leipzig/Hamburg. Wenn der Antrieb fehlt, Alltägliches zu anstrengend scheint, oder der Appetit verloren geht, wird schnell eine depressive Verstimmung diagnostiziert. Aber diese Symptome können ebenso Ausdruck einer Schilddrüsenerkrankung sein. <br />

Nicht selten sind die psychischen Veränderungen erste Anzeichen einer Funktionsstörung der Schilddrüse und erst im weiteren Krankheitsverlauf kommen körperliche Beschwerden hinzu.

„Heute soll es deswegen Standard sein, dass bei Patienten mit Depressionen oder Stimmungstiefs die Schilddrüsenfunktion getestet wird”, sagt die Professorin Dagmar Führer-Sakel vom Universitätsklinikum Leipzig. „Denn Schilddrüsenhormone können sich auf die Psyche auswirken und regelrecht wesensverändernd sein.” Vor allem bei Patienten mit einer Schilddrüsenunterfunktion kann es zu einer Fehldiagnose kommen, weil die Symptome denen einer depressivem Verstimmung gleichen.

„Eine nicht erkannte Schilddrüsenunterfunktion und eine damit einhergehende falsche Behandlung kann eine Depression im Zweifel sogar noch verstärken”, sagt Professor Christoph Keck, Gynäkologe am Endokrinologikum Hamburg. Ein Problem, das vor allem Frauen betrifft, die in die Wechseljahre kommen, denn in dieser Lebensphase sei eine depressive Stimmung nicht ungewöhnlich.

„Viele Ärzte denken bei Frauen Ende 50, Anfang 60 reflexartig an Wechseljahressymptomatik und nicht zuerst an die Schilddrüse, wenn sie mit depressiver Stimmung in die Sprechstunde kommen”, sagt Keck. Untersuche der behandelnde Arzt die Eierstöcke, werde er naturgemäß einen Hormonmangel feststellen und diesen mit Hormonersatzpräparaten behandeln. Die Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion werde dann leicht übersehen.

„Die Folge der falschen Behandlung kann sein, dass sich die depressive Symptomatik verstärkt und dass es den Frauen immer schlechter geht”, sagt Keck. Denn eine ins Leere gehende Therapie führe die Betroffenen in einen Teufelskreis aus immer neuen Präparaten, wechselnden Ärzten und keiner Besserung. „Die Untersuchung der Schilddrüse sollte Standard sein”, sagt Keck.

Für eine korrekte Diagnose Schilddrüsenfehlfunktion durch den behandelnden Arzt sei aber auch die Selbsteinschätzung der Patienten wichtig. Häufig komme es vor, dass die psychischen und körperlichen Symptome von den Betroffenen nicht ernst genommen und als reine Befindlichkeit abgetan werden. „Viele Frauen sagen, das kenne ich, meine Mutter hatte das auch in den Wechseljahren”, berichtet der Gynäkologe.

„Die Erkrankung der Schilddrüse entwickelt sich bei den meisten Menschen schleichend”, sagt er. „Deswegen sind Symptome am Anfang oft nur schwach ausgeprägt und unser Körper gewöhnt sich langsam an den veränderten Hormonspiegel.” So sei es zu erklären, dass viele Patienten lange mit einer unerkannten Schilddrüsenerkrankung leben, bevor sie überhaupt einen Arzt aufsuchen. Wurde eine Störung der Schilddrüsenfunktion nachgewiesen, so sei es wichtig, sich zur Behandlung an ein Zentrum zu begeben, in dem Experten verschiedener Disziplinen für die Patientin ein individuelles Therapiekonzept erarbeiteten.

Die Schilddrüse beeinflusst unseren Körper: Das reicht vom Herz-Kreislauf-System über die Verdauung und die Muskelkraft bis hin zur Aktivität der Schweißdrüsen und dem Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel. Ganz besonders wichtig ist eine normale Schilddrüsenfunktion für das Gehirn. Über die Nahrung wird Jod aufgenommen, der wichtigste Baustein für die Bildung der beiden Hormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4).

„Bei Bedarf werden diese Hormone dann aus der Schilddrüse ins Blut abgeben - und über das Blut in die Zellen, in Herz, Knochen, Fettgewebe oder das Gehirn transportiert”, sagt Führer-Sakel. „Deswegen kann mittels einer Blutuntersuchung im Labor herausgefunden werden, ob zu viel oder zu wenig T3 und T4 im Blut sind.” Weichen die Werte vom Normbereich ab, müssten weitere Tests durchgeführt werden, um die Ursache der Fehlfunktion zu finden und die richtige Behandlung zu beginnen.

„Es kommt jedoch nicht selten vor, dass Patienten auch nach einer Behandlung weiter über Beschwerden klagen”, sagt Führer-Sakel. Und dass, obwohl die Laboruntersuchungen ergeben, dass die Betroffenen medikamentös richtig eingestellt seien. Patientinnen, denen die Schilddrüse operativ entfernt wurde, nähmen oft deutlich Gewicht zu. Andere Patienten beklagten mangelnde Leistungsfähigkeit, Konzentrationsstörungen und eine verminderte Lebensqualität.

„Wir wissen heute, dass die Schilddrüsenhormone aktiv in die Zellen transportiert werden”, sagt Führer-Sakel. „Diese Transportmechanismen sind für einzelne Organe aber möglicherweise auch von Person zu Person unterschiedlich und potentiell störanfällig.” Das bedeute, dass zwar ausreichend Hormone im Blut vorhanden sind, aber nicht an ihr Ziel gelangen können oder dass man die Hormone über Tabletten nicht im richtigen Verhältnis ersetze.

Eine neue Untersuchungsmethoden, um die Wirkungen von Schilddrüsenhormonen auf das Gehirn zu untersuchen, stellt zum Beispiel die funktionelle Magnetresonanztomographie (funktionelle MRT) dar. Mit einer Kombination aus Kernspintomographie und funktionellen Tests kann man herausfinden, für welche Hirnregionen und Hirnfunktionen Schilddrüsenhormone besonders wichtig sind. So lassen sich laut Führer-Sakel künftig auch psychische Veränderungen bei Patienten mit Schilddrüsenfunktionsstörungen besser verstehen.
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