Bochum - Demenzangehörige brauchen mehr Hilfe bei der Pflege

Demenzangehörige brauchen mehr Hilfe bei der Pflege

Von: Rolf Schraa, dpa
Letzte Aktualisierung:

Bochum. Die pflegenden Angehörigen von altersverwirrten Menschen brauchen nach Auffassung des Bochumer Gerontopsychiaters Rainer Wolf mehr Unterstützung durch professionelle Dienste.

„24 Stunden lang einen Demenzkranken allein zu betreuen, kann auf die Dauer extrem belastend sein”, sagt der Bochumer Oberarzt. Wolf arbeitet an der LWL-Universitätsklinik Bochum für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Präventivmedizin.

Studien zeigten, dass die Angehörigen ohne ausreichende externe Hilfe angesichts der Überforderung nach wenigen Jahren selbst erkrankten: Fast die Hälfte pflegender Ehepartner würde danach schwer depressiv, 80 bis 90 Prozent litten unter körperlichen Symptomen oder Krankheiten wie Erschöpfung, Magen- und Herzbeschwerden oder Gliederschmerzen. Die Folge sei unter anderem ein erhöhter Beruhigungsmittelkonsum.

„Das Belastungserleben der Angehörigen ist enorm”, sagte Privatdozent Wolf. Fast täglich ereigneten sich im familiären Zusammenleben mit einem dementen Menschen neue, im Krankheitsverlauf zunehmende „Katastrophen”. Fehlhandlungen vom vergessenen Schlüsselbund bis zum Verschmieren von Kot müssten dabei häufig vom Ehepartner zunächst allein bewältigt werden.

Wolf fordert deshalb eine Aufstockung der Zahlungen für die häusliche Pflege, für Angehörigengruppen, informelle Helfer und professionelle Dienste. Nur so könne eine Entlastung der zu Hause pflegenden Angehörigen und damit ein möglichst langer Verbleib der Kranken in der Familie erreicht werden.

Berichte über Missstände in stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen wie Gewalt gegen Alte, Fesselungen, unkorrigierte Fehldiagnosen und Fehlverschreibungen von Psychopharmaka müssten unbedingt aufgearbeitet werden, forderte Wolf. „Jeder Skandal ist einer zu viel.” Solche Fälle trügen dazu bei, alten Menschen Angst vor vermeintlich vollständiger Abhängigkeit im Heim zu machen. Dies belaste auch den Alltag in tadellos laufenden Einrichtungen.

Ärzte verschiedener Fachrichtungen verschrieben alten Menschen häufig gleichzeitig hoch wirksame Medikamente, ohne in vielen Fällen die Wechselwirkungen zu bedenken. Oft seien sie auch gar nicht bekannt, sagte der Gerontopsychiater. Hier bestehe dringend Forschungsbedarf, es fehle auch an Austausch der Fachgebiete.

Bei einer Überweisung alter Menschen ins Krankenhaus oder dem Umzug ins Pflegeheim müsse der zuletzt hauptverantwortliche Arzt unbedingt alle wichtigen Vorerkrankungen, auch die anderer Fachgebiete, übermitteln. Dies unterbleibe gerade bei älteren Patienten mit vielen Erkrankungen und mehreren medikamentösen Therapien leider immer wieder.

In Deutschland gibt es derzeit rund 1,1 Millionen Demenzkranke. Es wird erwartet, dass die Zahl sich bis 2030 auf etwa 1,7 Millionen erhöht. Fachleute gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der Menschen mit Demenz in Heimen lebt.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert